„Diebstahl an existentiellem Ernst“
Von der heillosen zur heilsamen Kritik Eugen Drewermanns

    Einleitung

1. Das Christentum ist keine Lehre

2. Beim Traum, nicht beim Wort ist zu beginnen-
    Mythos statt Geschichte?
    Die tiefenpsychologische Schriftauslegung

3. Erlösung von der Sünde oder von der Angst?                           
    Durch das Kreuz Christi oder durch die Psychoanalyse?

4. Selbstverleugnung oder Selbstfindung?

5. Reifen zur Liebe
    Wie unauflöslich ist die Ehe?

6. Franziskushaltung - Fehlhaltung?


Einleitung:
 
Eugen Drewermann hatte in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Theologe, Priester und Psychoanalytiker im deutschen Sprachraum höchste Aufmerksamkeit erregt und dabei begeisterte Zustimmung und entschiedene Ablehnung erfahren. Er entwickelte einen ganz neuen Stil des Redens über theologische Themen.  Sein Hauptanliegen war, aufzuzeigen, dass theologische Aussagen mit dem Menschen zu tun haben. Bei ihm kommen Theologisches und Psychologisches, Religiöses und Menschliches zusammen, was von den einen als befreiend und wohltuend, von den andern als bedrohend und Angst machend empfunden wird. Es waren die Schärfe seiner Sprache und der Reichtum seiner Ausdrucksweise, mit welchen er es verstand, unterschwellige Gefühle, unterdrückte Unzufriedenheiten und Konflikte beim Namen zu nennen. Sein Anliegen lässt sich so zusammenfassen: Es geht es ihm um den existentiellen Ernst.
 
Er versuchte, im kirchlichen Raum etwas zu bewegen, theologisches Reden aus der Erstarrung zu lösen und so zu gestalten, dass es wieder hilft zu leben. Seine massive Kritik an der herkömmlichen Art, Theologie zu treiben und an den kirchlichen Institutionen, schaffte ihm sehr bald eine geschlossene Front von Gegnern und führte schließlich zu einer Eskalation, welche mit dem Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis, mit der Suspendierung vom priesterlichen Amt und mit seinem Austritt aus der Kirche
endeten. Die Vorwürfe gegen ihn gipfeln darin, dass er mit seiner Kritik maßlos übertreibe, dass er wissenschaftlich unsauber arbeite, wichtige Beiträge der theologischen Szene nicht kenne, dass er zu suggestiv und einseitig argumentiere, dass er den gemeinsamen Konsens der kirchlichen Lehre verlassen habe.
 
Aus der fachlichen Sicht der Psychoanalyse kann man ihm vorwerfen, dass er seine eigene Analyse abgebrochen, dass seine Reaktionen auf Angriffe emotional unkontrolliert und überzogen sind, dass er einen ausgeglichenen Umgang mit den Emotionen nicht praktiziere und damit die Ergebnisse einer gelungenen Psychoanalyse selbst nicht vorweise.
Dabei ist nicht zu übersehen, dass sein Auftreten die namhaftesten Theologen seiner Zeit im deutschen Sprachraum zu einer Stellungnahme herausforderte. In einem Sammelband „Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens?“ 1) versuchen sie richtig zu stellen, was nach ihrer Meinung bei Drewermann schief liegt.
 
