Die Melodie des Sonnengesangs

 

Schläft ein Lied in tausend Dingen, die da träumen fort und fort

und die Welt fängt an zu singen, findest du das Zauberwort [1]

 

 

Du höchster, mächtigster, guter Herr,

Dir sind die Lieder des Lobes, Ruhm und Ehre und jeglicher Dank geweiht;

Dir nur gebühren sie, Höchster,

und keiner der Menschen ist würdig, Dich nur zu nennen.

Gelobt seist Du, Herr,

mit allen Wesen, die Du geschaffen,

der edlen Herrin vor allem, Schwester Sonne, die uns den Tag heraufführt und Licht

mit ihren Strahlen, die Schöne, spendet; gar prächtig in mächtigem Glanze; Dein Gleichnis ist sie, Erhabener.

Gelobt seist Du, Herr,

durch Bruder Mond und die Sterne. Durch Dich sie funkeln am Himmelsbogen und leuchten köstlich und schön.

 

Gelobt seist Du, Herr, durch Bruder Wind

und Luft und Wolke und Wetter,

die sanft oder streng, nach Deinem Willen, die Wesen leiten, die durch Dich sind.

Gelobt seist Du, Herr, durch Schwester Quelle;

Wie ist sie nütze in ihrer Demut, wie köstlich und keusch!

Gelobt seist Du, Herr, durch Bruder Feuer,

durch den Du zur Nacht uns leuchtest.

Schön und freundlich ist er am wohligen Herde, mächtig als lodernder Brand.

Gelobt seist Du, Herr,

durch unsere Schwester, die Mutter Erde, die gütig und stark uns trägt

und mancherlei Frucht uns bietet mit farbigen Blumen und Matten.

Gelobt seist Du, Herr, durch die, so vergeben um Deiner Liebe willen

und Pein und Trübsal geduldig tragen. Selig, die's überwinden im Frieden; Du, Höchster, wirst sie belohnen.

Gelobt seist Du, Herr,

durch unsern Bruder, den leiblichen Tod; ihm kann kein lebender Mensch entrinnen. Wehe denen, die sterben in schweren Sünden!

Selig, die er in Deinem heiligsten Willen findet! Denn sie versehrt nicht der zweite Tod.

Lobet und preiset den Herrn.

Danket und dient ihm in großer Demut!

Der Zugang

Um einen Zugang zur Seele eines Menschen zu gewinnen, sind einfühlendes Verstehen, Achtung und große Ehrfurcht nötig. Genauso ist es mit ihren Schöpfungen. Welche Lieder Menschen singen, welche Geschichten sie erzählen, welche Träume sie haben, das sagt etwas aus über ihr Wesen. Deshalb ist es richtig zu versuchen, im Text eines Liedes dem Dichter selbst zu begegnen. Man kann von dem Tiefenpsychologen C.G. Jung lernen, wie man mit einem so bedeutenden Text wie dem Sonnengesang umgeht. In der Vorrede seines Kommentars zum Tibetanischen Totenbuch schreibt er, dass eine Schrift von so hohem emotionalem Wert wie die vorliegende, keine kritische, distanzierende Betrachtungsweise ertrage, sondern angemessener sei die „amplifizierende" Methode, in der die Erlebniswelt des Lesers, des Verfassers und möglichst viel vom Leben der Menschen von überall und von allen Zeiten miteinbezogen wird. Auf diese Weise bringt der Text in dem, der ihn verstehen will, selbst etwas zum Schwingen, was dem Erleben des Verfassers ähnlich ist. Das, was der Autor fühlte und dachte, wird eher verständlich und nachvollziehbar. So kann es gelingen, dass sich ein Feld der Zusammenhänge auftut, das der rein rationalen, objektivierenden Betrachtungsweise verschlossen bleibt. Durch einfühlendes Verstehen wird etwas von dem Anliegen des Autors lebendig. Im Folgenden sollen die Aussagen hervorgehoben werden, die auf Grund von intuitiven Überlegungen und in Zusammenschau mit der Tiefen­- und Religionspsychologie gewonnen wurden.                                                                                                                                                              

Wie innen so außen - wie außen so innen

Der innere Kosmos der Seele entspricht dem äußeren Kosmos. Anteile der Seele, welche die Nähe des Menschen zu den Elementen und der gesamten lebenden Natur beinhalten. Die Verwandtschaft der Seele mit den Elementen zeigt sich in der Sprache und in den Träumen. So sind Licht und Dunkel ein wichtiges Ausdrucksmittel, um seelische Zustände zu beschreiben. Wir sagen: die Augen eines Kindes leuchten, wenn es sich freut, ebenso die des geliebten Menschen oder des Heiligen. Ebenso wie wir vom hellen strahlenden Gesicht sprechen, reden wir von einem dunklen und finsteren. Ähnlich drücken Kälte und Wärme Bedingungen der äußeren Natur wie des seelischen Klimas unter Menschen aus. In einer warmen, freundlichen Atmosphäre tauen die Herzen auf, in einer eisigen gefriert selbst ein Lächeln. Besonders das Wasser und seine verschiedenen Zustände werden seit Menschengedenken als Symbol der inneren Verfassung des Menschen gesehen.

