Die Umkehr, die alle fordern und die niemand will

Die kleine Buße und die große Umkehr

Der Mensch des modernen Zeitgeistes verlangt Wege der Umkehr, welche über die traditionelle Form hinausgehen. Er lehnt jede Autorität ab, die sich auf Tradition beruft und nicht in sich selbst begründet ist. Er will wissen, was an den Dingen ist, das kennen, was er ist. Deshalb ist es aussichtsreicher und sogar notwendig, bei der unmittelbaren Erfahrung zu beginnen, als bei Aufrufen, welche die Anerkennung der Tradition voraussetzen. Denn nur was man selbst erlebt hat, was einen zutiefst berührt, kann den Rahmen sprengen, in dem unser bisheriges Denksystem abläuft.
Auf diesem Hintergrund arbeite ich seit 40 Jahren als therapeutischer Seelsorger. Es soll eine Frau zu Wort kommen, welche mich in ihrer schweren Krise wegen der Beichte aufsuchte, dann eine überraschende Form der Umkehr erfahren durfte. Beichte war für sie: sich aufraffen, sich verdemütigen, gute Vorsätze fassen, in den Beichtstuhl oder in das Beichtzimmer gehen, bekennen und als Ergebnis eine gewisse Erleichterung verspüren. Es war das übliche, empfohlene, bei schweren Sünden sogar geforderte religiöse Tun. Das Ergebnis war im Großen und Ganzen ein Verbleiben im alten Zustand. Es änderte sich  im Grunde -  ganz wörtlich genommen - nichts. Die Frau, deren Geschichte sprechen soll, ist bei der ersten Begegnung  um die Fünfzig, hat drei erwachsene Töchter, ist in der Pfarrgemeinde höchst engagiert, in der Kirchenverwaltung, im Pfarrgemeinderat als Leiterin des Liturgiekreises. Sie klagt sich an, dass ihr alles Religiöse entschwunden sei. Wenn sie Texte in einer Andacht vorträgt, sei das für sie wie eine fremde Sprache. Sie habe große Hemmungen und Ängste dabei, es zitterten ihr die Füße. Sie könne auch nicht mehr beten. Ich kann ihr erklären, dass es einen Prozess braucht, um aus den Schwierigkeiten herauszukommen. In den Sitzungen werden ihre Träume bearbeitet. Sie entdeckt für sich eine Spur, die ihrem Leben eine Wende und neuen Inhalt gibt. Heute nach zwölf Jahren widmet sie dem spirituellen Leben mindestens eine Stunde jeden Tag. Die praktizierte Einstellung befähigt sie, die auf ihr lastenden Aufgaben und Schwierigkeiten zu bewältigen, in Beziehungen angemessen zu reagieren und in aller Einfachheit erfüllt zu leben. Sie kann in Konflikten vermitteln, von ihr geht Ruhe, Verständnis, Vertrauen, Ausgeglichenheit aus. Sie machte noch eine Ausbildung als Atemtherapeutin und kann auf diese Weise das Erworbene weitergeben. Eine Tochter sagte: „Mama, du hast dich so verändert". Sie soll nun mit ihrem ganz persönlichen Bericht zu Wort kommen.

Ein wegweisender Bericht

„Meine letzte Beichte war in der Karwoche 2005..
Wie so oft begann mein Bekenntnis: in Demut und Reue bekenne ich meine Sünden. Ich bin regelmäßig zur Beichte gegangen, bei ein und demselben Priester, meist in der Form eines Beichtgespräches, ungefähr alle drei bis vier Monate. Immer wieder suchte ich in der Hoffnung auf Besserung meine kleinen oder großen Sünden zusammen, schon Tage vor dem vereinbarten Termin war ich umgetrieben von tief empfundener Scham, die mir den Schlaf raubte, die mich noch unruhiger und unleidiger machte; obwohl ich nahezu immer das gleiche Bekenntnis ablegte, war die Beichte für mich nie zur Routine geworden, denn diese Überwindung, immer wieder mein Ungenügen in ähnlicher Form zu wiederholen sah, ich als meine Buße an. Dass Gottes Liebe auch für mich mit Kraft und Fülle, Lebensfreude und unendlicher Liebe zu tun hat, konnte mich nicht durch das wiederholt aufgegebene Vater-Unser und das Ave-Maria erreichen. Dies wiederholte sich 25 Jahre lang, ohne dass der Segen des Priesters in mir und in meinem Leben etwas verändert hätte, ich Christus und meinem Gott nähergekommen wäre.
