Gott  jenseits von   Kün


Der Tod von Hans Küng hat die Aufmerksamkeit eines großen Publikums erreicht. Er wird gerühmt als der Theologe der Freiheit. Für mehr Freiheit gegen verengtes Denken ganz gleich wo zu kämpfen und zu werben ist berechtigt. Wer es tut, bekommt lauten Beifall. Freiheit und Selbstbestimmung gelten als die großen Errungenschaften der Neuzeit, noch mehr der neuesten Zeit. Kaum etwas stößt auf mehr Kritik als Bevormundung und Einschränkung der Freiheit. Weniger ist bekannt, dass Freiheit zur Substanz des Evangeliums gehört. Dafür hat sich Paulus stark gemacht. „Zur Freiheit hat Christus uns befreit (Gal5,1) schreibt er an die Galater.
Freiheit oder Nähe?
Aber wie ist es mit denen, die gar nicht nach mehr Freiheit dürsten, die vom Leben hart verwundet sind, die mit Enttäuschung, Verbitterung, Verzweiflung, mit Krankheit, Behinderung leben müssen ohne Aussicht auf Besserung? Sie suchen weniger die Freiheit vielmehr Nähe und Trost, Verstehen, Anerkennung und Wertschätzung, oft nur konkrete, praktische Hilfe. Zu denken ist auch an die Wunden, die zerbrochene Partnerschaften und Familien hinterlassen, an die Kinder, die miterleben, wie sich die Eltern anschreien und Schlimmeres antun. Nicht zu vergessen sind die, welche nicht mehr wissen, wo sie daheim sind. Und wie ist es mit der Pflege der Kranken und Sterbenden gerade in den Corona-Zeiten? Es ist ein Unterschied, ob man für die Benachteiligten aller Art mehr Rechte einfordert oder ob man ihnen ganz persönlich seine Zeit, seine individuelle Zuwendung und Aufmerksamkeit schenkt Welche/r Theologe/in macht dies zu seiner/ihrer besonderen Herausforderung? Eine konkrete, erfahrbar wirkende Antwort kann eine wissenschaftliche, rein rationale Theologie nicht leisten, selbst wenn sie vor der Vernunft noch so gut begründet ist. Sie kann Fakten feststellen, aber nicht zum selbstlosen, aufopfernden Dienst an den Hilfsbedürftigen motivieren, d.h. den entscheidenden, inneren Antrieb dazu wachrufen. Dies ist der Grund, warum kirchliche Verkündigung und Aufrufe immer mehr an Bedeutung verlieren. Es werden Argumente vorgebracht, die in sich logisch sind, aber bei einem säkularisierten Publikum nicht mehr greifen.
Entrüstung oder Hilfe
Um dem abzuhelfen setzen gewitzte Publizisten eher auf moralische Entrüstung, indem sie Unrecht und Elend aufspüren und darstellen. Was bleibt, ist meist Zorn auf die Verursacher, besonders wenn er sich gegen Autorität Kirche richtet, in vielen Fällen auch Spenden, selten aber der ganz persönliche Einsatz. Eine durchgreifende Motivation, welche die ganz Persönlichkeit erfasst, kann nur aus der Tiefe der Existenz kommen, aus emotionalen Prozessen, die ganz wesentlich das Leben miteinander bestimmen. Darunter fällt als erstes, ob die Liebe gelingt oder scheitert. Wer immer dazu etwas beitragen will, braucht die Kompetenz, mit Emotionen hilfreich und erfolgreich umzugehen. Dies bedeutet nichts anders als Menschen einfühlend und wertschätzend zu begegnen. Dies ist das Feld der praktizierten Psychologie bzw. der Psychotherapie. Einer deren Vertreter, Carl Rogers, fordert von einem Therapeuten die Fähigkeit zur bedingungslosen Wertschätzung, zum einfühlenden Verstehen und das in aller Echtheit. Sie zu erwerben ist ein langer Weg der Auseinandersetzung mit sich selbst, er kann zugleich der Weg zum Gottvertrauen sein, von dem der Theologe Küng spricht.
„Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben".
Küng hat sich in seinem Buch „Existiert Gott?" kritisch mit den Religionskritikern darunter die Philosophen der Neuzeit Feuerbach, Karl Marx, Friedrich Nietzsche und der Begründer der modernen Psychotherapie Sigmund Freud, auseinandergesetzt. Das Ergebnis seiner Bemühungen fasst er in einem langgestreckten Satz zusammen, der wie ein Glaubensbekenntnis klingt. Er zählt seine Bemühungen um eine ehrliche Antwort auf., er habe im Suchen nach dem Grund unseres Seins die Antwort im Gottvertrauen gefunden; er habe sich im Vergleich mit den östlichen Religionen auf die Frage „Wer ist Gott?" auf den Gott Israels und Jesu Christi eingelassen. Er kommt zu dem Schluss: „Nach alldem wird man verstehen, warum jetzt auf die Frage „Existiert Gott?" ein vor der kritischen Vernunft verantwortetes, klares, überzeugtes Ja als Antwort gegeben werden kann".[1]
Seine Bemühungen, den Glauben vor der kritischen Vernunft zu verantworten, sind beeindruckend. Die Argumente greifen aber nur bei denen, die schon auf derselben Seite stehen, die schon an Gott glauben. Was ist mit denen, denen das Wort „Gott" gar nichts bedeutet, die ruhig auch ohne Gott leben? Mit denen, „die vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben", die das Konzept Gott nicht brauchen[2], denen Gott überflüssig ist? Wer wird sich mit dem äußerst lehrreichen Werk Küngs beschäftigen, wenn ihn die Frage nach Gott gar nicht interessiert? Der Name "„Gott" ist aus dem Lebens- und Gedankenkreis eines großen Teils der Bevölkerung verschwunden. Die alten „Gottesbeweise" greifen nicht. Das Wuchern des praktischen Atheismus, eher des Agnostizismus, des Nichtwissens und Nichtinteresses an Gott wird durch noch so abgeklärte Vernunftsgründe nicht beeinträchtigt. Die alles entscheidende Frage wird sein: Gibt es auch für Menschen, denen das Wort „Gott" nicht viel oder gar nichts bedeutet, einen Anknüpfungspunkt?
Wo ist Gott in einer säkularisierten Welt??
Die brisanteste Frage ist deshalb: Wie kommt man zu dem Gottvertrauen, von dem Küng spricht? Wie kann das Wort „Gott" wieder die Bedeutung erlangen, die es im Leben vieler Menschen und in einem Großteil der Menschheit immer noch hat? Wie werden Menschen wieder religiös?
Wo ist Gott, wenn er nicht oben im Himmel, noch in den heiligen Orten und Gegenständen, noch in der Kirche zu finden ist? Einen Schlüssel dafür können wir bei dem evangelischen Theologen Paul Tillich (1886-1965) finden mit seiner Definition: „Gott ist das grundlegende Symbol für das, was uns unbedingt angeht."[3] „Glaube ist das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht."[4]
Diese Aussage bedeutet, dass Gott mit der Existenz des Menschen unauflöslich verwoben ist. Im Vorgang, in dem einen etwas „angeht", ist das Ich nicht mehr aktiv, sondern erleidend und empfangend. Es geschieht etwas mit einem. Das Heilige - das Religiöse als Erfahrung- ist ein seelischer Faktor mit eigener Dynamik, sogar der zentrale, um den sich alles dreht und der stärkste, dem sich alles unterordnet. Auf dieser Grundlage hat sich inzwischen ein neuer Zweig der Psychologie gebildet, die transpersonalen Psychologie(5).. Sie beschäftigt sich mit den Mystikern und Heiligen aller Religionen, mit deren Erfahrungen, welche eine rein rationale, westlich orientierte Psychologie ausschließt.