Die Seele - ein Geheimnis

Erinnert sei an das Gedicht Goethes: „Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser, Schicksal des Menschen wie gleichst du dem Wind."  Man kann wie die Oberfläche eines Sees aufgewühlt oder abgeklärt sein, in die Tiefe gehen, oder sich an der Oberfläche bewegen, ein bewegtes oder ein ruhiges Leben haben. Wie sehr das Wesen des Menschen der Natur nahe und aus ihr zu verstehen ist, zeigt uns die Hl. Schrift. Jesus gebraucht das anschauliche Bild des Wachstums, das jedem lebenden Organismus ob Pflanze, Tier, Mensch oder menschliche Gemeinschaft eigen ist, um seine Erfahrung mit Gott auszudrücken. ,,Von selbst bringt die Erde Frucht" (Mk 4,21),  sie hat sogar ein  Herz für den Menschensohn (Mt 12,40). Jenes unfassbare Geschehen, das einen Menschen überwältigt und ihn aus seiner Fassung bringt, wenn er Gott begegnet - die Geistsendung -wurde im Zusammenhang mit den Urgewalten des Feuers und des Sturmes gesehen (vgl.Apg2,2- 3).                                                                                                      

Träume: Rätsel und Wegweiser

   Der andere Zugang zur Seele und ihrer Erlebniswelt sind die Träume. So können Träume vom Wasser, wenn sie beachtet werden, Gefühle wieder zum Fließen bringen, den Menschen neu werden lassen oder auch die Gefahr des Ertrinkens, d.h. der Psychose, des Irreseins andeuten. Die vier Elemente Wasser - Feuer - Erde - Luft wurden in asiatischen Weisheitslehren schon immer als die Grundbestandteile der menschlichen Seele angesehen. Ebenso können Träume von Tieren, wie sie auftreten und wie sie behandelt werden, viel darüber aussagen, wie ein Mensch mit seinen Antrieben und Gefühlen lebt. Ob er sie in den Käfig sperrt, ob sie Unheil anrichten, oder ob er mit ihnen gütig und klug umzugehen weiß, sagt Wesentliches über die innere Verfassung eines Menschen aus.                                                             Franziskus nennt die Sonne seine Schwester, den Mond seinen Bruder (im Original ist Sonne Bruder, Mond Schwester), ebenso sind Wasser und Feuer seine Geschwister, die Erde seine Mutter. Diese aus spontanen Einfällen entstandenen Bezeichnungen drücken seine Nähe, Verwandtschaft und Verbundenheit mit der Natur aus. Das bedeutet aber, dass im Verfasser dieses Liedes die Anteile der Seele lebendig sind, welche dem äußeren Kosmos entsprechen. Die Klarheit und Durchsichtigkeit des Wassers spiegeln sich in seinem Innern wider, die Dankbarkeit gegenüber dem Leben und seinen Gaben ist in der Anrede „Mutter Erde" enthalten, die innere Wärme und Kraft in der Liebe zum Feuer.  Der Harmonie, welche Franziskus in der Natur wahrnimmt, entspricht seine innere Ausgewogenheit, Ausgeglichenheit und Lebendigkeit., das Innere dem Äußeren. Sein Denken ist versöhnt mit dem Gefühl, das Rationale mit dem Irrationalen. Die oft so verwirrenden Impulse, welche Denken und Einfälle bestimmen, sind im wohlgeordneten Verhältnis. In alten Kulturen wurde diese innere Ordnung mit dem Symbol des Sonnenrades ausgedrückt, in mittelalterlichen Kathedralen in der Gestalt der Rosette.