Meine Lebenssituation vor dieser Beichte war die:
Ich empfand ohnmächtige Verzweiflung über Gegebenheiten in meinem Leben: meinen Eltern gegenüber, die in mein Leben hineinregierten, von denen ich finanziell abhängig war; ohnmächtigen Schmerz über das Festgefahrensein und die Starre in meinem Eheleben, über mich und meine Unfähigkeit Freude an gelebter Sexualität zu empfinden; die Beziehung zu meinen drei Kindern beschränkte sich auf ihre Unterstützung gute Leistungen in der Schule zu erbringen. Von unseren Freunden zog ich mich zurück, weil ich die Oberflächlichkeit der Gespräche nicht mehr aushielt. Graue, mich überfordernde Alltagsroutine, Einsamkeit, keine Hoffnung auf Veränderung und große Schuldgefühle, an allem schuld zu sein breitete sich aus und erstickte jeden Lebensmut.
Meine vielen Ehrenämter in der Gemeinde erfüllte ich lustlos.
Bei Exerzitien im Internet, in absoluter Anonymität, hoffte ich das aussprechen zu können, was ich meinem Beichtvater, der so große Stücke auf mich hielt, meinte nicht zumuten zu können, weil es im Leben eines praktizierenden in der Gemeinde aktiven Katholiken nicht sein durfte: ich finde Gott nicht mehr, der Gottesdienst ist für mich nichtssagend, ebenso die Kommunion, das, was mir in meinem Leben als ganz sicher schien, Gott, mein Glauben an Ihn, meine Hoffnung getragen, geliebt, erlöst zu sein erfüllte mich nicht mehr, wurde belanglos.
War ich vor lauter Aktivität - auch in der Kirche - Gott davongelaufen?

Die Frau am Jakobsbrunnen - ich selbst?
Diese Frage brachte ich in die leere stille Kirche mit; allein vor dem Kreuz stieg die Erinnerung an einen Evangeliumstext auf, die Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen; es traf mich wie ein Blitz: was wäre, wenn ich heute wie diese Frau damals Jesus am Brunnen begegnen würde? Heute, jetzt? Was würde sich in meinem Leben ändern?
Diese Frage verfolgte mich über Wochen Tag und Nacht, mit dieser Frage, mit dieser Not ging ich zur Beichte, in der ich zum letzten Mal die Absolution zugesprochen bekam, obwohl ich meine, dass der Priester meine existentielle Not nicht wirklich verstanden hat; seine Zusage der Vergebung befreite mich nicht, die Frage nach dem „Was-wäre-wenn?" blieb, nichts hatte sich trotz Empfang des Sakramentes, dem guten Willen des Priesters und dem meinen in meinem Leben geändert, meine Krise spitzte sich zu.
Ich suchte im Internet nach Texten, die mich weiterführen könnten, nach Verstehenshilfen, was mit mir sein könnte, gab ich mir doch immer noch die Schuld, dass mir mein Glaube abhandengekommen ist. Ich suchte nach Jemandem, der nur ansatzweise meine Frage, meine Suche, meine Not verstehen könnte bzw. mir half, mich selber zu verstehen.
Auf einer unscheinbaren Webseite fand ich, was ich suchte und noch viel mehr: da formulierte jemand, was mich umtrieb. Ich fand mich wieder in den Texten, ahnte, dass meine Lebens- und Glaubensnot zumindest von diesem Menschen verstanden werden könnte. Hoffnung tat sich auf als ich las, etwa so: den eigenen blinden Fleck kann man nicht selbst sehen, aber er ist zu finden in einem behutsamen verstehenden Gespräch.
