Als Christen nach dem Dritten Reich

Rückblick im Zorn

Das Schreckliche, das geschehen ist, ist so überwältigend, dass es einem den Atem verschlägt und vielen auch die gesunde und ruhige Überlegung. Die erste Reaktion auf Berichte aus der NS-Zeit ist Entsetzen, dann Wut auf die Täter, die SS - und Gestapo - Schergen, und auf deren Auftraggeber. Aber sie sind nicht mehr greifbar. Wenn der angestaute Zorn seine entsprechenden Objekte nicht findet, dann sucht er sich neue.
Damals in der Zeit der so genannten Jugendrevolution der 68-Jahre war es einfach pauschal die ältere Generation, die man für die Schreckensjahre verantwortlich machte. Das nahm oft absurde Formen an. Eine Bäuerin erzählte, ihr Enkel, ein junger Mann mit 20 habe ihr Vorhaltungen gemacht, warum sie damals nichts dagegen unternommen habe.
Dabei war diese Frau alles andere als nazistisch eingestellt, ihre Familie ein Sammelpunkt für Nazigegner, sie bot einen Raum, in dem man frei reden konnte.

Unmittelbar nach Kriegsende war bei allen Kriegsgegnern die Meinung weit verbreitet, alle Deutschen seien schuldig und müssten deshalb bestraft werden. Die Folge war dann auch die Vertreibung von 14 Millionen aus ihrer Heimat und die Ermordung Ungezählter. Vor kurzem wurde erst ein Buch geschrieben, das von den Deutschen als von einem Tätervolk spricht. Schon Papst Pius XII hatte die Behauptung einer Kollektivschuld zurückgewiesen, ebenso die deutschen Bischöfe. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss wehrte ebenfalls den Begriff der kollektiven Schuld ab und sprach von einer kollektiven Scham. Insofern wir zum deutschen Volk gehören sind wir an den Verbrechen von Auschwitz nicht schuldig aber doch betroffen. Wir werden im Hinblick auf diese Geschehnisse immer anders reagieren als Vertreter anderer Völker selbst in der dritten und vierten Generation.

Seitdem Rolf Hochhut vor mehr als 40 Jahren das Theaterstück über Papst Pius XII schrieb, ist es üblich, der Kirche die Schuld zu geben. Sie habe zu den Gräueltaten geschwiegen und als moralische Instanz versagt. Besonders der erwähnte Papst hätte durch mutige öffentliche Proteste das Schlimmste verhindern können. Diese Meinung wird heute als fest und sicher weitergegeben und fließt in die verschiedensten Darstellungen der Medien mit ein.
Vergessen wird dabei, dass die katholische Kirche insgesamt das erklärte Angriffsziel der Nazis war. Die Nazipropaganda hat die Kirche gerade wegen ihrer Nähe zu den Juden angegriffen. Die Katholiken wurden als die Helfershelfer der Juden beschimpft, den Priestern wurde vorgeworfen, sie würden die Juden in Schutz nehmen, dagegen die Nationalsozialisten verunglimpfen. Die Zahl der Opfer unter Laien, Priestern und Ordensleuten war gewaltig. Es sei noch einmal Robert Kempner, der Ankläger bei den Nürnberger Prozessen angeführt, der von 4000 ermordeten katholischen Priestern spricht (1).
Die katholische Kirche wurde nach dem Krieg von den Alliierten als die einzige moralische Instanz betrachtet, auf deren Urteil man etwas geben konnte.

Ein gutes Zeugnis von einem katholischen Pfarrer wurde von den Behörden der Besatzungsmacht anerkannt. Deshalb war es auch von ehemaligen Parteigenossen sehr begehrt.
So sehr man über das Geschehene aufgewühlt sein kann, als verantwortlich Denkende und als Christen sollten wir uns fragen: Werden wir im Zorn den Menschen von damals, Freunden und Feinden gerecht? Es ist erwiesen, dass Affekte, Sympathie und Antipathie die Wahrnehmung beeinflussen und verzerren. Wer sich unkontrolliert dem Zorn überlässt, hört auf zu unterscheiden und die Dinge, wie sie waren, sachlich zu betrachten. Man kann vor Wut blind sein. Pauschale Urteile sind immer ungerecht.
Wenn sich einmal ein starker Affekt gegen einen weltanschaulichen oder politischen Gegner, vor allem die Kirche eingehakt hat, sucht man begierig danach, die einmal gefasste Meinung bestätigt zu bekommen und seinen Emotionen immer neue Nahrung zu geben. Entsprechend werden Dokumente ausgewählt, interpretiert, berücksichtigt oder übergangen. Der Zorn ist kein guter Ratgeber, um der Wahrheit auf Spur zu kommen, vor allem nicht, um eine bessere Welt zu schaffen.