Die Sonne des Herzens

 Es wird verständlich, warum Franziskus sein Preislied auf die Schöpfung mit der Sonne beginnt. Ein innerlich Erleuchteter hat ein anderes Verhältnis zum Licht als ein Mensch, der in innerer Dunkelheit lebt. Eine Frau, die Zeit ihres Lebens von schwersten Depressionen gequält wurde, berichtet: Die Nacht, die Dunkelheit und der Schlaf seien ihr lieber als der Tag. Die Helligkeit der langen Sommertage täten ihr besonders weh, deshalb sehne sie sich nach dem Winter mit den langen dunklen Nächten. Die Finsternis in ihr selbst verlangt offensichtlich die Entsprechung im Außen, nämlich den Schutz und die Dunkelheit der Nacht. Andererseits wird in allen Religionen die Nähe eines Menschen zu Gott mit dem Licht und dem Leuchten des Angesichts verbunden. So berichtet Matthäus, dass das Gesicht Jesu auf dem Berg wie die Sonne leuchtete. Seine Kleider wurden hell wie das Licht (Mt17,2). In der Bergpredigt weist Jesus auf das Licht hin, das von den Augen eines Menschen ausgeht. Es ist ein Zeichen, dass der Mensch innerlich erleuchtet ist (vgl. Mt 6 ,23, Lk 11,34- 36). Auch das Alte Testament ist voll von Lichterscheinungen. Nachdem Mose mit Gott geredet hatte, strahlte die Haut seines Gesichtes Licht aus, sodass die Israeliten ihm nicht ins Auge schauen konnten und er deshalb einen Schleier vor sein Gesicht legte (Ex 34,29-35). In den Psalmen ist das Leuchten des Angesichts Jahwes das Zeichen der Erhörung. ,Lass  dein  Angesicht  leuchten, dann ist  uns  geholfen", heißt  es  im  Psalm 80.

Goldgrund und Heiligenschein

In diesem Zusammenhang werden mittelalterliche Darstellungen der Heiligen, besonders des heiligen Franziskus, mit Heiligenschein und Goldgrund verständlicher. Die Menschen der damaligen Zeit erlebten die Heiligen als solche, in denen das innere Licht durchgebrochen war. Der Goldgrund bedeutet den Seelengrund, die innere Sonne. „Wenn nun dein ganzer Leib licht ist und keinen finsteren Teil hat, dann wird er ganz licht sein, wie wenn das Licht dich mit seinem Strahl beleuchtet" (Lk 11,36). Dass das Antlitz Jesu wie die Sonne leuchtete (Mt 17,2) wird verständlicher, einleuchtend. Er selbst wird zur Sonne des Herzens, welche aus den Augen strahlt und den ganzen Leib umgibt. Auch Ignatius von Loyola sah Christus als Sonne[2]. Es war die Spiegelung des inneren Christus. Unter diesem Aspekt darf man auch die Gemälde Giottos in der Grabeskirche zu Assisi betrachten. Der Mann, der zu solchen Bildern anregte, der hl. Franziskus muss eine große Ausstrahlung im ganz wörtlichen Sinn, eine starke Aura besessen haben. Man darf sagen, dass sein Gebet um Erleuchtung in einem ganz umfassenden Sinn erhört wurde.                             

