Vom Jahr der Orden zum Ende der Klöster?

Die Klöster vor dem Ende

2015 wird in der Kirche als das Jahr der Orden begangen. Zum Feiern ist kaum Anlass. Bei nüchterner Betrachtung droht eher das Ende der Klöster. In einem ganz großen Teil der Gemeinschaften ist die oder der Jüngste 70. Vor allen sozial- und seelsorglich tätige Orden mussten in den letzten 50 Jahren bis zu 90% ihrer Niederlassungen schließen.

Die Auflösung eines Klosters ist ein bedrückendes Ereignis. Es ist der Abschied von einem Ort des Vertrauens, wo viele ihre religiöse Heimat gefunden haben. Es verschwindet ein Raum, der still ist und doch belebt, wo man seine Sorgen abladen und aufatmen kann, der frei ist von Interessen, der einer Gegend oder einer Stadt eine bestimmte Qualität verleiht.
In den Ordenshäusern sieht man zur Zeit kaum noch jüngere Gesichter. Wenn man der Situation ernsthaft ins Auge schaut, werden in 10 bis 15 Jahren die meisten Klöster verschwunden, im besseren Fall noch mit Personal aus anderen Ländern besetzt sein.

Die neue Säkularisation

Es findet eine Säkularisation statt, welche an die vor 200 Jahren erinnert, aber doch anders ist. Es werden nicht Ländereien, Herrschaftsgebiete und Kunstschätze verteilt. Während damals die Aufhebung der Klöster von einer absolutistischen Regierung, also von oben verordnet wurde, sind heute viele Orden von sich aus nicht mehr lebensfähig. Die Ereignisse von 1803 ergaben sich aus dem geistigen Umbruch des 18.Jahrhunderts, der sogenannten Aufklärung, welche klare politische Strukturen verlangte und die Existenz von Klöstern als überholt und unnütz betrachtete.
Die neuen Ideen erfassten jedoch nur die Gebildeten aus Adel und Großbürgertum, während die Mehrheit der Bevölkerung vor allem auf dem Land davon unberührt blieb. Nachdem die Zeiten wieder ruhiger wurden - etwa in den dreißiger Jahren des 19.Jahrhunderts - konnte die Kirche durch Volksmissionen, durch Bildungsangebote, vor allem durch soziale Werke wieder an Einfluss gewinnen. Die alten Orden erholten sich wieder, es entstanden sogar neue.
Die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde eine Blütezeit für Gründungen, die sich fast ausschließlich caritativen Werken widmeten.

Eines kommt noch hinzu: Die Kirche hatte in manchen Gegenden das Bildungsmonopol. Wesentlich waren dafür die Internate, Seminare genannt, die von der Diözese und von den Orden betrieben wurden. Für Kinder auf dem Land, vor allem aus ärmeren Verhältnissen, waren sie die einzige Chance einer höheren Bildung, darauf ausgerichtet, durch Studium, durch Einübung der Frömmigkeit, des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit auf das hohe Gut des Priester- und Ordensberufes vorzubereiten. So lieferten sie den benötigten Nachwuchs und schlossen den Kreislauf des kirchlichen Milieus. Es war ein sozialer Aufstieg auch für viele, die nicht den kirchlichen Beruf wählten.
Die Herausforderung der Aufklärung wurde nicht angenommen und die geistigen Strömungen gingen an der Kirche vorbei, die sich als Festung gegenüber allen Angriffen verstand.

