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Versoehnung ohne Folgen

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Eugen Drewermann: „Versöhnung mit Achtzig" stand in der Wochenzeitung  "Christ in der Gegenwart"(Ausgabe 25,2020).  Man sieht den Jubilar, wie ihm der Dekan der theologischen Fakultät Paderborn  die Hand reicht. Bischof Heiner Wilmer nannte ihn sogar einen Propheten. In dem anschließenden Artikel im CiG „Hört früher auf die Ketzer" werden mehr wertschätzende Worte für ihn gefordert. Ist das nun die Versöhnung, die einem so kritisch Denkenden  gerecht wird?  Denn zugleich wird bemerkt, dass der theologische Tagesbetrieb damals über den Konflikt hinwegging. Nach 30 Jahren muss man allerdings sagen:

Der Konflikt ging über das kirchliche Tagesgeschehen hinweg! Er steht heute als die größte Krise der Kirche seit Jahrhunderten vor uns. Es ist mehr als der persönliche Konflikt eines Theologen mit seinen Vorgesetzen. D. traf ein zutiefst schwelendes Problem der theologischen Welt und der Kirche: die rasant  beschleunigende Entfremdung von den Menschen von heute! Er zeigte hilfreiche Wege für deren Not und Suche auf. Deshalb fand er auch eine so große Resonanz.

Das verhängnisvolle Missverständnis

Die tiefste Kränkung dürfte für ihn sein, dass seine rettenden Ansätze, die mit so viel Einsatz und sogar Tränen eingebracht wurden, von den Verantwortlichen bis heute nicht erkannt, noch weniger umgesetzt werden.  Dagegen kann D. als bittere Wahrheit für sich buchen,  was er als Titel einer seiner Bücher seinen Kritikern vorhält; „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen".[1] Dafür sprechen Skandale, Missbrauch und Auszug aus der Kirche in Massen selbst in traditionsgebundenen Gegenden!    Die Tragödie D. ist nicht nur Sache der damaligen kirchlichen Leitung; er passt nicht in den Rahmen des üblichen theologischen Denkens. Er forderte damals die namhaften Theologen seiner Zeit im deutschen Sprachraum zu einer Stellungnahme heraus. In dem Sammelband „Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens?" [2] versuchen sie richtig zu stellen, was nach ihrer Meinung bei Drewermann schief liegt. Sie wehrten seine Angriffe ab, verstanden aber seine berechtigten Anliegen nicht, schon gar nicht Inhalt, Umfang und Bedeutung der Tiefenpsychologie. Dies zeigt schon der Titel des Sammelbandes. „Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens?" Es wird der Eindruck erweckt, als ob es dem Autor darum ginge, den Glauben in Tiefenpsychologie umzudeuten und ihn in deren Begrifflichkeiten aufzulösen.

 In Wirklichkeit ist es Bemühen, den Menschen von heute in ihrer Not wirksame Hilfe anzubieten und den Wert des Glaubens zu erschließen. Im Mittelpunkt steht für D. der konkrete Mensch mit seiner belasteten Geschichte und nicht ein noch so gut begründetes Lehrgebäude. Wer von Tiefenpsychologie eine Ahnung hat und sich auch in Theologie auskennt, kommt bei der Lektüre zu dem Ergebnis, dass hier zwei verschiedene Denkweisen gegeneinanderstehen. Auf der einen Seite das Denken als das Bemühen um den Inhalt des Glaubens, die fides quae, um objektive Wahrheiten und Lehrsätze, was Sache der wissenschaftlichen Theologie ist. Auf der anderen Seite steht der Vollzug des Glaubens, die  fides qua, wie der Glaube in das Leben umgesetzt wird.  Auf dieser Seite denkt D. und sieht in der Tiefenpsychologie eine entsprechende Hilfe. Entscheidend ist dabei nicht die Verkündigung einer objektiven Lehre, sondern was dem Einzelnen hilft, sein Leben in Wahrhaftigkeit und Verantwortung zu bestehen.

Recht haben oder recht sein?

Der Unterschied der beiden Arten zu denken zeigt sich in der Einstellung: Will ich Recht haben? Oder will ich recht sein? Beim Recht haben geht es um Tatsachen und (scheinbar) unumstößliche „Wahrheiten". Man versucht den andern mit Argumenten niederzuringen. Wer recht sein will, bei dem steht die Suche nach Echtheit, nach Empathie, nach Vertiefung der eigenen Persönlichkeit im Vordergrund. Es ist die Frage: Was bringt mich weiter? Was macht mich authentisch? So manche Aussage von höchst qualifizierten Autoren auf theologischer Seite greift in Bezug auf Psychoanalyse völlig daneben. Deren Unkenntnis würde dem entsprechen, wenn jemand Schöpfungstheologie vertritt und von den  Ergebnissen der Evolutionsforschung keine Ahnung hat. Tiefenpsychologie hat im akademischen Raum keinen Stand. Obwohl sie Wissen vom Innersten des Menschen ist und heilende Erfolge aufzuweisen hat,, kommt sie in der Theologie praktisch nicht vor. Dies mag darin seinen Grund haben, dass ihre Methoden und Ziele über das bloße Studium der Literatur nicht verstehbar und nicht zu haben sind. Sie setzen die eigene Erfahrung voraus. Das bedeutet aber: Nur wer sich einer Selbsterfahrung, einer Erkundung und Besserung der eigenen Existenz, einer kritischen Auseinandersetzung mit sich selbst aussetzt, -das bedeutet letztlich Psychoanalyse - kann kompetent über Tiefenpsychologie etwas sagen, bzw. schreiben. Damit soll nicht geleugnet werden, dass viele theologisch Gebildete sich in Psychotherapie ausbilden lassen, weil ihnen die reine Theologie bei der Not der Menschen nicht hilft.       