Die verdorrte Seele

Die Vorstellung, dass der Mensch eingebettet ist in den großen Kosmos, dass er von dort Sinn und Freude am Leben empfängt, war den Naturvölkern selbstverständlich. Franziskus hat es intuitiv erlebt, weil er dem Grund des Seins nahe war, dem, wie der Mensch im Innersten ist. Der Mensch der Neuzeit hat diese Ordnung durchbrochen und den Anschluss an den Grund der Seele und des Kosmos verloren. Die Seele gilt als nichtexistierend, ihre Werte wie Gefühle der Achtung und Ehrfurcht vor jedem lebenden Wesen kommen im wissenschaftlichen Denken nicht vor. Angewandt auf unsere Zeit heißt das: Es bestehen Zusammenhänge zwischen den Naturkatastrophen durch ein verändertes Klima und der seelischen Verödung und Verrohung. In unserer Industriekultur fehlt die Kultivierung der Seele. In den Schulen und Universitäten lernen junge Menschen tüchtig zu werden, aber nicht, wie sie ihre Gefühle ordnen und pflegen. Um im Bild der Träume zu bleiben: Wilde Tiere als Sinnbild der inneren Antriebe, werden eingesperrt oder getötet; man denkt nicht daran, dass wir, deren Instinkte, deren Kraft und Weisheit im engsten Zusammenleben und im Umgang mit der Schöpfung bräuchten. Statt dass sie uns helfen, werden sie zu zerstörenden Kräften. Dazu werden uns gerade in der Corona -Zeit Ausbrüche von Gewalt und Zerstörung jeden Tag ins Haus geliefert.                                                                                                                       Es wäre zu beachten, inwieweit Gefühlskälte und Verständnislosigkeit der Erwachsenen junge Menschen in den Drogenkonsum treiben. Der Zusammenhang vom Gift in der Umwelt und dem Rauschgift ist gar nicht so weit hergeholt. Dem Menschen der Industriekultur ist die Instinktnatur, welche ihn mit dem Kosmos verbindet, verloren gegangen. Erst wenn er sie entdeckt und annimmt, kann er wieder neu werden. Jung berichtet vom Traum eines Patienten, in dem in einer magischen Handlung der Versuch gemacht wird, den Gibbon wiederherzustellen. Gibbon ist der tierische Ahne in der Stammesgeschichte des Menschen. Er steht als Symbol für die lnstinktnatur des Patienten, die wiederhergestellt werden soll. Es sind die tragenden vitalen Kräfte, welche die Grundlage für ein reiches und sinnvolles Leben bilden. Wer davon abgeschnitten ist, mag im Äußeren Erfolge aufweisen, ob ihm eine engere Beziehung zu einem anderen Menschen auf Dauer gelingt, ist fragwürdig. Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass in den Großstädten fast die Hälfte der Wohnungen von Singles belegt sind. Der Instinkt für die äußere Natur und der für eigene innere gehen auf dieselbe Basis zurück. Der Indianer hatte den Instinkt, sich in der Wildnis zu orientieren, dem Menschen der Moderne fehlt das Gespür für Zusammensein auf engstem Raum, was und wer zu einem passt, was für ihn gut ist, was schadet. Dies ist nicht als moralisches Versagen zu verstehen, sondern eher als Not, als Mangel einer inneren Gewissheit und Fähigkeit, Beziehung auf Dauer zu leben. Damit verbindet sich ein höchst ökologisches Problem: Wenn sich ein Paar trennt, braucht es zwei Wohnungen statt einer und so vermehrt sich der Bedarf an Wohnflächen und Bauten und die Verminderung der freien Natur.

In der Wurzel verbunden

Innerer und äußerer Kosmos haben eine Verbindung von der Wurzel her. Menschen wie Franziskus haben ein Gespür für die Tiefe des Seins, in dem alle Wesen zusammenhängen. Die Erfahrung ist in allen Religionen ausgesprochen, dass es so etwas gibt wie einen zentralen Kern der menschlichen Seele, welcher je nach Auffassung, Gott selbst oder Stätte der Gottesbegegnung ist. C.G. Jung spricht vom Selbst als dem Bild Gottes im Menschen. Mittelalterliche Mystiker sprechen vom Seelengrund, vom Seelenfünklein oder von der Seelenspitze. Es geht um den Kern Existenz, der Ursprung und Ziel jeder menschlichen Entwicklung und zugleich Zentrum des Kosmos ist. Indem der Mensch das Bild Gottes in sich trägt, hat er die Möglichkeit, auch im Zentrum allen Geschehens zu sein, wo alle Dinge auf ihn ausgerichtet sind. Zu diesen Aussagen kommt Jung aufgrund von Erfahrungen mit sich selbst und von Patienten und indem er sich auf die Hl. Schrift und die Kirchenväter beruft und dazu die Riten, Gebräuche und mythischen Vorstellungen der Naturvölker heranzieht. Beim heiligen Franziskus wird diese Sicht vom Verhältnis des Menschen zu Gott und zur Natur sichtbar. Sein erster Biograph, Thomas von Celano, führt die außerordentliche Hinwendung des Heiligen zu den Geschöpfen auf die Tatsache zurück, dass er „auf wundersame, andern verschlossene Weise Zugang in das Geheimnis der Dinge" fand. Er sei ein Mensch gewesen, dem die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes" (Rö 8,21) gegeben war.