Dieses verstehende Gespräch fand für mich immer in einer Beichte bei einem Priester statt, nur da gelang es mir,  mich überhaupt ansatzweise zu öffnen, immer in der Erwartung, dass die Autorität des Priesters, der die Gewalt hat, mein Unheilsein in Heilsein in seiner Person als Stellvertreter Jesu in der Vergebungszusage zu wandeln. „Wasch meine Schuld ab, entsündige mich, wasche mich, dann werde ich weißer als der Schnee", diese Bitten galten mehr dem Priester und seiner Autorität als dem, den er vertritt.
Der Autor der hilfreichen Texte war Priester und therapeutischer Seelsorger. Bei ihm meldete ich mich für ein Beichtgespräch an; es verlief anders als bisher; nach meinem Bekenntnis sprach er von Umkehr als Prozess, als Weg, vergleichbar dem der Israeliten durch das Rote Meer; er sprach vom Reichtum der Stille, der Träume, vom Religiösen, das über den Leib geht, von meiner Suche nach dem Ureigensten, von Erlösung der Gefühle. Seine wichtigsten Worte für mich waren: Gott ist innen, tief in mir, mir näher als ich mir selbst bin.
Er war nicht an meinen Sünden interessiert, vielmehr worunter ich leide, am Konflikt mit meinem Vater, meiner Mutter, meinem Mann. Irgendwann ertönte die Glocke zum Vespergebet, der für mich so wichtige, wenngleich auch magische Moment der Absolution war gekommen, aber er ging aus dem Zimmer - ohne mir die Absolution zu erteilen, jedoch mit der Zusage mich zu begleiten, wenn ich mir vorstellen könnte, jede Woche zum Gespräch, zur Körperarbeit und zum Sitzen in der Stille zu kommen; zum Abschied gab er mir eines seiner Bücher mit. Er sagte, die Lossprechung könne er erst nach Abschluss des Prozesses erteilen. Da erst sei sie sinnvoll. Magenschmerzen quälten mich auf dem Heimweg, ich konnte es nicht fassen, dass dieser Priester mich, ohne die Absolution zu erteilen, entließ; sein Tun trieb mich um und noch am selben Abend las ich in seinem Buch sein ganz eigenes Lebenszeugnis über seinen inneren Weg: „äußerst befreiend empfand ich die Erkenntnis, dass im Selbst, im Personenkern des Menschen, im Seelengrund, Göttliches und Menschliches so tief zusammenkommen, dass die Nähe zu Gott zugleich als das Ureigenste erfahren wird. Ich fand zu der Einsicht, dass ich erst dann bei mir selbst bin, wenn ich Gottes Gegenwart spüre" . Worte, die meine Suche formulierten und mich zuinnerst trafen. Ich weinte bitterlich, meine tiefe Sehnsucht nach Gott, nach Daheimsein, nach Geliebt sein, nach dem Mehr des Lebens war angesprochen und aufgebrochen.

Verweigerte Lossprechung
Die nicht erteilte Absolution wirkte wie ein Schock, der zunächst wie ein Wunder bewirkte, dass mir meine Träume in Erinnerung blieben, ich sie aufschreiben und Woche für Woche ins Gespräch einbringen konnte; diese ganz andere und doch ganz wirkliche Seite meiner Persönlichkeit war mir vollkommen unbekannt. Heikle, frivole und erschreckende Szenen tauchten in meiner Traumwelt auf. Dunkle Gestalten, wilde Tiere, Kriegsszenen, wilde Wasser und tiefe Abgründe und verschlossene Kirchentüren raubten mir manche Nacht den Schlaf; in der Begleitung lernte ich, meine Traumszenen und Gestalten in Bezug zu meinem Alltag und den Menschen, die mit mir lebten, zu setzen. Alles, was sich in meinen Träumen zeigte, hatte mit meinen wirklichen, aber nicht wahrgenommenen und mir eingestandenen Gefühlen zu tun; ich erlebte mich als eine große aufgerissenen Wunde, je tiefer ich mir selbst begegnete. Mit meiner wahrhaften Wirklichkeit in Kontakt zu kommen, rief Ströme von Tränen hervor, es schüttelte mich manches Mal vor erfahrenem Lebensleid und meinen Lebensthemen. Ich musste wahrnehmen, dass meine Ehe am Zerbrechen ist, dass wir nie zueinander passten, eine Scheidung aber nicht möglich ist, ohne das Lebenswerk mehrerer Generationen zu zerstören, dass meine Eltern mich zu ihrem Instrument machten, dass ich von unbestimmten Ängsten gequält werde, die mir die Lebendigkeit raubten, die Probleme, die ich mit meinen Kindern hatte und die sie haben, intensiv mit mir zu tun haben und vieles mehr. Und trotzdem war in mir eine Sicherheit, dass alles, wie und was sich zeigte, seine Richtigkeit für meine weitere Entwicklung hatte. Ich hatte die Spur zu mir selbst gefunden im ehrlichen Betrauern und Annehmen meines Gewordenseins und im jetzt stattfindenden Prozess in den Gesprächen. Die Sicherheit, die mein Begleiter ausstrahlte, verstärkte die entschlossene Unbedingtheit, auf dem richtigen Weg zu sein, weg von allem mir Übergestülpten, von Autoritäten, die mich fremdbestimmten, hin zum ganz eigenen Leben.