Der große Einbruch geschah vor mehr als 50 Jahren. Einmal waren es die allgemein zugänglichen Medien und die moderne Berufs- und Freizeitwelt, welche die Geschlossenheit, in der liberale und kirchenkritische Einflüsse abgewehrt wurden, durchbrachen. Gleichzeitig erbrachte das Konzil eine innerkirchliche geistige Öffnung, indem es unter anderem den sogenannten Index, die Lektüre der verbotenen Bücher aufhob.
Der Umbruch zeigte sich radikal in den sogenannten achtundsechziger Jahren, welche auch als die Revolution der Jugend bezeichnet werden. Sie brachten eine völlig neue Lebenseinstellung auf breiter Basis. Dazu kommt, dass durch den wirtschaftlichen Aufschwung auf dem Land die Bildungschancen beträchtlich verbessert und damit Internate überflüssig wurden. Dies förderte kritisches Denken und geistige Unabhängigkeit.
Das alte System, in dem aus einem religiös geprägten Milieu Priester und Ordensleute hervorgingen, wurde außer Kraft gesetzt.

Gehorsam oder Selbstbestimmung?

Kern und Angelpunkt des neuen Lebensgefühls, ist das Verhältnis zur Autorität, zu den vorgegebenen Normen und Werten der Tradition, zwischen Gehorsam und eigenem Willen.
Die Aufklärung des 18.Jahrhunderts, auf welche die moderne Einstellung zurückgeht, lässt sich auf ein grundlegendes Postulat zurückführen: Mündigkeit und Eigenständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung statt Unterwerfung und Gehorsam. Nicht mehr das ist richtig und wert zu befolgen, was die Autoritäten - Eltern, Schule, Kirche - sagen, sondern was man selbst erfahren hat.
Man möchte ergründen, was an den Dingen ist, vor allem, was den ganz persönlichen Bereich anbelangt. Davon ist auch die religiöse Ausrichtung betroffen. Die kirchliche Autorität in Fragen des Glaubens und der Normen wird selbst von denen in Frage gestellt, die aus einer kirchlich - geprägten Familie stammen und sogar von Theologen.

Stellt man nun diese Einstellung der gegenüber, von welcher heute die meisten Mitglieder von Orden geprägt sind, so könnte man sich den Gegensatz nicht größer vorstellen. Statt eigenem Denken, eigener Überzeugung, eigenen Gefühlen heißen die alten Ordensstrukturen Gehorsam und Anpassung.
Die Einführung in den Orden - das sogenannte Noviziat - bestand darin, den/die einzelnen Bewerber/in an die bestehende Struktur anzupassen. Dies umschloss einen eigenen Ordensnamen, die Kleidung, die Einhaltung der Gebetszeiten, die Form des Gebetes, die Unterordnung unter die Vorgesetzten und die Gemeinschaft. Grundlegend war die Ausrichtung auf die Oberen. Man musste selbst bei Kleinigkeiten um Erlaubnis bitten. Es sollte zugleich eine Übung der Demut sein, eine Tugend, die zur Substanz des Ordenslebens gehörte. Die einzelnen Regeln stammten aus einer Zeit, in der auf den Höfen der Bauer als unumschränkter Herrscher über Knechte und Mägde, in den bürgerlichen Familien die „Herrschaft“ über Dienstboten und im Staat der Landesfürst regierte. Sie entsprachen dem Lebensgefühl des 19.Jahrhunderts und früherer Zeiten.
Kritik am Bestehenden war ausgeschlossen. Das Leben im Kloster war ja Gott geweiht und galt als solches als verdienstvoll und demnach als hohes Ideal, um dessentwillen Opfer und Selbstüberwindung gefordert sind. Der Gehorsam dem Oberen gegenüber wurde mit dem Gehorsam Jesu dem Vater, das heißt Gott gegenüber begründet und gleichgesetzt. Widerspruch und eigene Auffassung wurden als Zeichen gesehen, dass die betreffende Person für das Ordensleben nicht geeignet ist. Noch dazu war die Strenge ein Wert an sich, der zum Kennzeichen mancher Orden gehörte.
Im Grunde bedeutete der Eintritt in einen Orden die Annahme einer neuen Identität, was sich besonders im Tragen des Ordensgewands zeigte. In einer katholischen Gegend erfuhr man dann auch entsprechende Achtung und Beliebtheit.
Nach dem Konzil wurden die harten Vorschriften wesentlich gelockert, doch die übernommene Einstellung wirkt weiter, für junge Menschen wenig anziehend. Die Orden gaben sich neue Satzungen, die der Absicht des Gründers wie dem modernen Lebensgefühl genügen sollten. Dies ist offensichtlich nicht gelungen. Selbst wenn von der alten Strenge kaum noch etwas vorhanden ist, empfinden junge Menschen selbst mit den besten Absichten eine Atmosphäre, die geprägt ist von der Generation ihrer Großeltern, als bedrückend. Es wird verständlich, warum sie den Eintritt in ein Kloster meiden oder es bald wieder verlassen. Sie stoßen sich an allen Ecken und Enden. Der Abstand zum modernen Lebensgefühl könnte nicht größer sein.