Mit dem „Geheimnis der Dinge" ist das Zentrum der Seele und des Kosmos gemeint, zu dem Franziskus einen inneren Anschluss hatte. Es liegt nahe, hier eine Parallele zu den Naturvölkern zu ziehen. Von den Angehörigen eines Indianerstammes im Norden Kanadas wird berichtet, dass sie sich ganz auf die Botschaft ihres Seelenkerns, des inneren Wegbegleiters, des „Großen Mannes" verlassen. Seine Weisungen vernehmen sie über die Träume, die ihnen eine vollständige Orientierung auch in der Beziehung zur äußeren Natur, d. h. zu Jagdmöglichkeiten und Wetter geben.  Auf ihre Art kommen sie dem ,,Geheimnis der Dinge" nahe. Dabei werden hohe   moralische   Anforderungen   gestellt. Denn Lüge und Betrug verscheuchen den „Großen Mann" im Innern, während Großzügigkeit, Nächstenliebe und Tierliebe ihn anziehen. " Der „Große Mann" oder der kosmische Mensch, in dem alle Menschen und die ganze Welt auf eine geheimnisvolle Weise enthalten sind, ist Thema der Mythen aller Völker. Bei den Hindus ist es Purusha, bei den Buddisten Buddha, bei den Chinesen P'an-Ku, bzw. das Tao. Im Christentum ist Christus die zentrale Figur sowohl der menschlichen Seele als auch des Kosmos. Wenn Paulus davon spricht, dass er von Christus ergriffen ist (Phil 3,13) und dass Christus in ihm lebt (Gal 2,20), so ist psychologisch gesehen die überwältigende und ganzmachende Instanz, das Selbst, das „große Ich" in ihm wirkmächtig geworden. Die  ersten Christen hatten Christus als den  Auferstandenen erfahren und zugleich als den, der eine zentrale Stellung in der eigenen Erlebniswelt und genauso auch im Kosmos einnimmt. Dies wird im Kolosserbrief und verschiedenen anderen Texten des Neuen Testaments zum Ausdruck gebracht: „Das All ist durch ihn und auf ihn geschaffen. Er ist vor dem All und das All hat in ihm Bestand" (Kol 1,17). In der Apokalypse heißt es: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige" (Offb 1,17). Hier ist eine Aussage getroffen über das Leben als solches, über dessen Ursprung und Ziel. 

In der Mitte der Welt

  Kennzeichnend für Franziskus ist, dass er aus dieser Mitte lebt. Dies äußert sich in einer gewaltigen spirituellen Kraft, die alle anderen Antriebe wie Aggressivität, Sexualität und Besitzstreben einbindet und ihnen ihre schädigende Spitze nimmt. Man muss sich fragen: Wie war es möglich, bei der Pflege von Aussätzigen mehr Freude zu empfinden als bei seinen bisherigen lockeren Vergnügungen? Wie ist es zu erklären, dass er die Einsamkeit aufsuchte, sogar brauchte, um seine innere Lebenskraft zu erneuern? Woher kommen seine Entscheid­ungen, gegen den Willen seiner Freunde, seines Vaters, der ganzen Stadt, seinen Weg zu gehen? Die spirituelle Kraft ist zugleich die Kraft der Überzeugung. Bei Bonaventura, einem Schüler des Heiligen, heißt es:                                                                                                                                                                                                                                                                                                         ,,Seine Worte aber waren weder leer noch verachtenswert, sondern voll der Kraft des Heiligen Geistes; sie drangen ins Innerste der Herzen und brachten die Zuhörer sehr zum Staunen". Der Heilige hatte eine unmittelbare, erlebnismäßige Verbindung zum Ursprung, zum Zentrum der Welt, zur Wurzel aller Dinge. Die Nähe zum Ursprung vollzog und erneuerte sich bei ihm in der Anbetung und im Lobpreis Gottes. Anbetung heißt: ich anerkenne, dass ich geschaffen bin, dass ich immer noch geschaffen werde. Seit der Entdeckung des Unbewussten, vor allem durch C.G. Jung, hat das Erleben von Geschöpflichkeit neue Bedeutung gewonnen. Man ist sich bewusst, dass es Kräfte gibt, die mich denken, fühlen, handeln lassen, dass das kleine vordergründige Ich gar nicht so viel kann. Das Eingeständnis: Ich geschehe mir" und „Ich werde gedacht" entspricht der Wahrheit der menschlichen Existenz. Zugleich ist der Lobpreis wegen seiner Absichtslosigkeit ein Raum der Freiheit. Die Verzweckung hört auf. Auf dieser Basis ergibt sich ein Verständnis von Leben und Atmen als Selbstzweck.

Bonaventura schreibt über Franziskus: „Eingedenk dessen, dass alle Geschöpfe ihren letzten Ursprung in Gott haben, war er von überschwänglicher Liebe zu ihnen erfüllt. Auch die kleinsten Ge­schöpfe nannte er deshalb „Bruder" und „Schwester". Wusste er doch, dass sie mit ihm denselben Ursprung hatten"[3]. Noch ausführlicher schildert Thomas von Celano diesen Zug des Heiligen: ,,Das Überströmende seiner zarten Liebe und Barmherzigkeit erfuhren nicht nur notleidende Menschen, sondern sogar die stumme und unvernünftige Kreatur, alles, was da keucht und fleucht, was fühlen kann, und selbst noch fühllose  Wesen...  Bis hin zu den Würm­ lein erstreckte sich seine Zartheit.  „Ganz hingerissen war er von den Blumen und forderte sie zum Lobpreis Gottes auf.,,So auch die Saatfelder und Weinberge, die Steinschichten der Erde, Feuer, Luft und Wind; alles mahnte sein kindlich reiner Sinn zur Liebe Gottes und zum Gehorsam in Freude". ..,,Ganz verwunderlich sei es, wie selbst die vernunftlose Kreatur seine liebreiche Gesinnung verspürte und ein Gefühl für seine Zärtlichkeit bekundete." Beim Heiligen hat sich das Wort des Dichters ereignet: Die Welt fing an zu singen!