 

Tiefenpsychologie: der Schlüssel zur eigenen Geschichte!

           Der tiefenpsychologische Zugang zum Menschen gewinnt insofern an Bedeutung, als der Sitz der Emotionen und der Motivation sein Schicksal bestimmen, aber dem denkenden Ich verborgen ist. Es ist der Punkt, ob die Liebe gelingt, in der Ehe, in der Familie, ebenso das Leben in einem Kloster, ob Entscheidungen richtig sind, ob die Kirche glaubwürdig ist. Die tiefenpsychologisch begründete Psychotherapie vermag   diesen verborgenen, bisher unzugänglichen Raum der Seele zu öffnen und neu zu gestalten. Konkret heißt das:  Menschen werden in ihren bedrängenden Lebensfragen, in ihrem Leid, in ihrer Verwirrung und Orientierungslosigkeit aufgefangen und es wird ihnen eine neue, intensivere, positive Erfahrung und Ausrichtung vermittelt. Damit werden Menschen von innen her gewandelt, nicht aufgrund äußerer Einflüsse oder unter dem Druck von oben. Ob dies in jedem Fall gelingt, ist damit nicht gesagt.  Es ist offensichtlich, dass der Zulauf zu den psychologischen Beratungsstellen ständig im Wachsen, während kirchliche Seelsorge im freien Fall ist. Die Leute gehen dorthin, wo sie wirksame Hilfe bekommen. Damit ist eingeschlossen: Mit der Tiefenpsychologie - richtig verstanden und angewendet - wäre es möglich, in die geistige und emotionale Strömung der Zeit einzugreifen. Wenn das Böse, worüber so viel geklagt wird, vornehmlich durch Angst, Mangel an echter Beziehung, Vereinsamung und Überforderung bedingt ist, dann gebührt jener Methode Beachtung, welche Menschen aus diesen Nöten herauszuführen vermag. Im Hinblick auf den katastrophalen Auszug aus der Kirche müsste man den Tagesbetrieb anhalten und die Frage zulassen: Was läuft schief in unserem herkömmlichen theologischen Denken? Was wird vermieden?  Was hat D. richtig gesehen, das die theologischen Vor-denker und Vor-schreiber übersehen? Als allererstes ist es das Thema der Angst. Sie kann nur durch Vertrauen überwunden werden! Dann bleibt die Frage: Wie kommt man zu diesem Vertrauen? Wie kommt man zum Glauben, zum Mut, zum Weitblick, zur Toleranz, zur Einheit, zu den Tugenden, die in den theologischen Artikeln regelmäßig eingefordert werden?

Der Zugang zum Herzen

Dazu kann die Tiefenpsychologie nicht nur einiges sagen, es ist das A und O ihrer täglichen Arbeit! Das wirksame Mittel ist dabei nicht die Theorie, sondern der Therapeut selbst. Er ist sein eigenes Instrument und  dann erfolgreich, wenn er die Einstellung aufbringt, die der amerikanische Therapeut Carl Rogers fordert: bedingungslose Wertschätzung, einfühlendes Verstehen und Authentizität. Wer diese Einstellung aufweist, strahlt Vertrauen aus. Genau dieses bräuchte die Kirche heute! Die geforderte Einstellung ist allerdings Ergebnis eines inneren Weges, wozu die eigene Analyse gehört.Im Letzten geht es darum, jenen Teil der menschlichen Seele zu erreichen, der in der Heiligen Schrift  „das Herz",  in der therapeutischen Methode das „Unbewusste"" genannt wird.  Es ist nichts anderes als der Sitz der Gefühle und Motivationen. Hier treffen wir unmittelbar auf das zentrale Anliegen Jesu, dessen Enttäuschung über die geistliche Führungsschicht seiner Landsleute der Evangelist mit den Worten des Jesaia ausdrückt: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist weit von mir"(Vgl.Mt15,8).

                                                                                                                           Zornige Ablehnung oder überlegtes Weiterdenken?

Diese harsche Kritik übertrug Drewermann auf die Maß gebenden Lehrenden, Leitenden und sSchreibendender Kirche von heute, und erntete damit die zu erwartende Ablehnung. Im Blick auf die Situation sind jedoch die Vor-denker und die Vor-schreiber im kirchlichen Raum aus ihrer Verantwortung nicht zu entlassen.Für den Umgang mit den Werken Drewermanns heißt das, sich nicht unbedingt von seinen Emotionen mitreißen, wohl aber sich zum eigenen Weiterdenken anregen zu lassen. Anstatt sich mit zornigem Eifer auf das zu stürzen, wo D. angreifbar ist, ist es hilfreicher, das aufzugreifen, worin er Recht hat. Dazu gehört die Methode, die das konkrete Erleben und Verhalten des einzelnen und dessen Veränderung im Auge hat. Wer so denkt, wird die Schriften Drewermanns nicht als Bedro­hung empfinden, vielmehr als Herausforderung, seinen geistigen Rahmen, seine Sicht von sich selbst und von der Not der Menschen zu erweitern, damit seinen Glauben zu vertiefen und zu neuer Lebendigkeit zu finden. Es wäre der Schritt aus der herrschenden Krise, der dem einzelnen möglich ist nach dem Motto: Wenn ich schon an den andern, an der Kirche, an der Gesellschaft nichts ändern kann, so kann mich niemand daran hindern, mich selbst zu verändern.

 

 


[1] Eugen Drewermann, An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" Antwort auf Rudolf Peschs und Gerhard Lohfinks „Tiefenpsychologie und keine Exegese", Olten 1988

[2] Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens? Anfragen an Eugen Drewermann,Hrsg. v.Albert Görres und Walter Kaspar, Freiburg 1988