Orientierung am Ursprung

Die Kluft zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft, zwischen eigener Meinung und allgemeiner Norm, zwischen Unabhängigkeit und Bindung, zwischen Freiheit und Nähe ist ein wesentliches Kennzeichen unserer Zeit, und scheint unüberwindbar zu sein. Vor dreißig Jahren war in lebenskundlichen Zeitschriften „Leben zu zweit“ ein vorherrschendes Thema. In diesen Tagen kann man die Schlagzeile lesen „Leben als Single“. Es geht hier nicht um eine Anklage. Vielmehr soll die Schwierigkeit herausgestellt werden, wie eine erfüllende, dauerhafte Bindung gelingen kann sowohl in einer Zweierbeziehung als auch in einer religiösen Gemeinschaft. Der Trend geht überall nach Vereinzelung.

Hier dürfen wir einen der berühmtesten Ordensgründer selbst zu Rate ziehen, den heiligen Franziskus von Assisi. Er hat sich auf der Suche nach seiner Berufung keiner schon bestehenden Gemeinschaft untergeordnet und sich keiner äußeren Struktur angepasst. „Er folgte dem Antrieb seines Herzens“ heißt es in den frommen Lebensbeschreibungen. Er suchte den Anschluss an die transzendente Quelle seiner Existenz. Dies hatte zur Folge, dass ihn Worte aus der Heiligen Schrift unmittelbar trafen. Als er nach seinen ersten umwerfenden Erfahrungen das Evangelium von der Aussendung der Jünger hörte, empfand er die Aufforderung zur vollkommenen Armut so, als ob sie im Augenblick für ihn gesprochen wäre. Am bekanntesten ist die Szene, als sein Vater vor dem kirchlichen Gericht sein Geld zurückfordert. Franziskus gibt aus einem spontanen Impuls heraus mit dem Geld auch die Kleidung zurück. Was aber weniger gesehen wird: Er verzichtet auch auf seinen Stand und sein Ansehen als Sohn des reichen Kaufmanns in der Stadt. „Bisher habe ich Vater Bernardone gesagt. Jetzt sage ich nur noch Vater, der du bist Himmel“. (1)
Damit ist er in den Augen der Leute ein Niemand, kein Kaufmann, kein Handwerker, kein Mönch und schon gar kein Heiliger, nicht einmal ein Bettler im üblichen Sinn, eher einer, den man für verrückt hält und über den man lacht. Aber gerade darin ist  er ganz er selbst, unabhängig von dem, was die Leute sagen, Franziskus in seiner Einmaligkeit! 
Er verwirklicht damit ein Höchstmaß an Individualität. Es ist sein ganz eigener Weg, welcher ihn zu dem macht, als der er bewundert wird. Seine überraschenden, treffenden Bemerkungen und Reaktionen, seine originellen Einfälle, seine Ausstrahlung und Anziehungskraft sind nicht Ergebnis einer willentlichen Disziplinierung, sondern einer überwältigenden religiösen Erfahrung und einer darauf folgenden personalen Entwicklung. Er nennt es „die Süße“, die ihn anzog und weiter und weiter lockte“. (2)
Als Franziskus nach einer Zeit des Rückzugs, der Suche, des Ringen in der Dunkelheit öffentlich auftritt, sind die Leute hingerissen. Es fällt wie Feuer in ihre Herzen. Seine Art des Redens und seine Erscheinung erregen Aufmerksamkeit. Die Zuhörer spüren: Er ist ergriffen von einer höheren Macht, von der Nähe Gottes. Seine Gestimmtheit überträgt sich auf sie wie von selbst. Es bildet sich eine Gruppe von Gleichgesinnten, welche in dieser Atmosphäre leben wollen.                                                                                                                                    