War es nicht gerade die Methode Hitlers, den Zorn zu schüren und hat er nicht gerade auf diese Weise ein Potential an Aggressionen aufgebaut, worüber er bestens verfügen konnte. Eines ist sicher: wer aus einem starken Affekt heraus denkt, redet und handelt, löst negative Stimmungen aus, wer zum Zorn aufstachelt, trägt nicht zur Versöhnung bei. Es bleibt uns keine Wahl, als die Verhältnisse und die Menschen aus dieser Zeit vorurteilslos und differenziert zu betrachten.
Nicht jeder Deutsche war ein Nazi, nicht jeder, der bei der SS war, ein Mörder, nicht jedes Parteimitglied ein Denuntiant, ein Aushorcher und Zuträger. Heute heißt das: Nicht jeder Araber ist ein Terrorist, nicht jeder Moslem ein fanatischer Fundamentalist.

Es gibt nur dann einen Fortschritt in der Humanität - wir sagen in der christlichen Nächstenliebe - wenn man seine seelische Gestimmtheit überprüft: seine Sympathien und Antipathien, die Wahl seiner Freunde und Feinde, seine Angst und seinen Eifer. Man kann sich nicht nur in seinen Aggressionen irren sondern auch in seinen Idealen. Man sollte sich fragen: Ist der Eifer auch erleuchtet?
Religiös sein heißt nicht schon, den Willen Gottes kennen und erfüllen. Wer sich gegen Unrecht auflehnt, ist noch nicht davor bewahrt, selbst wieder Unrecht zu begehen. Deshalb hat Ignatius die Unterscheidung der Geister in seine Exerzitien eingebaut.

Rückblick in Betroffenheit und Trauer

Moralische Entrüstung und Zorn sind natürlich. Wir dürfen sie uns eingestehen. Wir werden wacher für geschehenes Unrecht. Wir sollten dabei aber nicht stehen bleiben. Die Reaktion im Sinne Jesu ist eher die Trauer als der Zorn. Jesus hat die Trauernden selig gepriesen nicht die Zornigen. Trauer ist Zulassen eines tieferen Schmerzes, ist mitleiden und durchleiden. In Therapiegesprächen zeigt sich immer, dass das Erleiden des Schmerzes die Wende bringt und auch Verbindung schafft.

“Papi wohin gehst du?” fragte das Töchterlein von Nikolaus Gross seinen Vater, als er verhaftet wurde. Er kam nie wieder zurück. “Papi wohin gehst du?” haben damals Millionen Kinder ihren Vater gefragt und er kam nie wieder. In ganz Deutschland genauso wie in Russland, in England, Frankreich, Holland und in all den Ländern, die vom Krieg überzogen wurden. Das Leid dieser Kinder war überall dasselbe. Sich davon berühren lassen führt in eine andere Richtung als zu gegenseitigen Beschuldigungen. Die Kinder von damals ganz gleich aus welchem Land hatten dasselbe Schicksal. Sie mussten ohne Vater und oft auch ohne Mutter aufwachsen oder noch Schlimmeres erdulden. Das gemeinsame Schicksal, der Schmerz und die Trauer können Verbindung schaffen. Wir dürfen an manches Treffen an Kriegsgräbern denken. Menschen mit demselben Schmerz reichen sich leichter die Hand.
Ein Mann, der in russischer Kriegsgefangenschaft war, so erzählte er in einem Fernsehbericht, kam in ein Bauernhaus, in dem das Bild eines jungen Mannes hing. Der Bauer erklärte ihm, es sei das Bild seines Sohnes, der im Krieg gefallen war. Dem Gefangenen kam der Gedanke, er selbst könnte ihn erschossen haben. Er verstand den Schmerz des Vaters und trauerte mit ihm. Beide wurden Freunde.

Rückblick zur Versöhnung

Das letzte Beispiel zeigt, dass echte Betroffenheit und Trauer Affekte verändern, dass Misstrauen, Ablehnung und Hass nicht unüberwindbar sind. Es klingt paradox, wenn man aus Erfahrung sagen kann: der Schmerz heilt.