Der Punkt, um den sich alles dreht

Es lohnt sich, von psychologischer Seite der Frage nachzugehen, inwieweit die lebendige Verbindung zum Ursprung, in religiöser Sprache ausgedrückt, wahre Frömmigkeit, Einfluss auf das Verhalten der unvernünftigen, sogar der leblosen Natur hat.  Im Zusammenhang mit der Frage: Gibt es einen Zufall?  spricht Jung von Synchronizität. Darunter versteht er ein sinnvolles zeitliches Zusammentreffen eines inneren mit einem äußeren Ereignis, ohne dass diese Ereignisse voneinander abhängig wären. Von einem „sinnvollen" Zusammenhang kann man zum Beispiel dann sprechen, wenn sich eine Frau ein blaues Kleid bestellt und es wird ihr ein schwarzes geschickt. Zur gleichen Zeit stirbt in der Verwandtschaft jemand. Wenn wir aufmerksam in unser Leben schauen, unsere Träume beobachten und äußere Ereignisse damit vergleichen, werden wir mehr solche sinnvollen, zeitlichen Zusammentreffen erkennen, als wir gemeinhin annehmen. Man kann nun daraus schließen, dass es so etwas wie eine über den Ereignissen stehen­ de Macht geben muss, welche Ereignisse anzieht und ordnet. Die Chinesen dachten von diesem sinnvoll wirkenden Ganzen aus und bauten dar­auf ihre ganze Philosophie und Staatsform auf. Sie nannten es die „Große Ordnung" oder das Tao. Was damit gemeint ist, veranschaulicht die Geschichte vom chinesischen Regenmacher. Dieser kam in ein Dorf, wo eine übergroße Dürre herrschte. Die Leute klagten ihm ihre Not. Der Regenmacher ging darauf in den Wald und meditierte. Nach drei Tagen kam der Regen. Er nahm, so wird von ihm gesagt, die Unordnung der Natur in sich auf, brachte sich selbst wieder in Ordnung und heilte damit auch die Natur. Spirituelle Meister raten, man solle sich beim Gebet in die Situation hineinversetzen, als ob das Gebet schon erhört sei. Damit hat das Gebet zumindest die eigene Wandlung bewirkt.

                                                              Frömmigkeit nicht ohne Wirkung

Es wundert nicht, wenn von Franziskus eine ähnliche Begebenheit erzählt wird. Bonaventura berichtet aus dem Leben des Heiligen, dass er einst in eine Stadt kam, deren Bewohner arg von Hagelschlag und Wölfen heimgesucht wurden. Franziskus ermahnte sie zu einem frommen Leben.  Dann würden die Plagen von Unwetter und wilden Tieren aufhören.  Tatsächlich „hielten sich Hagelschlag und Wölfe an das Versprechen des Gottesdieners und wüteten nicht mehr erbarmungslos gegen jene Menschen, die sich zu einem frommen Leben bekehrt hatten."  Bonaventura   bemerkt weiter: ,,Wir müssen daher gläubig die Frömmigkeit des Seligen verehren, die mit so außergewöhnlicher Milde und Macht die wilden Tiere zähmte, die Haustiere gelehrig machte und die Natur der vernunftlosen Tiere, die sich gegen die sündigen Menschen auf­ lehnte, zum Gehorsam gegen sie führte. Das ist jene Frömmigkeit, die alle Geschöpfe miteinander versöhnte und zu allem nütze ist, denn sie hat die Verheißung für dieses und das zukünftige Leben".[4]  Die emotional-geistliche Austrocknung des modernen Menschen, von der auch der noch religiöse Mensch angesteckt ist, schlägt sich im Außen nieder. Tote Bäume entsprechen toten Seelen. Das Reden über das Zentrum des Kosmos, über sinnvolle „Zufälle", über den Zusammenhang von Menschen und Natur offenbart ein Denken, das dem modernen Menschen fremd ist, den Naturvölkern aber selbstverständlich war. Ob nicht gerade in dem Mangel, den Menschen in seiner Beziehung zur ihn umgebenden Welt auf diese Weise zu sehen, die Ursache für das Unheil liegt, das er mit sich und der Natur anrichtet? Der Mensch, der mit sich selbst entzweit ist, trägt etwas Zerstörendes in sich. Die alte Vorstellung vom Dämon hat hier sein Körnchen Wahrheit. Wer vom Grunde auf, ganz vom Innersten her mit sich im Reinen ist, ist auch eins mit dem Ursprung aller Wesen. Er lebt Heilung und Versöhnung von der Wurzel her. Dass Personen mit hoher spiritueller Ausstrahlung keineswegs einsam ihr „Seelengärtlein pflegen," wie manche behaupten, sondern nach außen in den politischen Bereich wirken, dafür steht der Einsiedler Klaus von Flühe. Er hat Historisches geleistet. Als die Eidgenossen zerstritten waren und das Bündnis zu zerbrechen drohte, kam auf seine Vermittlung das Stanser Verkommnis(1481) zustande, das die damalige Schweiz rettete.