Gott bei der Geburt, bei der Hochzeit, beim Sterben
Wir dürfen die Spur Gottes auf der Seite unseres Lebens suchen, wo wir nicht planen und machen, einordnen und in den Griff bekommen wollen, sondern wo wir zutiefst betroffen sind. Die Ereignisse, die uns im Laufe eines Lebens am meisten betroffen machen, „angehen", sind Geburt, Hochzeit und Tod. Da kommen selbst Menschen in die Kirche, die weniger mit ihr verbunden sind.Dazu sei die Glaubensgeschichteeines Mannes angeführt, der als kritisch Denkender von der Philosophe Hegels angesteckt war, aus der Kirche austritt und schließlich doch wieder zum Glauben findet. Die große Wende kam bei der Geburt seines ersten Kindes. Das Denksystem des großen Philosophen, in dem er sich bisher bewegte, wurde durch dieses existentielle Ereignis aufgebrochen. . "Durch die Gnade Gottes natürlich. Ich habe irgendwann bemerkt, dass ich bete. Das hat mit der Geburt meines ersten Kindes zu tun. Ich spürte: Da gibt es Dinge, die ich nicht mehr unter Kontrolle habe, ich bin angewiesen auf etwas, das mich übersteigt. Dann habe ich mich gefragt Was machst du da eigentlich? Kann man beten, wenn man nicht gläubig ist? Ich habe dann den Drang verspürt, wieder Gottesdienste aufzusuchen, hatte aber dabei enttäuschende Erlebnisse. Ich hatte das Bedürfnis nach etwas, das nicht von dieser Welt ist nach einer Erfahrung des Transzendenten, und fand das dort nicht- bis ich dann hier in Stuttgart zur Petrusbruderschaft gestoßen bin, die die Liturgie im alten Ritus feiert. Da hatte ich das Gefühl: Hier bin ich zuhause." Seine Geschichte bestätigt die These: Wer im Kern seines Wesens, am Sitz der Gefühle, der Motive und der Interessen getroffen ist, für den kann dies ein Weg zu Gott werden. Dies trifft im umfassenden Sinn auf das Thema , das mit "Hochzeit" gemeint ist, zu. Sie ist die äußere Darstellung und der reale Vollzug dessen , was „Liebe" genannt wird als eine Kraft, die zwei Menschen bis in den letzten Grund anzieht, erschüttert, aufwühlt, außer Fassung bringt .Es geschieht etwas, das größer ist als sie selbst, das stärker ist als das, was der/die einzelne bisher war, als die Leere, Verengung und Sackgasse eines verwirrten Lebens. Es findet Ausdruck in dem Wort: „Du bist ein wundervoller Mensch!" Das heißt, wer dies sagt, spürt Wunderbares in sich, das den rationalen Denkrahmen durchbricht. Immer dann, wenn Menschen zuinnerst betroffen sind, in der Liebe, im Schmerz und in der Trauer ereignet sich Einheit. Es ist, wie wenn ein gemeinsamer Punkt in jedem lebendig würde, jeden anzieht und in dieselbe Schwingung bringt...
Gott in der Krise
Nicht zu übersehen ist die Krise, die auf allen Ebenen um sich greift., die um das Klima, die der Kirche, die der gespaltenen Gesellschaft. Kaum wird davon gesprochen, dass fast die Hälfte der Ehen geschieden wird und Kinder das Scheitern der Eltern mittragen müssen. Man sucht Lösungen im großen, politischen Bereich, kaum jemand erkennt, dass für eine nachhaltige Lösung der einzelne seine eigene Krise bewältigen muss. Eine Seelsorge, welche die innere Not der Krisengeschüttelten auffängt, kann auch zu einer heilenden Gottesbegegnung führen. Wie sehr ein Umbruch in der Mitte des Lebens die unterste Tiefe und mächtigste Reaktion wach ruft, kann der Bericht einer 40-jährgen Frau deutlich machen: Sie schreibt: „Ich spüre, dass die Wut eine Spur ist zu mir!.......der Teil, der mir am meisten Angst macht, der Teil bringt mich in die Nähe Gottes. Und Gott ist unten, in der Tiefe meiner Abgründe, meiner Angst, meiner Bosheit, meiner Verruchtheit. Gott ist dort, wo ich am meisten Angst habe- wo ich es nie gedacht hätte. Gott ist eine Sie geworden. Und ist in mir!" Es ist eine Urerfahrung des Religiösen, in der die dunklen Seiten mitwirken. Dazu braucht es noch eine Verarbeitung, in der Helles und Dunkles gut unterschieden werden. Die wichtigste Botschaft ist: Gott ist nicht am Rande, sondern in der Mitte der Existenz, als die Macht, die ergreift, erschüttert, ein Leben ganz und gar umkehrt.