Auffallend ist, dass die Glaubenszeugen der letzten Woche, die selbst die schlimmsten Schrecken durchlitten hatten, keineswegs nach Rache und Vergeltung riefen. Sie starben im Frieden mit sich und ihrem Gewissen, selbst im Frieden mit ihren Feinden. Von Michael Kitzelmann wurde gesagt, dass er seinem Verräter sogar dankte, weil er ihm zu einem solch wunderbaren Tod verholfen habe. Ähnliche Gesinnung können wir den letzten Nachrichten der anderen Märtyrer entnehmen. Sie sind die glaubwürdigsten Zeugen dafür, dass es möglich ist, die Bergpredigt mit dem Gebot der Feindesliebe zu erfüllen. “Ich aber sage euch: liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet” (Mt 5, 44).

Bischof Luthe von Essen sagte im Zusammenhang mit der Seligsprechung von Nikolaus Gross, die Heiligen seien die besten Ausleger der Heiligen Schrift. Indem sie sich dem Willen Gottes ergaben, haben sie Versöhnung erfahren. In ihnen hat sich ein Erlebnisraum geöffnet, in dem Gefühle der Wut und der Rache keinen Platz mehr hatten. Es ist das Glück der Nähe Gottes, das die ganz normalen Emotionen außer Kraft setzt. In unseren oft so aufgeregten Diskussionen um Schuld und Versagen könnte dies der Schlüssel aus verfahrenen Gesprächssituationen sein.

Rückblick mit Barmherzigkeit

Hier wäre auch daran zu denken: Wie gehen wir mit denen um, die mit den Verbrechen verwickelt waren? Sie sind inzwischen zum größten Teil nicht mehr am Leben, aber wie ist es mit ihren Nachkommen, mit denen, die ihren Namen tragen? In einer Gruppe wurde sehr lebhaft über die schrecklichen Täter von damals diskutiert. Da meldete sich eine Frau und sagte unter Tränen: Mein Vater war auch bei der SS. Da war peinliches Schweigen. Das Problem fühlte sich plötzlich anders an. Man versuchte zu beschwichtigen, er müsse deshalb noch kein Verbrecher gewesen sein. Das half ihr nicht viel. Und wenn er es wirklich war? Im Grunde war es ein Ausweichen vor der Konfrontation mit dem Vater, mit dem nun die Tochter nur schwer leben kann.
Es ist nicht leicht, ohne den Hintergrund des barmherzigen Gottes in einer solchen Lebensgeschichte zu stehen. Ein gläubiger Menschen kann sich auf ein Wort aus der Heiligen Schrift stützen. Ein solches finden wir im ersten Johannesbrief. “Wenn unser Herz uns anklagt - Gott ist größer als unser Herz ” (1 Johannes 3,20).

Zur Versöhnung gibt es keine Alternative

Sie beginnt im eigenen Herzen, wenn man bereit ist, den Blick auf die eigenen Emotionen zu richten.
Wir sollten uns fragen: Von welchen Gefühlen bin ich geleitet? Was hat der Blick auf die Vergangenheit in mir ausgelöst?
Betroffenheit, Zorn, Trauer, Ratlosigkeit, Zweifel an einem guten Gott, oder Gewissheit, Festigkeit im Glauben?

Das Schicksal der Glaubenszeugen, ihr Mut und ihre innere Konsequenz können in uns etwas anstoßen. Wenn wir der ganzen Tragweite, die damit verbunden ist, nicht ausweichen, öffnet sich ein neuer Raum des Denkens und Erlebens auch in uns.
Es wird möglich, Entscheidungen zu treffen, die uns voll und ganz herausfordern, die Emotionen, sogar die Angst vor dem Tod überwinden. Wir werden befähigt, auf dem Weg der Versöhnung weiterzugehen.
Bei vielen bleibt immer noch die Frage: Warum? Warum konnte das ein guter, gerechter, allmächtiger Gott zulassen?
Es wird immer ein großes Geheimnis bleiben, das Ausmaß des Schreckens mit der Vorstellung von einem liebenden Gott zusammenzubringen.

Ein Wort des Apostels Paulus, der selbst mit einem unbegreiflichen Gott gerungen hat, sollte uns zum weiteren Nachdenken und Suchen anregen:
“Aber wo die Sünde groß wurde, ist die Gnade über die Maßen groß geworden” (Röm 5,20).