Es ist ein Zusammensein auf einer neuen Ebene. Der Punkt, der alle anzieht ist zugleich der innerste eines jeden, es ist der Funke Gottes, der überspringt.
Ergriffenheit verbindet den Einzelnen mit den andern, schafft Nähe in Freiheit. Dazu die Schilderungen von Zeitgenossen: „Von welcher Liebesglut waren die neuen Jünger Christi entflammt! Welche Liebe zu frommer Gemeinschaft war in ihnen lebendig!.... Voll Sehnsucht suchten sie zusammenzukommen, umso größer war ihre Freude, zusammen zu sein, schwer war dagegen die Trennung von einander, bitter das Scheiden, hart das Geschieden sein……deshalb waren sie überall voll Zuversicht, von keiner Furcht befangen,   von keiner Sorge zerstreut, und ohne Besorgnis sahen sie dem morgigen Tag entgegen“….(3)

Wo ist die Wende?

Wie froh wären wir, solche Gemeinschaften würden auch in unserer Zeit blühen!                                 
Die Aufgabe, die großen Ideale des heiligen Franziskus wie die Liebe zu den Armen, zur Schöpfung und zum Frieden in die heutige Wirklichkeit zu übertragen, wird meist unterschätzt. Die Begeisterung des Anfangs erlahmt bald bei den auftauchenden Schwierigkeiten allein schon beim Zusammenleben. Nähe und Freiheit sind nicht ein für allemal gegeben, sie müssen in einer Gemeinschaft immer neu ausgehandelt werden. Die gemeinsame Erfahrung religiöser Ergriffenheit kann aber eine Grundlage sein, welche Ausdauer, Durchhaltevermögen,Toleranz, unerschöpflichen Optimismus, Heiterkeit und Freude des Alltags in sich trägt; sie ist die Quelle, welche diese Grundhaltungen ständig nährt und die spontane Ausstrahlung ermöglicht. Sie ist die Substanz des Heiligen und liegt außerhalb willentlicher Anstrengung. Man kann sich aber für sie öffnen und sie wirken lassen.
Damit geht ein Wandlungsprozess einher, wie ihn der Heilige aus Assisi durchgestanden hat. Er kann jeweils nur der ganz Eigene sein. Das heißt: wie Franziskus seinen Weg gegangen ist, so muss jeder den seinigen finden. Um dem Ziel gerecht zu werden, kann es sogar nötig sein, einige Zeit von dem bewunderten Meister Abstand zu nehmen. Nicht die Imitation, die Nachahmung seines äußeren Tuns, bringt hier weiter, sondern die Inspiration, die Anregung zur eigenen Erfahrung und Entwicklung. Das Vorbild kann uns zeigen, was dabei möglich ist.

Es ist die Spur des Heiligen Geistes, welcher im Einhauchen - in der Inspiration - und  in der Eingebung wirkt, nichts von außen überstülpt, vielmehr dorthin führt, wo jeder/r ganz sie/er selbst ist. Der Wille Gottes ist nicht Fremdbestimmung, sondern ist im Bereich dessen zu finden, was in der Tiefe unseres Herzens vorgeht.
Damit ist auch die Grundforderung der Moderne nach Selbstbestimmung erfüllt. Wer diese mit innerer Konsequenz, mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit verfolgt, wird etwas von dem nachempfinden und verstehen, was der Heilige gedacht, gefühlt, gesagt und wie er gebetet hat. Es ergibt sich Gemeinsamkeit mit denen, die auch auf diesem Weg sind. Wenn schon der Drang zur Individualität, zum je Eigenen alles beherrscht und nicht zu übergehen ist, so liegt in der Echtheit und Authentizität des eigenen Wesens auch die Lösung.