Ganz neue Erfahrungen
Äußerst hilfreich wurde mir die Körperarbeit und das Sitzen in der Stille, dabei den Namen Christus Jesus innerlich zu wiederholen, ihn zu atmen.
Die ersten Einheiten mit eutonischen Übungen machten mir schmerzlich bewusst, dass ich verlernt hatte, mich selbst zu spüren. Die bewussten, ganz langsamen, aber äußerst achtsam durchgeführten Übungen ließen in mir eine spürbare innere Lebendigkeit erwachen. Ich empfand die Ruhe, die Offenheit und Achtsamkeit der Teilnehmer ungemein wohltuend, jede Selbstdarstellung, jede Hektik fehlte.
Das sich den Leibübungen anschließende Sitzen in der Stille war für mich vom ersten Moment an wie Gebet: nichts müssen, nichts sollen, nichts wollen, nur da sein dürfen, hineingenommen sein in eine wohltuende Atmosphäre, die sich immer mehr verdichtete und nahezu durchsichtig wurde auf das ganz andere hin.
Mich zu spüren, den Boden unter meinen untergeschlagenen Beinen, meinen Leib im Atem, meine innere Lebendigkeit wurde mir zur Kraftquelle, mein immer mehr hervorbrechendes Leid, das sich in den Gesprächen verdichtete, auszuhalten. Das tägliche Sitzen wurde mir wie von selbst zur inneren Verpflichtung. Es wurde zu meinem Gebet einer Zeit, in der ich bewusst zustimmte, im Nicht-tun Gott handeln zu lassen, wie Er es für richtig für mich hält.
Ich begegnete Menschen, die Ähnliches wie ich erlebten. In kleinen Gruppen lasen wir heilige Texte; wir rangen mit Stellen, die vom Kreuz und Kreuztragen, von Erlösung, von Gnade, vom Wiedergeboren werden aus Wasser und Geist, von der Menschwerdung Gottes handeln und suchten für unseren Weg und unseren Alltag Deutung. Ein ehrliches Ringen um unseren Glauben. Und wir erzählten uns unsere Träume; für mich war es erschütternd zu erleben, wie schwer es für mich war, mich in einer Gruppe zu artikulieren, über mich und meine Schwierigkeiten zu reden, ich hatte ungeheure Angst, verletzt, nicht ernstgenommen zu werden, die Wahrnehmung der Gruppe von mir und meinem Alltag zu ertragen, zu erwägen und für wahr zu nehmen.
Überraschend war für mich, wie sich die Texte der heiligen Schrift, der Psalmen für mich neu öffneten: meine eigene Not, mein Suchen, Ringen und meine Einsamkeit fand ich in den dargestellten Menschen und Situationen wieder.