Die Kritiker aus den Reihen der Theologie werden dem tiefenpsychologischen Ansatz nicht gerecht. Dies zeigt schon der Titel des Sammelbandes. Die Bezeichnung „Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens?“ erweckt den Eindruck, als ob es dem Autor darum ginge, den Glauben in Tiefenpsychologie umzudeuten und ihn in deren Begrifflichkeiten aufzulösen.
In Wirklichkeit ist es der Versuch, aus ihrer Sicht den Glauben besser zu verstehen und zu erschließen. Im Mittelpunkt steht der konkrete Mensch mit seiner Geschichte, mit seiner Not und Verzweiflung, nicht eine kluge Theorie. Wer von Tiefenpsychologie eine Ahnung hat und sich auch in Theologie auskennt, kommt bei der Lektüre zu dem Ergebnis: Hier treffen zwei verschiedene Denkweisen aufeinander.
Derselbe Ausdruck ruft im Denkrahmen der Theologie andere Inhalte und Reaktionen hervor als in dem der Tiefenpsychologie. Nehmen wir den Begriff „Selbstverwirklichung“. Allein schon das Wort „selbst“ klingt für die einen nach purem Egoismus und Auflehnung gegen Gott.
Für die psychotherapeutisch Tätigen ist jedoch eine verantwortlich, in Bewusstheit gestaltete Selbstwerdung nichts als der Weg eines Menschen aus seinen Sackgassen, Verstrickungen und Ängsten, welche in der Entfremdung vom Ureigensten ihre Ursache haben. Mit anderen Worten: Es ist die Heilung der Menschen, wozu Jesus die Jünger beauftragt und auch befähigt hat (Vgl. Mt 10,1 und 10,8). Der tiefenpsychologische Zugang zum Menschen gewinnt insofern an Bedeutung, als der Sitz der Emotionen und der Motivation, welche sein Schicksal bestimmen, dem denkenden Ich verborgen ist. Die Psychotherapie enthält die Kunst, diesen verborgenen, bisher unzugänglichen Raum der Seele zu öffnen und neu zu gestalten. Konkret heißt das:  Menschen in ihren bedrängenden Lebensfragen, in ihrem Leid, in ihrer Verwirrung und Orientierungslosigkeit werden aufgefangen und es wird ihnen eine neue, intensivere, positive Erfahrung vermittelt. Damit werden sie vom Grund her gewandelt.
 
Damit wird bestätigt, was schon der Philosoph Spinoza  (1632 - 1677) erkannte, dass Gefühle nicht durch die Vernunft sondern nur durch ein stärkeres Gefühl verändert werden.
Es ist offensichtlich, dass der Zulauf zu den psychotherapeutischen Stellen ständig im Wachsen, während kirchliche Seelsorge im Schwinden ist. Die Leute gehen dahin, wo sie wirksame Hilfe bekommen. Damit ist auch eingeschlossen: Mit der Tiefenpsychologie - richtig verstanden und angewendet - wäre es möglich, in die geistige und emotionale Strömung der Zeit einzugreifen und sie zum Guten zu lenken. Wenn das Böse, worüber so viel in der Kirche geklagt wird, vornehmlich durch Vereinsamung, Überforderung, Verzweiflung und Angst bedingt ist, dann gebührt jener Methode der oberste Rang, welche  Menschen aus ihren Verstrickungen herauszuführen vermag. Das bedeutet aber: Wer ihre Ansätze übergeht, verzichtet auf die Chance, den Menschen das notwendige Heilmittel zu geben und Einfluss auf die Stimmung und Entwicklung der Zeit zu nehmen.
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass man mit der Tiefenpsychologie eine neue Doktrin dem bisherigen Wissen vom Menschen hinzufügt, sondern dass man dem Menschen von heute in seinem Elend und in seiner Hoffnung gerecht wird.
Im Letzten geht es darum, jenen Teil der menschlichen Seele zu erreichen, der in der therapeutischen Methode das „Unbewusste“, in der Heiligen Schrift „das Herz“ genannt wird.
Hier treffen wir unmittelbar auf das zentrale Anliegen Jesu, der seine Enttäuschung über die geistliche Führungsschicht seiner Landsleute mit den Worten ausdrückt: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist weit von mir“ (Mt 15,8).
Diese harte Kritik überträgt Drewermann auf die Maß gebenden Gelehrten und Personen der Kirche von heute, ob in der Leitung oder in der Lehre und erntet damit die zu erwartende Ablehnung.
 
Für den Umgang mit seinen Werken heißt das nicht, sich unbedingt von seinen Emotionen mitreißen, wohl aber sich zum eigenen Weiterdenken anregen lassen. Man würde ihn sicher falsch verstehen, würde man sich kritiklos zum Verfechter seiner Ideen machen. Damit würde man dem echten, bedrängenden Anliegen, das er vertritt, nicht gerecht.
 
Wohl aber darf man genau hinschauen, wo auch Drewermann einseitig und ergänzungsbedürftig ist. Eine neue Sicht der Dinge, in diesem Fall des Glaubens, ist dann fruchtbar und bereichernd, wenn eine Wahrheit aufgezeigt wird, die bisher zu wenig gesehen, noch weniger gelebt wurde. Wer so denkt, wird die Schriften Drewermanns nicht als Bedrohung empfinden, vielmehr als Herausforderung, seinen geistigen Rahmen zu erweitern und sogar zu einer Vertiefung und neuen Lebendigkeit seines Glaubens zu finden.


Fortsetzung folgt


1) Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens? Hrsg. v.Albert Görres und Walter Kaspar