Ein Kloster gründen!

Dies bestätigt ein Gespräch mit einem Mann um die 40. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und hatte eine Familie. Er hatte alles auf Aktien gesetzt. Als die Kurse einbrachen, verlor er sein ganzes Vermögen. Ebenso zerbrach seine Familie.
Voller Begeisterung erzählt er von seinem ersten Selbsterfahrungskurs. Da war es ganz anders als im so trüben Alltag. Da lernte er eine völlig neue Welt kennen. Es war möglich, offen aufeinander zuzugehen, einander zu sagen, was einen bedrückt. Es war eine Atmosphäre der spontanen herzlichen Begegnung. Man musste sich nicht vor einander in Acht nehmen, sich verteidigen, sondern man durfte sich einmal so zeigen, wie man wirklich ist.
Menschen, denen er anschließend begegnete, wunderten sich über seine ausstrahlende Freundlichkeit. Er selbst musste aber bald einsehen, dass die neue Art, miteinander umzugehen, sehr bald auf Grenzen stieß. Er spürte die Härte und Kälte seiner Umwelt und der täglichen Belastung um so intensiver. Und dann kommt er auf einen Traum zu sprechen, den er schon lange hegt: Er möchte ein Kloster gründen, in dem es so zugeht, wie er es auf dem Seminar des positiven Denkens erlebt hatte. Er träumt von einer Gemeinschaft, in der kreatives Handeln ansteckend ist, in der Kritik am Bisherigen möglich und neue Ansätze des spirituellen Lebens wie eines neuen Lebensgefühls willkommen sind. Er stellt sich vor, man könne dorthin kommen und dort eine Atmosphäre der Freiheit, der Leichtigkeit, des Wohlwollens, der gegenseitigen Annahme spüren, einen Raum aufbauen, wo nicht Misstrauen, Übervorteilung, Ängste und nackte Gewalt herrschen, sondern ein Leben im gegenseitigen Vertrauen, das echte Heimat sein kann, das vom eigenen Können anbieten, was anderen gut tut.                                          
Vieles von dem, wovon der Mann mit der Vision vom Kloster träumt, erinnert an die Schilderung des franziskanischen Ursprungs. Wir dürfen an die spontane Herzlichkeit denken, mit der die ersten Brüder einander begegnen, an die Freude und Heiterkeit im Umgang mit einander und gegenseitige Anziehung. Ein Kurs dieser Art ist noch lange nicht die Realität des Alltags. Aber er kann den Blick für eine neue Qualität des Lebens öffnen und dazu motivieren, geeignete Wege zu suchen und sich auf einen Prozess einzulassen.

 Der Name Franziskus

Der Name „Franziskus“ enthält eine große Verheißung. Er führt jedes Jahr an die vier Millionen Pilger nach Assisi und ruft selbst bei Kirchenfernen Sympathien hervor. Was auf dem Seminar des positiven Denkens erreicht wird, müsste auch im Bereich der franziskanischen Orden und Gemeinschaften möglich sein, könnte man meinen. Jedoch müssen diese eine Niederlassung nach der anderen schließen. Mit Beschlüssen auf den Ordensversammlungen werden noch lange nicht die Impulse geweckt, die den Geist des Ursprungs tragen und der Sehnsucht nach einem alternativen Lebensstil, nach Sinnerfahrung und Gemeinsamkeit entsprechen.