Ich wollte wieder den Gottesdienst besuchen. Träume, zum Beispiel „die große Hostie ist für den neuen Menschen" bestärkten mich darin; in meiner Heimatpfarrei scheiterte ein erster Versuch; einfach gestaltete Gottesdienste hingegen mit einem Priester, der vom Heiligen berührt ist, fernab der Routine, in denen Raum und Zeit für Stille gewahrt wird, zogen mich an und berührten mich sehr, schürten meine Sehnsucht nach dem Ganz-Anderen immer neu.

Probleme verdichten sich
Mein Alltag, mein Eheleben, die Beziehung zu meinen Eltern wurden immer schwieriger, weil immer nichtssagender. Für mich war es eine lange Zeit, ein Gefühl wie zerrissen zu werden: Auf der einen Seite meine spirituelle Sehnsucht, auf der anderen Seite konkretes Scheitern in der Erfahrung meiner Lieblosigkeit; beides schien nie zusammen zu gehen.
Da ereignete es sich bei einem Meditationskurs in der Mittagspause: mir geschah es, plötzlich die absolute Stille wahrzunehmen, enthoben jeden Zeitempfindens. Die Zeit war verschwunden, wie lange, ich weiß es nicht, nur, dass ich noch nie solch einen Frieden erlebt habe. Völlig aufgelöst suchte ich nach Worten, dies meinem Begleiter zu schildern, es schlich sich große Angst ein, am Rand oder in einer Psychose zu stehen. Seine Ruhe und Gelassenheit waren mir Anker, konnte aber mein tiefes Erschrecken nicht befrieden; mir wurde klar, dass mein eingeschlagener Weg meinen vollkommenen, unbedingten Einsatz, mich ganz und gar einfordern wird.
Ich musste Abstand gewinnen, überzeugte meinen Mann und meine Kinder von einem langen Pilgerweg, den ich mit Freunden gehen wollte. Gehen, Erdung, weit weg vom Alltag mich wirklich zu finden, vielleicht auch mehr, waren meine inneren Ziele. Das gemeinsame Sitzen am Morgen, der Tagessegen, das gute Miteinander, lebendiger Austausch im Gespräch und in der Verantwortung füreinander, 1000 km Gehen begannen mich zu verändern; ich wurde gelassen, entdeckte meinen Geh- und Lebensrhythmus, nahm mich als Person in der Gruppe als gern gesehen und angenommen wahr. Freude, Lebensfreude kehrte wieder ein. Das Gehen, bis Es geht, wurde für mich zum Lehrmeister, Schritt für Schritt. Ich nahm die Bäume, das Licht, den Gesang der Vögel wie zum ersten Mal wahr, ein Glück, das sich in meinem innersten Herzen zaghaft regte. Was ich im Außen hörte und erlebte, hatte eine Resonanz tief in meinem Inneren. Schmerzende Knie, manche Schwierigkeit auf dem Weg waren geborgen in dieser Wahrnehmung und wurden befriedet mit Kraftzuwachs.
Erstaunliches geschah wieder daheim: nichts, rein gar nichts konnte mich aus der Ruhe bringen, aber von meinem wirklich erlebten Glück konnte ich nur wenigen berichten. Drei Wochen später lag mein Vater im Sterben. Mir war bewusst, dass nun vieles zu Ende geht, auch die Not und die Schwierigkeiten, die wir miteinander hatten. Auf seinem Sterbebett waren seine letzten Worte an mich: „ich bin stolz auf dich", es war wie sein Segen für mein weiteres Leben.
Dieses hatte sich von Grund auf verändert: Gefühle des Ungenügens, der Abhängigkeit von äußeren Autoritäten, der Wut, des Hasses, der Ohnmacht und des sich Verteidigen-Müssen waren einfach nicht mehr da. Ich reagierte gelassener in meinem turbulenten Alltag, bereit das Erbe meines Vaters in einer Firma anzutreten und seine Zukunft neu für meine Kinder zu gestalten.
Für meinen inneren Weg blieben Austausch und Gespräche über meine Träume wichtig, das Sitzen in der Stille lebensnotwendig. Ich erlebte, wie sich wie von selbst mein Leben neu gestaltete, immer neue, interessante Menschen in mein Leben traten und ich als Gesprächspartner wichtig wurde. Ich erlebte aber auch, wie unentbehrlich es für mich wurde und ist, mich abzugrenzen, Zeit für mich zu finden, um dem nachzugehen, was mein Leben zu nähren begann.

