Der Papst ohne die roten Schuhe
und
Die Melodie des Sonnengesangs


Das Lied von der Sonne

Du höchster, mächtigster, guter Herr, Dir sind die Lieder des Lobes, 
Ruhm und Ehre und jeglicher Dank geweiht; Dir nur gebühren sie, 
Höchster, und keiner der Menschen ist würdig, Dich nur zu nennen.

Gelobt seist Du, Herr, mit allen Wesen, die Du geschaffen, 
der edlen Herrin vor allem, Schwester Sonne, 
die uns den Tag heraufführt und Licht mit ihren Strahlen, 
die Schöne, spendet; gar prächtig in mächtigem Glanze: 
Dein Gleichnis ist sie, Erhabener.

Gelobt seist Du, Herr, 
durch Bruder Mond und die Sterne. 
Durch Dich sie funkeln am Himmelsbogen 
und leuchten köstlich und schön.

Gelobt seist Du, Herr, 
durch Bruder Wind und Luft 
und Wolke und Wetter, 
die sanft oder streng, nach Deinem Willen, 
die Wesen leiten, die durch Dich sind.

Gelobt seist Du, Herr, 
durch Schwester Quelle: 
Wie ist sie nütze in ihrer Demut, 
wie köstlich und keusch!

Gelobt seist Du, Herr, 
durch Bruder Feuer, 
durch den Du zur Nacht uns leuchtest. 
Schön und freundlich ist er am wohligen Herde, 
mächtig als lodernden Brand.

Gelobt seist Du, Herr, 
durch unsere Schwester, die Mutter Erde, 
die gütig und stark uns trägt 
und mancherlei Frucht uns bietet 
mit farbigen Blumen und Matte.

Gelobt seist Du, Herr, 
durch die, so vergeben um Deiner Liebe willen 
Pein und Trübsal geduldig tragen. 
Selig, die's überwinden im Frieden: 
Du, Höchster, wirst sie belohnen.

Gelobt seist du, Herr
Durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
Und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster werden sie gekrönt.

Gelobt seist Du, Herr, 
durch unsern Bruder, den leiblichen Tod; 
ihm kann kein lebender Mensch entrinnen. 
Wehe denen, die sterben in schweren Sünden!

Selig, die er in Deinem heiligsten Willen findet! 
Denn Sie versehrt nicht der zweite Tod. 
Lobet und preiset den Herrn! 
Danket und dient Ihm



I. Der Papst ohne die roten Schuhe

Überraschende Szenen

Papst Franziskus, der seit März 2013 im Amt ist, hat vom ersten Augenblick für Überraschungen gesorgt und sich weltweit Sympathien erworben. Dazu einige Szenen, die eigentlich Kleinigkeiten sind, die aber in seiner Position eine mächtige Bedeutung bekamen. Als er sich zum ersten Mal auf der Benediktionsloggia des Petersdomes zeigt, trägt er nur die weiße Soutane statt des üblichen Papstornats und keine roten Schuhe, wie es die Päpste seit Jahrhunderten taten, sondern schwarze, unauffällige wie die meisten Menschen auf unserem Erdball.
Er grüßt mit „Brüder und Schwestern, guten Abend“ und bittet vor dem Segen Urbi et Orbi (der Stadt und dem Erdkreis) die Versammelten, für ihn zu beten. Er setzt sich dabei nicht auf den Thronsessel. Für die Fahrt zum Abendessen benutzt er nicht den vorgesehenen Mercedes mit Chauffeur, sondern den Omnibus. Er holt sein Gepäck im Hotel selbst ab und bezahlt sein Zimmer wie andere auch. Er wohnt im Gästehaus des Vatikans und hält dort mit anderen Gästen täglich eine Morgenandacht, bevor er zu Fuß in den Palast geht, wo seine Sekretäre wohnen. Die dortige Papstsuite soll für repräsentative Zwecke genutzt werden. Er trägt weiterhin das Brustkreuz aus Eisen aus seiner Kardinalszeit, nicht eines aus Edelmetall. Er hat den Mut, die vorgegebene Rolle zu durchbrechen, die überlieferten Regeln eines mittelalterlichen und absolutistischen Herrschers außer Kraft zu setzen.

Dazu noch eine Episode bei seinem Auftreten in Brasilien. Als eine Delegierte der katholischen Jugend - 17 Jahre jung - auf dem Podium vor 1 Million Menschen dem Papst eine Grußbotschaft sagen sollte, blieb sie vor Aufregung in ihrer Rede stecken. Da ging der Papst einfach auf sie zu und nahm sie in die Arme - unter dem Jubel der Zuschauer.
Diese Szene zeigt noch einmal, was diesen Papst ausmacht: Ihm geht es um die Begegnung von Mensch zu Mensch auf einer Ebene, auf der alle gleich sind, ohne  pompöses und überflüssiges Zeremoniell. Das Wichtigste dabei ist: Seine Gesinnung ist unmittelbar in seinen Gesten erfahrbar, statt dass sie mühsam aus einem Lehrschreiben herausgefiltert werden müsste. Auf diese Weise überzeugt er. Man könnte sogar sagen: durch sein Auftreten hat er etwas bewirkt, was er mit zehn Enzykliken nicht hätte erreichen können.
Was den Papst wie seinen Namenspatron so beliebt macht, ist seine Spontaneität, zu agieren und zu reagieren, seine Authentizität, die Echtheit in seinem Auftreten, seine Fähigkeit, den Besuchern, Zuhörern und Zuschauern von Mensch zu Mensch gegenüber zutreten. In seinem Lachen und in seinen Gesten spürt man nicht mehr die Distanz des hohen Amtes, sondern die Herzlichkeit seiner Persönlichkeit, eines Menschen, der den andern nahe sein will und sie voll bejaht. Er kann die Grenzen, die durch die Tradition und durch gesellschaftliche Interessen gezogen sind, überwinden.
Schon der Name Franziskus ist eine Überraschung.
Diesen Namen hat noch kein Papst getragen. Er soll ein Programm sein, ein neuer Stil des Amtes und ein neues Bild von Kirche, das am heiligen Franziskus orientiert ist. Sie soll nicht mehr als starres Gebäude von Lehren und Vorschriften erscheinen, als eine Institution, welche weitab von den Sorgen und Problemen der Menschen ein Eigendasein führt, sondern als eine Heimat für die Armen und Bedürftigen, auch für die, welche den Regeln der guten Gesellschaft nicht entsprechen. Er will eines deutlich machen:
Das Evangelium ist alles andere als eine erstarrte Lehre, um die man sich streitet, bei der  es um Recht haben, um Macht und Einfluss geht. Die Botschaft Jesu ist vielmehr lebendige Begegnung und Bejahung des Menschen gegen einengende Konventionen, geschichtlich gewordene Vorurteile, sogar gegen religiöse Vorschriften. „Die Hirten sollen den Geruch der Schafe annehmen“ lautet eine Ermahnung an die Verkündiger. Sie sollen wie er den Menschen nahe sein, Freude und Hoffnung verbreiten statt Drohung und Angst. Im Raum der Kirche soll man statt Erstarrung und Abgrenzung Lebendigkeit, Verständnis und Einsatz für die Not der Menschen spüren.


