„Diebstahl an existentiellem Ernst“
Von der heillosen zur heilsamen Kritik Eugen Drewermanns

    Einleitung

1. Das Christentum ist keine Lehre

2. Beim Traum, nicht beim Wort ist zu beginnen-
    Mythos statt Geschichte?
    Die tiefenpsychologische Schriftauslegung

3. Erlösung von der Sünde oder von der Angst?                           
    Durch das Kreuz Christi oder durch die Psychoanalyse?


4. Selbstverleugnung oder Selbstfindung?

5. Reifen zur Liebe
    Wie unauflöslich ist die Ehe?


6. Franziskushaltung - Fehlhaltung?

 

Einleitung:

Der Paderborner Theologe, Priester und Psychoanalytiker Eugen Drewermann war im deutschen Sprachraum zu einem Phänomen geworden; denn selten geschieht es, dass beim Vortrag eines Theologen Säle überfüllt sind, oder dass man um theologische Probleme heiß diskutiert. In Eugen Drewermann kommen Theologisches und Psychologisches so zusammen, dass er einen ganz neuen Stil des Redens über menschliche Probleme und darüber, was sie mit Gott zu tun haben, entwickelt hat Was bei ihm so anzog , ist die Schärfe seiner Sprache und der Reichtum seiner Ausdrucksweise, vor allem aber weil er es versteht, unterschwellige Gefühle, unterdrückte Unzufriedenheiten und Konflikte beim Namen zu nennen.

Für viele hatte er die Hoffnung geweckt, im kirchlichen Raum etwas zu bewegen, indem er theologisches Reden aus der Erstarrung löste und so gestaltete, dass es wieder hilft zu leben.

Für den Umgang mit seinen Werken heißt das primär: sich inspirieren, sich anregen lassen zum eigenen Weiterdenken. Man würde ihn sicher falsch verstehen, würde man sich kritiklos zum Verfechter seiner Ideen machen. Damit würde man seinem Anliegen nicht gerecht werden. Wohl aber darf man genau hinschauen, wo auch D. einseitig und ergänzungsbedürftig ist. Eine neue Sicht der Dinge, in diesem Fall des Glaubens, ist dann fruchtbar und bereichernd, wenn wir uns fragen: Welche Wahrheit wird uns aufgezeigt, die bisher zu wenig gesehen, noch weniger gelebt wurde? Wer so denkt, wird die Schriften Drewermanns nicht als Bedrohung empfinden, vielmehr als Herausforderung, seinen geistigen Rahmen im Hinblick auf den Glauben zu erweitern.

Die erfüllte Prophezeiung

Inzwischen sind dreißig Jahre vergangen. Es hat sich ereignet, was viele befürchtet hatten: Drewermann wurde die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen, ja noch einschneidender: Er hat sich auch von der Kirche verabschiedet. Es ist um ihn still geworden, aber nicht um die Skandale der Kirche, die seit 10 Jahren immer wieder die Schlagzeilen füllen. Drewermann und die Psychoanalyse scheinen vergessen zu sein.

Dabei hätte gerade deren Anwendung das Schlimme verhindert, würde die Problematik von Grund auf bearbeiten und die so häufig beschworene Prävention effektiv machen. Drewermann selbst hatte damals in der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern eine Schrift verfasst, die den Titel trägt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen".1 Diese Vorhersage ist nun bitter bestätigt! Gewiss kein Anlass zur Schadenfreude, aber doch zur Einsicht, wie wichtig und notwendig sein Ansatz zur Überwindung der Krise wäre!

D. hatte die führenden und maßgebenden Theologen seiner Zeit herausgefordert. Sie hatten ihm in der Reihe - quaestiones disputatae 2- einen ganzen Sammelband gewidmet unter dem Titel „Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens?" 3 Allein schon der Titel lässt das Missverständnis offen werden, als ob der Glaube in psychologische Begrifflichkeiten umgedeutet werde. Es geht vielmehr darum wie der glaube wieder lebendig werden und in der Existenz der Menschen weder Fuß fassen kann. Dies geht nicht, ohne die Seele des Menschen und deren Reaktionen zu kennen, was man gewöhnlich Psychologie nennt.

In den Beiträgen wird eines deutlich:

D.wurde nicht verstanden, wie die Menschen von heute von den Theologen nicht verstanden werden. Man darf dies als den eigentlichen Grund der Entfremdung der Massen von der Kirche sehen.

Drewermann selbst sagt, dass er keine katholische Wahrheit leugne, nur die Ergebnisse der historischen Forschungen ernst nehme. Eines ist sicher: Die Auseinandersetzung um Drewermann beruht zum größten Teil auf Missverständnissen.