 

Ein neues Herz

Jetzt fühlte ich mich stark genug, selbst eine Ausbildung als Körpertherapeutin zu machen. Noch in der Ausbildung hatte ich einen schweren Unfall, mein Bein, meine Rippen waren zertrümmert, ich musste Monate liegen, das für mich so wichtig gewordene Gehen mühsam neu lernen, ebenso eine für mich neue Form des Liegens in der Stille. In dieser Zeit erlebte ich meine Einsamkeit radikal, tiefste Sehnsucht nach der Begegnung mit Christus quälte mich, es war, wie wenn mein Innerstes aufgebrochen wäre.
Ich stellte nie die Sinnfrage, die Frage nach dem warum, wozu, ich wusste, es ist genau das Richtige für mich jetzt, aber die Frage: wer bin ich zutiefst? trieb mich um.
Wie auf dem Pilgerweg, nur viel intensiver tat sich die Schönheit der Natur um mich herum auf, das Grün, die Sonne, die Wolken, der Duft der Blumen, der Gesang der Vögel, wie wenn alles durchsichtig hin auf ein großes Ganzes ist. In den Augen der Menschen entdeckte ich einen neuen Glanz. Tief in meinem Leib sprudelte es wie aus einer Quelle, Raum eröffnete sich in mir und zugleich ein Raum der Weite nach außen. Mein Herz öffnete sich. In mir strömte eine Kraft, die nicht ich bin, die mich aber ausmacht und wirkt, in mir und nach außen hin; eine Kraft, die mich befriedete. Sie bewirkte, dass jede Angst verflogen war. In meinen Träumen habe ich mein viertes Kind, einen kleinen Jungen, geboren. Mir wurde bewusst, dass Christus uns ein neues Herz schenken will, ein Herz aus Fleisch und Blut, dass es Ihm um unser Herz geht, das Er wandeln will, das Ihm gehören soll. Ich spürte die Regungen in meinem Herzen, war ganz bei mir und alles war gut.
Wieder gesund, wurde und ist mir die Behutsamkeit und Achtsamkeit im Umgang mit meinen Mitmenschen und mir selbst zur Aufgabe. Viel intensiver als früher nehme ich unausgesprochene Not und Bedrückung in meiner Umgebung wahr, bescheiden, weil ich um meine eigene Bedürftigkeit, aber auch um meine Sehnsucht weiß. Ich muss mich selbst spüren, meine Füße, mein Schädeldach, mich im Bauch-Beckenraum, im Atem, wenn mein Alltag ehrlich, schöpferisch und fruchtbar sein soll. Manches Mal geschieht es mir dann, diese zarte Herzkraft zu spüren, die mich lenkt, beseelt und Heimat in mir gibt. Sie ist wie ein Same, der wachsen will. Die Probleme in meinem Alltag werden nicht weniger, aber sie überrollen mich nicht mehr so intensiv; oftmals lösen sie sich in einem langen, manchmal verwirrenden Traumprozess zunächst schmerzvoll, dann in einem beglückenden Seelenbild. Ich gewann zunehmend die Erkenntnis, dass die Träume „die vergessene Sprache Gottes" sind, einer Weisheit, die stärker und mächtiger ist, als wir Menschen es je sein könnten und der ich vertrauen kann. Die Probleme lösen sich von innen her wie von selbst, wenn es im Außen nicht weiter geht, aber es sind immer wieder neue Durchgänge.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Die Liebe - neu entdeckt
Heute bin ich gewiss: Diese ganz andere Seite wacht über unser Leben und hat mit Liebe zu tun, mit unendlicher Liebe, die uns in den schwersten Stunden unseres Lebens mit Liebe geradezu überströmt, um anderen in Liebe begegnen zu können. Diese Liebe ist die Kraft zum Leben und zum Sterben. Diese Liebe ist die Fülle des Lebens.