Franziskus - der neue Mensch, der Erlöste

Gehen wir noch einmal auf den Grundtenor des viel gerühmten Liedes ein. Am Anfang steht die Freude, die Dankbarkeit, die Ehrfurcht vor der Güte und Größe Gottes. Diese Einstellung prägt die weiteren Strophen. Ohne sie sind die anderen Aussagen nicht zu verstehen und auch nicht zu verwirklichen. Dies bedeutet ein Leben, das bis zum Rand gefüllt ist, eine Dichte der Existenz, bei der alle anderen begehrenswerten Ziele zu Bagatellen werden, sogar verschwinden, eine Schöpferkraft, welche stärker ist als der Geist der Zeit.
Der Verfasser ist an einem Punkt, wo er Gott, der Schöpfung und den Menschen nahe ist und wo ihn selbst die Angst vor dem Tod nicht mehr überwältigen kann.  Er fühlt sich bei allen Geschöpfen zuhause. Er lässt sich von ihrer Schönheit und Kostbarkeit, von ihrem Licht, von ihrer Sanftheit und Strenge, von ihrer Reinheit, Wildheit und von ihrem Reichtum und Großzügigkeit anstecken. Noch mehr spürt er die Nähe der Menschen besonders der Armen und tritt für die Versöhnung aller ein. Für ihn verbreitet der Tod keinen Schrecken, sondern ist der Bruder, den er willkommen heißt. 
Franziskus ist in der Mitte seiner Existenz in der Mitte der Welt.                           

                                                  Wie findet man das Zauberwort?                                                                                               

Das Zauberwort wird einem nicht wie ein Geheimcode gesagt, sondern es braucht eine ganz eigene Erfahrung, ein inneres Suchen. Es beginnt damit, dass man die Frage zulässt: Was berührt mich? Was bereichert mich? Was macht mich froh? Damit wird ein Prozess angeregt, der von sich aus einen weitertreibt und dorthin führt, wo die wahren Schätze und Werte sind. Man muss davon wegkommen, alles in seinem Leben ließe sich planen, machen und erreichen. Es gilt die andere Seite zuzulassen, die heißt: Das Eigentliche, was unser Leben wertvoll und lebenswert macht, Liebe und Vertrauen, ereignet sich ohne unser Eingreifen mit dem Willen. Was Freude, Sinn und Erfüllung bringt, kann man nicht mit strengem logischem Denken und mit intellektueller Überlegenheit, schon gar nicht mit technischen Erfindungen erreichen. Es braucht die Stille, in der wir die Dinge, Worte, Erlebnisse, Begegnungen auf uns wirken und ihre eigene Dynamik entfalten lassen. Wie hoch die Nachfrage danach ist, zeigt die Tatsache, dass man in einem Meditationszentrum nur schwer einen Platz bekommen kann.   In der absoluten Stille-nicht reden, sich nicht bewegen, nicht denken kann sich das Organ in uns entwickeln, mit dem wir das wahrnehmen, was uns echter und freier macht und uns der Stelle in uns näherbringt, um die sich alles dreht. Es ist nicht ein toter Punkt wie in der Geografie, sondern eine Instanz, die eigentätig den Prozess der Wandlung befördert, die anzieht und unser Inneres zu einem Ziel führen will mit einer Weisheit, welche dem bewussten Ich überlegen ist. Vom Heiligen aus Assisi heißt es: „Die Süße zog ihn weiter und weiter". Es war jener Impuls aus der Tiefe, wo ihn Gott berührte. Für unsere Zeit gilt es zu beachten: Es zieht Ungezählte auf dem Weg zu Fuß nach Santiago und auf anderen Pilgerwegen. Zu ihnen darf man auch den russischen Pilger aus dem 19.Jahhundert rechnen , dessen „aufrichtige Erzählungen" vielen Interessierten bekannt sind.[5] Das Gebet „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner", das er auf seinen endlosen Wegen unablässig sprach, wurde ihm zum Zauberwort. Es öffnete sich ihm die Melodie des Sonnengesangs.  Dazu seine eigenen Worte:                                                                                                                                                                                                                                  : »Das Herzensgebet erfüllte mich mit solcher Wonne, dass ich nicht glaubte, es könne jemanden auf der Welt geben, der glücklicher wäre als ich, und ich konnte es nicht verstehen, dass es noch größere und herrlichere Wonnen im Himmelreich geben würde. Dieses fühlte ich aber nicht nur im Innern meiner Seele, sondern auch die ganze Außenwelt schien mir wunderbar schön, und alles verlockte mich zur Liebe und zum Dank gegen Gott; Menschen, Bäume, Pflanzen, Tiere, alles war mir unsäglich vertraut, und an allem sah ich das Abbild des Namens Jesu Christi. Mitunter fühlte ich eine sol­che Leichtigkeit, als hätte ich überhaupt keinen Körper, und es war mir, als ginge ich nicht, sondern als fliege  ich selig durch die Luft; mitunter ging ich tief in mich selber hinein und sah mein Inneres klar vor mir und staunte über die weise Anordnung des menschlichen Leibes; mitunter empfand ich eine so hohe Freude, als wäre ich König geworden, und bei all diesen Tröstun­gen wünschte ich, Gott möge mich möglichst bald ster­ben lassen, um in Dankbarkeit am Schemel seiner Füße in die Geisterwelt mich zu ergießen.«[6]