Sein Hauptanliegen ist, dass die christliche Religion, von der Innenseite der Seele d.h. vom menschlichen Erleben her zu verstehen sei. Er könnte sich dabei auf die christlichen Mystiker berufen, die vom "Seelengrund" (Tauler) und vom "Seelenfunken" (Meister Eckehard) sprechen ebenso auf Bonaventura, der sagte, dass Gott dem .Menschen zuinnerst sei. Dazu ließen sich viele Stellen im Neuen Testament anführen, nicht zuletzt die Aussage des Paulus:

"Nicht mehr ich .lebe, Christus lebt mir" (Gal 2,2). Er tut es aber nicht. Der Vorwurf lautet: Dann ist ja die Religion nur subjektiv; der einzelne entscheidet dann über die Religion. Dazu muss gesagt werden, dass niemand darum herumkommt, seinen eigenen Glaubensweg zu gehen und sich mit den objektiven Wahrheiten auseinanderzusetzen. Drewermann leugnet nicht die Notwendigkeit dogmatischer Aussagen; er versucht sie als Symbole d.h. als Geheimnis zu verstehen und sie damit vor dem Zugriff des kalten Intellekts zu retten. Nur so könne der theologische Gehalt der Heiligen Schrift gegen die historisch-kritische Forschung bestehen. Das Missverständnis besteht darin: Wenn Drewermann vom "Symbol" spricht, verstehen das seine Kritiker als "nur symbolisch" d.h. als unbedeutend und unwirklich. In Wirklichkeit kann die Wahrheit Gottes nur in Bildern und Gleichnissen ausgesagt werden, wie es Jesus getan hat (Vgl. Mt 13, 1-53). Man macht Drewermann zum Vorwurf, dass er sich in vielem so'

ausdrückt, dass man ihn missverstehen kann; dass er Gegensätze auseinanderreißt, die zusammengehören; dass er polemisiert, wo eine sachliche Sprache mehr bringen würde. Eine seiner Hauptaussagen lautet; Das Christentum ist keine Lehre, sondern eine existentielle Erfahrung, bzw. ein existentielles Ereignis. Damit will er aber nicht leugnen, dass es keinen gemeinsamen Raum des Glaubens gibt, Symbole und Riten, unter denen sich alle Glaubenden zusammenfinden können. (Sonst wäre er nicht mehr Priester). Dieser gemeinsame Raum hat sich eben in der Lehre dargestellt. Ähnlich ist es mit Angst und Schuld. D. selbst betont immer wieder, dass Schuld ohne die zugrundeliegende Existenzangst nicht zu verstehen sei. Niemals kann es darum gehen, die Schuld gegen die Angst auszuspielen, etwa zu sagen: Christus hat uns nicht von der Angst, sondern von der Schuld erlöst. Wenn Erlösung subjektiv werden soll, dann muss auch die Angst miteingeschlossen sein; Vor allem wäre zu fragen:

Versöhnung tut not

Aus Drewermanns Buch "Die Kleriker" spricht viel Unversöhntes.

Wer seine kirchenkritischen Ausführungen liest, wird aufgewühlt; entweder er weist die Anfragen von vorneherein zurück oder er findet sich in seiner Auflehnung gegen eine bestimmte Form der Kirchenleitung und Lehre bestätigt. Aber es bedarf noch eines großen Schrittes, um zur Versöhnung und zum Frieden mit sich selbst und der Kirche zu gelangen. Hier vermag D. die Leser bzw. Zuhörer nicht weiterzuführen. Was man bei D. vermisst, ist der Sinn für mystische Erfahrung und religiöse Innenwege, wie sie in den Heiligen Wirklichkeit wurden. Auf sie geht D. kaum ein, wenn, dann eher in negativer Weise wie beim hl. Franziskus. Auffallend ist bei D., dass er aus dem Freudschen System nicht herauskommt und trotzdem das Religiöse vertritt; dabei hat das Religiöse bei Freud keinen Platz. Hier ist bei D. eine Diskrepanz, die immer wieder in seinen Schriften durchscheint und welche seine Überzeugungskraft mindert.

Nach dem Gesagten sollte man sich vor zwei Extremen hüten; einmal zu meinen, aufgrund der kirchlichen Verurteilung sei nun alles falsch, was er sagt, und man brauche sich mit ihm nicht mehr auseinanderzusetzen. Zum andern wäre es verkehrt, ihm in allem kritiklos zuzustimmen und dem Sog seiner Ausstrahlung zu erliegen.

Und noch etwas darf bei der Auseinandersetzung mit Drewermann nicht vergessen werden: Man kann seine Werke nicht akademisch abhandeln, wenn man ihn verstehen will; man muss den Prozessweg gehen, den er aufzeigt und sogar noch weiter.

 

1 Eugen Drewermann, „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" .Antwort auf Rudolf Peschs und Gerhard Lohfinks „Tiefenpsychologie und keine Exegese", Olten 1988

2 Wörtlich Diskutierte Fragen

3 Walter Görres und Walter Kasper (Hrg.) Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens?, Anfragen an Eugen Drewermann,Freiburg 1988