Sie lässt mich mein Leben annehmen, wie es ist, lässt mich auf diesem Weg, der nie zu Ende ist, immer tiefer erkennen, wer ich zutiefst bin und führt in große, überraschende Freiheit. Die tägliche Übung in der Stille zu sitzen, gibt mir Richtung".

 Im Jahre 217 hätte sie die Taufe empfangen
Dieser Bericht hat nichts von einem zerknirschten Schuldbekenntnis an sich, wohl aber mit Szenen der Erschütterung voller Tränen. Er beschreibt eine innere Wandlung, nach der die Frau anders fühlt und denkt, nachdem sie neue Erkenntnisse für ihr Leben gewonnen hat und zugleich die Kraft und Sicherheit, sie auch umzusetzen. Man darf in ihrer Geschichte die Ziele erfüllt sehen, die für die christliche Buße ausgeschrieben sind: Sie kommt der „fundamentalen Umwandlung der Denkungsart" nahe und auch der Forderung, dass „Jesus Christus in seiner Neuheit wieder neu gegenwärtig wird". Von der einmal so begehrten Lossprechung ist nicht mehr die Rede. Sie wurde nicht mehr verlangt. Was ist dann mit dem Bußsakrament? In den Gesprächen ging es nicht um einzelne Verfehlungen, sondern um den umfassenden Hintergrund, der ihr Leben so düster machte und der als strukturelle Sünde bezeichnet werden könnte. Wenn nun dieser erhellt wird und seine schädigende Macht verliert, was hindert uns, dies „Erlösung" und „Vergebung der Sünden" im vollen Sinn zu nennen? Kann man leugnen, dass hier eine Versöhnung mit Gott bis in die Wurzeln der Existenz geschah, mit der die innere Wandlung einhergeht? Es sind die zwei Seiten des einen Vorgangs, der uns an die Ursprünge des Christseins führt. Gemeint ist die Taufe in der Frühzeit der Kirche. Sie wurde Erwachsenen nach einem Prozess der inneren Wandlung und der praktischen Einführung gespendet und die Aussagen der Heiligen Schrift und der Kirchenväter über die Taufe geben deren Erfahrungen wieder. Den Bericht der Frau dürfen wir als Beschreibung dieses Weges sehen. Hätte sie um das Jahr 217 in Rom gelebt, hätte sie jetzt die Taufe empfangen. Dazu kann ein Traum von ihr aus der letzten Zeit einen wichtigen Hinweis geben.
„Eine junge, frisch verheiratete Frau, legt mir ihr Neugeborenes in den Arm. Ich frage nach dem Namen; es heißt Aurora, es ist am selben Tag wie ich geboren und wie die junge Mutter; es ist ganz erstaunlich: das neugeborene Baby kann schon sitzen und sprechen, und zwar äußerst klug; seine Gesichtszüge sind voll entwickelt und ausgeprägt."
Das Traumbild beschreibt ihren inneren Zustand und gibt einen Blick in die Seele frei. Jede Gestalt ist ein Produkt der unbewussten Seele und ein Anteil der Träumerin bzw. des Träumers. Sie gibt die innere Befindlichkeit zumindest in Ausschnitten wieder. Von jeder Figur kann man sagen: Das bin ich auch! Die junge, frisch verheiratete Frau strahlt Lebenskraft und Zuversicht aus, was auf die Träumerin real zutrifft. Das Neugeborene weist auf die Neuheit ihres Lebens hin. Wie sehr ihre Existenz gemeint ist, wird dadurch noch verstärkt, dass der Geburtstag des Neugeborenen, der seiner Mutter und ihr eigener (der Träumerin) zusammenfallen. Hier dürfen wir an das Bild denken, das uns das Neue Testament für die Taufe anbietet. Im Gespräch mit Nikodemus sagt Jesus: „Wenn einer nicht geboren wird aus Wasser und Geist, kann er nicht eingehen in das Reich Gottes." (Joh 3,5).