Ein neuer Aufbruch entsteht auch nicht durch vermehrtes Beten um geistliche Berufe, während man weiter in den alten Gleisen verharrt.
Er ist vielmehr Ergebnis einer existentiellen Betroffenheit, einer Konfrontation mit der äußeren Wirklichkeit wie mit der eigenen Lebensgeschichte. Gemeint ist, dass man dem Ernst der Situation, in die jeder verwickelt ist, nicht mehr ausweicht weder durch Arbeit, noch intellektuelles sich absichern, noch durch Aktionismus, noch durch oberflächliche Bedürfnisbefriedigung. Es gilt, die mühsame Arbeit an sich selbst auf sich zu nehmen. Es geht nicht ohne tiefgreifende Veränderung des Einzelnen. Dazu braucht es eine Erfahrung, die überzeugender ist als der bisherige Zustand, die einen froher macht, die eine neue Sicht der Dinge bringt und zu ungewohntem Handeln antreibt und befähigt. Es ist der Weg zu der spirituellen und existentiellen Kraft, welche suchende Menschen anzieht und wie bei Franziskus Ergriffenheit auslöst und stärker ist als die Strömung der Zeit.

Energie und existentielle Tiefe aus der Stille

Als eine Möglichkeit der Neuheitserfahrung sei die Zen-Meditation genannt. Es wird auch von Contemplation gesprochen.
Es sollte zu denken geben, welche Anziehung sie auf Menschen unserer Zeit ausübt. Im Meditationshaus St.Franziskus in Dietfurt sind die Kurse unmittelbar nach Bekanntwerden des Programms ausgebucht. Angeboten wird nur ein Raum der intensivsten Stille in Anwesenheit eines Leiters, welcher die Tiefe menschlicher Existenz ausgelotet hat.
Die Übung besteht darin, sich in einer bestimmten Sitzhaltung auf ein Wort oder ein Gebet zu konzentrieren. Tatsache ist, dass die Teilnehmer nach einigen Tagen verändert weggehen, erfüllt, zuversichtlich, froh, mit neuem Lebensmut, ohne lange Gespräche und Diskussionen geführt zu haben. Für viele ist eine solche Erfahrung die Entdeckung eines neuen Lebensinhalts. Sie sind auch bereit, dafür Zeit und Geld zu opfern. Sie legen weniger Wert auf Abwechslung und Ablenkung, auf Karriere und Gewinn.
Wer diesen Weg über Jahre durchhält, wird anders. Er gewinnt andere Interessen, andere Wertvorstellungen und andere Lebensgewohnheiten. Viele Äußerlichkeiten fallen ab. Er wird wesentlicher. Vor allem aber lösen sich die Fragen, die ihn bisher bedrängt hatten, darunter so manches Rätsel um die Abwesenheit Gottes. Das
Religiöse, das bedeutungslos geworden zu sein scheint, wird zum Wichtigsten. Ihr Kennzeichen ist existentielle Tiefe, innere Geschlossenheit, Authentizität  im Denken, Empfinden und Gespräch. Es sind andere Akzente als in der Volksfrömmigkeit. Man kann kaum abstreiten, dass hier etwas von der Nähe Gottes spürbar wird.

Klöster, welche diese ureigenste Bestimmung leben, haben Zukunft. Es gibt sie mehr in Frankreich als in Deutschland. Man trifft dort junge Gesichter bei den Mönchen und Nonnen wie bei den Besuchern. Neben Taize', dem bekanntesten spirituellen Ort, sind Mazille, Lerin, Vezelay als Orte lebendiger Gemeinschaften und spiritueller
Ausstrahlung  vielen bekannt.