Es bedeutet in der Mitte der Welt zu sein und zugleich in der Mitte der eigenen Existenz. Hier ist der Ort Gottes, in dem man sich selbst am nächsten ist und einen Zugang zur Schöpfung hat voller Ehrfurcht und Vertraut sein. Es ist eine Einstellung, welche die Welt um uns leben und aufblühen lässt. Um in diese Mitte zu kommen, braucht es den Inneren Weg, ein Wachstum der Persönlichkeit zu einem  Mehr an existentiellem Ernst und Dichte, zu tieferer Einsicht und umfassenderem Verstehen der eigenen Lebensgeschichte und der anderer. Dazu müssen Sinn und Leidenschaft für innere Vorgänge, für das, was einen zuinnerst bewegt, bedrückt, anzieht und erfüllt, geweckt werden. Träume können dazu eine Hilfe sein, weil sie die innere Dynamik anzeigen und   

Wir dürfen den Sonnengesang als eine Vision vom neuen Menschen. betrachten. So könnte er (der neue Mensch) sein und so könnte er die Probleme unserer Zeit lösen: friedliches Zusammenleben aller in Würde und Freiheit; Bewahrung der Schöpfung. So könnte es sein, wenn man den Schlüssel zum Zauberwort findetIm Gegensatz zu den Visionen im Großen ist das Lied von der Sonne keine bloße Fantasie, sondern beschreibt eine schon da gewesene Wirklichkeit. Es hat ihn schon gegeben diesen neuen Menschen. Mehrfach sogar! Einer davon ist der Heilige aus Assisi.  Es braucht nicht den großen Knall oder die große Revolution, jeder kann sofort damit anfangen. Es beginnt damit, dass man in die Stille geht, in sich selbst hineinhorcht, achtsam wird für das, was in einem selbst geschieht, die Dynamik, welche den Heiligen beseelt hat, in sich selbst entdeckt. Allein schon die Einsicht lohnt sich, dass der Erlebnisraum dieses Liedes zum Kostbarsten und Schönsten gehört, was Menschen je erfahren können. Um die Auswirkung auf die Umgebung und den Einsatz für Leidende und Arme braucht man sich nicht zu sorgen.

 

 

 

 


[1] Joseph von Eichendorf

[2] Ignatius von Loyola, Der Bericht des Pilgers, übersetzt und erläutert von Burkhard Schneider, Freiburg 1977,126

[3] Franziskusquellen hgg. von Dieter Berg und Leonhard Lehmann, Kevelaer 2009 LM VIII 6

 

 

[4] Ebenda LM Vii,11/9

[5] Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers, hgg. Von Emmanuel Jungclaussen, Freiburg 1974

[6] Aufrichtige  Erzählungen 115