„Wiedergeboren aus Wasser und Geist" wird bei jeder Taufe gesagt, auch wenn das Kind erst zwei Wochen alt ist. Als das Wort geprägt wurde, stand dahinter ein Wandlungsprozess Erwachsener ähnlich dem, den die Frau beschreibt: eine völlig neue Quelle der Motivation, der unmittelbare Kontakt mit der Transzendenz, eine neue Weise, sich selbst und die Umgebung wahrzunehmen, mit Menschen umzugehen, (nicht nur gute Vorsätze) neue Interessen, neue Lebendigkeit, neue Freude am Leben, eine überraschende innere Freiheit. Sie spricht von „Liebe als der Kraft zum Leben und zum Sterben" und dass diese „Liebe die Fülle des Lebens ist".
Dazu kommt noch der Name des Kindes „Aurora". Er bedeutet die „Morgenröte". Man darf sagen: Im Leben dieser Frau, wo es solange Nacht war, ist es Tag geworden. Es darf an die Worte des Apostels Paulus erinnert werden: „Denn der Gott, der befahl, dass aus der Finsternis Licht aufstrahle, ließ auch in unseren Herzen ein Licht erstrahlen, dass es leuchte zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitz Christi (2Kor 4,6).
Die inneren Bilder der heute lebenden Frau stimmen mit denen der ersten Christen überein und sind Ausdruck einer ähnlichen Erfahrung, die heißt: Sie ist ein neuer Mensch geworden. In allem, was mit ihr geschah, was sie durchleiden und durcharbeiten musste und wo sie ankam, dürfen wir etwas von der geforderten Dynamik des Ursprungs erkennen.
Das Wissen um den inneren Weg, der einmal Erwachsene zur Taufe geführt hat, ist im Laufe der Geschichte verloren gegangen. Alle Aussagen des Neuen Testaments und der frühchristlichen Theologen über die Taufe gehen auf Erfahrungen Erwachsener zurück. Nun haben wir aber die Kindertaufe. Es gibt gute Gründe für diese Praxis. Voraussetzung ist der Glaube der Eltern. Die Kinder wachsen hinein in eine Atmosphäre, in der sie wie sprechen, lesen und schreiben, glauben und beten lernen. Sie übernehmen die Überzeugung der Eltern. Taufe wird als Geschenk verstanden und als der Keim, der sich entfalten soll. So geschah die Weitergabe des Glaubens und sie war erfolgreich. Nun aber ist in einem unüberschaubaren Maß die Tradition eingebrochen und der Glaube trotz aller Mühen der christlichen Erziehung entschwunden. Die jungen Eltern lassen ihre Kinder noch taufen, aber die nächste Generation erlebt keine glaubenden und betenden Eltern. Es ist deshalb berechtigt, die herkömmliche Praxis kritisch zu betrachten und sie mit der des Ursprungs zu vergleichen. Noch einmal:
Die Wirkungen der Taufe, die einmal Ergebnis eines langen, schmerzlichen und mühsamen Prozesses waren, werden nun auf ein Neugeborenes übertragen. Wenn dem Kind beziehungsweise den Eltern gesagt wird: „Du bist nun wiedergeboren aus Wasser und Geist" würde dies dem entsprechen, als wenn ihm versichert würde: „Du hast schon dein Diplom. Du hast deine Ausbildung schon abgeschlossen!" Damit wird der Bezug zur gefühlten Realität verlassen.
Weil in diesem Moment Lehre und wirkliches Wahrnehmen der Beteiligten, in diesem Fall der Eltern auseinandertriften, darf man vermuten, dass hier der Keim der Entfremdung gelegt wird. Auf der Taufe ist die Liturgie aufgebaut, die Kirchenlieder fordern Jubel aufgrund der Taufe, die Anmahnungen zum christlichen Verhalten werden mit der Taufe begründet, ebenso die Unauflöslichkeit der Ehe. Für alle, die als Erwachsene nie zu einer bewussten Zustimmung gelangt sind, ergeben sich offene Konflikte. Aktuell wird es, wenn die Ehe gescheitert ist.
Eugen Drewermann, der die Botschaft Jesu aus der Sicht der Tiefenpsychologie zu verstehen sucht, setzt an diesem Punkt seine radikale Kritik an.

Aus:  Guido Kreppold, Stopp!! Die Umkehr, die alle fordern und niemand will, Kirchheim 2019  56 ff