Das Leid und alle Ereignisse, die unsere Erwartungen, unsere Pläne, Vorstellungen von vom gelingenden Leben behindern, können zu Gott führen. .An dem Punkt, wo sich die Gegensätze kreuzen und wir zutiefst hineingezogen sind, dürfen wir die Gegenwart und das Wirken Gottes suchen. auch für Menschen in einer Welt ohne Gott. Die Gegensätze werden auf einer höheren Ebene aufgehoben. Es ist das gemeint, wenn gesagt wird: Er/Sie ist durch das Leid gereift, d.h. ein Mensch voller Stimmigkeit, Gelassenheit, Güte und Lebensweisheit. Es ist nichts anderes als die Wahrheit von erlösenden Kraft des Kreuzes.
Gott in der Sehnsucht
Kann heute noch von einer Sehnsucht nach Gott gesprochen werden? Gott wird nicht bekämpft, er wird nicht mehr gebraucht, weder in der Erklärung der Welt , noch in der Politik, noch im täglichen Leben, er wird nicht mehr wahrgenommen, er wird einfach vergessen. Das mag stimmen, betrachtet man nur die Oberfläche des Tagesbetriebs. Wer jedoch seinen Blick für das, was Menschen ganz im Innern umtreibt, geschärft hat, wird durchaus eine Sehnsucht nach Gott feststellen. Es sollte zu denken geben, dass Ungezählte in den Fernen Osten reisen, nach Indien, nach Japan oder in eine anderes Land, um dort in einem Ashram oder in einem buddhistischen Kloster Religion pur zu erleben, ebenso dass ein Kurs in einem eine lange Warteliste hat, dass man dort Teilnehmer aus höchst rationalen Berufen antrift, Personen, die ihren kritischen Verstand keineswegs an der Rezeption abgegeben haben.
Gott auf dem Weg Ein anderes Feld der Sehnsucht sind die Wege, die viele zu Fuß nach Santiago oder auch an andere Ziele führen. Es sind wieder nicht die Leichtgläubigen. Man kann Personen von hohem Rang antreffen, Staatsanwälte, Unternehmer und andere, deren Tagesgeschäft nichts mit Gott zu tun haben scheint. Es ist die Sehnsucht, die von Tag zu Tag weitertreibt. Das Ziel, das in der Ferne liegt, ist in Wirklichkeit in jedem selbst. Nur den Weg, die Steine unter den Füßen, die Landschaft spüren und sonst nichts, öffnet das Innere. Genau in dieser Stille, wo man sich selbst gehört, kann das aufsteigen, was mit der Bezeichnung „Gott" gemeint ist:


1] Hans Küng, Existiert Gott? München 1981 ,767
2 Das Konzept Gott, wenn wir es nicht brauchen". (In Merkur (Zeitschrift) 2/2007)
[3] Paul Tillich G. W, Bd VIII, S. 142[
4] Ebd. S. 66
5) Roger Walsh, Die Transperonale Bewegung, in Transpersonale Psychologie und Psychotherapie , 1.Jahrg.Heft 1 1995 (Zeitschrift)Via Nova-Verlag Petersberg, 6