Der neue Weg der Gruppe

Der große Umbruch des hl. Franziskus begann mit einem Traum, der ihn sehr beeindruckte.
Er wurde in ein herrliches Schloss geführt, das ihm gehören sollte. Er sah darin zunächst die Erfüllung seiner ehrgeizigen Pläne. Aber sein Blick wurde nach innen gelenkt, sodass er für die Vorgänge und Ansprüche der Tiefe hellhörig wurde. Dies war der Beginn seiner Umkehr, welche sich dann Schritt für Schritt weiter entwickelte. So ist das Erzählen, Erleben, Verstehen der Träume in Einzelgespräch wie in Gruppen ein bedeutender Einstieg zu existenzieller Tiefe und Wandlung.
Dazu kann die Erfahrung mit Gruppen, die ich als Teilnehmer oder als Leiter seit 40 Jahren mache, einiges beitragen.
Die Gruppe - an die 10 bis 12 Personen - beginnt mit dem bewussten Ankommen. Ziel ist  eine Atmosphäre, in der jeder sich öffnen kann. Jeder achtet einige Minuten lang auf seinen Atem und ist nun ganz bei sich. Es bildet sich eine wohltuende Stille. Anschließend erzählt jeder einen Traum. Hier geht es nicht darum, ihn zu deuten oder sich sogar um die richtige Auslegung zu streiten. Die Zuhörenden lassen vielmehr jede einzelne Szene und Figur auf sich wirken und melden dies anschließend zurück. Damit wird die Art des Umgangs, die geprägt ist von Ehrfurcht und Respekt vor dem Schicksal des Einzelnen, für die nächsten Tage festgelegt. Wie von selbst ergibt sich eine Nähe zueinander, eine Gemeinsamkeit in Freiheit, ohne Gruppendruck, ohne von außen verordnete Verpflichtungen. Begegnungen werden möglich, die sich zu Freundschaften entwickeln.
Der Prozess der Gruppe führt zu einer immer dichter werdenden existentiellen und spirituellen Tiefe, die unterstützt wird durch bewusste Leiberfahrung wie das Wahrnehmen des Atems im Sitzen in der Stille.
Auf diese Weise beginnen die Quellen der Seele zu fließen. Die Teilnehmer spüren einen Raum des Aufatmens gegen Angst und Überforderung, eine geistige und emotionale Heimat. Spannungen fallen ab, neue, überzeugendere Einsichten steigen auf.
Es vollzieht sich eine Neuorientierung vom Innersten her, von einer Instanz, die außerhalb des Willensbereiches liegt. Kennzeichnend dafür ist, dass jeder, so wie er ist, mit seiner Geschichte und seinen Entscheidungen Achtung erfährt. Es ist die Grundlage, auf der gemeinsame spirituelle Erfahrungen möglich werden. Die Eucharistiefeier ist dann nicht ein Ablauf von leeren Formeln, sondern wird zu einem ergreifenden Geschehen und der Friedensgruss zum Ausdruck echter Nähe.
Bei manchen taucht sogar der Gedanke nach einem gemeinsamen Leben auf. Äußere Umstände wie eingebunden sein in eine Familie, lassen den Wunsch nicht zu. Für eine Gemeinschaft im Sinne der Orden fehlen noch einige Elemente wie die Pflege des gemeinsamen Gebets. Aber hier könnte ein Ansatz sein, welcher den Bedürfnissen unserer Zeit wie den Aufbrüchen des Ursprungs gerecht wird. Das Leben in einem Orden auf der Grundlage der spirituellen Erfahrung und reflektierter Prozesse könnte ein Gegenmodell werden zur Anonymität und Verlorenheit einer globalisierten Welt. Religiöse Gemeinschaften entstanden dann, wenn Gleichgesinnte von einer spirituellen Tiefenerfahrung angezogen ein gemeinsames Leben wählten und dafür entsprechende Orte schufen.

Die beklagte Vereinzelung ist deshalb nicht zu fürchten, vorausgesetzt, sie wird als Suche nach der innersten Bestimmung, nach Harmonie und Erfüllung verstanden.
Auf diesem Weg führt sie Menschen zusammen.
Eine religiöse Gemeinschaft, welche freie Entfaltung und Gemeinsamkeit, Freiheit und Nähe, Beheimatung und Verbundenheit mit den Fernsten, existentielle und spirituelle Dichte ermöglicht, wird Zukunft gestalten.

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1 Franz von Assisi, Legenden und Laude, hgg.v. Otto Karrer, Zürich 1975,S. 45
2 Ebenda S. 86
3 Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über  ihn und seinen Orden, hrsg. von D. Berg, Leonhard Lehmann und a., Kevelaer,2009, 1 Cel 38