II. Eine Szene vom heiligen Franziskus

Es gilt, die gemeinsamen Züge der beiden Persönlichkeiten, die den denselben Namen tragen, herauszustellen. Von der Rolle her sind sie sehr verschieden. Der eine hat das höchste Amt in einer Welt umspannenden Institution. Der andere nimmt den letzten Platz in der mittelalterlichen Gesellschaft ein. 
Eine Begebenheit aus dem Leben des Heiligen kann dies verdeutlichen.
Nachdem Franziskus mit dem Bau des Damiano-Kirchleins begonnen und dafür das Geld des Vaters verwendet hat, fordert dieser sein Eigentum zurück. Es ereignet sich jene Szene vor dem Bischof, die in der Dreigefährtenlegende so beschrieben wird: „Freudig und gestärkt durch die Worte des Bischofs, erhob sich der Mann Gottes und während er das Geld vor sich hertrug, äußerte er: „Herr, nicht nur das Geld, das ich von seiner Habe besitze, will ich mit frohem Herzen zurückgeben, sondern auch die Kleider“….. „Und er ging in ein Gemach des Bischofs, zog alle seine Kleider aus, legte das Geld darauf und kam nackt wieder heraus. Vor dem Bischof, dem Vater und allen Umstehenden erklärte er: „Hört alle und versteht! Bisher habe ich Pietro di Bernardone meinen Vater genannt; aber weil ich mir vorgenommen habe, Gott zu dienen, gebe ich ihm das Geld zurück, um dessentwillen er so aufgeregt ist, und alle Kleider, die ich von ihm habe. Von nun an will ich sagen: „Vater unser, der du bist im Himmel“ und nicht mehr Vater Pietro di Bernardone“. (1)

Hier zeigt Franziskus, dass er aus ganz eigenem Impuls handelt, nicht nur den schuldigen Gehorsam leistet, indem er das Geforderte zurückgibt, sondern die Rolle als Sohn des wohlhabenden Geschäftsmannes kündigt. Nichts drückt mehr seine Authentizität aus als sein nackt Sein. Er hat damit alles abgelegt, was nicht das Seine ist. Als er die Kleider zurückgibt, ist er in den Augen der Leute ein niemand; denn die Kleidung zeigte im Mittelalter den jeweiligen Stand an, zu dem einer gehörte. Ohne Kleider sein heißt, nirgends dazu zugehören. Er ist nicht mehr der Sohn eines wohlhabenden und geschätzten Bürgers, auch nicht mehr der freigebige Anführer einer jugendlichen Gruppe, kein Ritter, kein Mönch eines Klosters, kein Kleriker, noch lange nicht der große Heilige. In den Augen der Leute ist er ein Niemand. Er ist nirgends einzuordnen. Er durchbricht alle Vorstellungen, wie sich ein junger Mann in seinem Alter, auch wie sich ein Frommer zu verhalten hat. Man lacht über ihn und hält ihn für einen Verrückten. Aber gerade dadurch ist er ganz er selbst, Franziskus in seiner Einmaligkeit. Er wird gerade dadurch für alle anziehend und bis zum heutigen Tage interessant. Dem geht die Spontaneität seines Handelns voraus. Er überrascht alle, als er nackt vor der Versammlung steht. Alle Erzählungen von ihm enden immer damit, dass er etwas Ungewohntes und nicht Erwartetes sagt oder tut.

Damit wird deutlich, worin sich die beiden Männer nahe kommen. Es ist nicht nur die Sorge für die Armen, wie es eine rein äußerliche Betrachtung feststellen könnte. Es ist etwas an ihrer Persönlichkeit, worin sie sich von Grund auf gleichen. Beide sind an eine Quelle angeschlossen, welche sie befähigt, dem Getriebe der Zeit und dem Denken und Reden in bestimmten Schablonen überlegen zu sein.
Es ist eine Quelle, welche außerhalb der psychologischen und sozial - wissenschaftlichen Erklärungen liegt und den Teufelskreis der emotionalen, sozialen und politischen Verwicklungen durchbricht. In der Sprache der christlichen Tradition ist dies nichts anderes als der Heilige Geist, dessen Wirken in der griechischen Ursprache des Neuen Testaments energeia (Eph 1,19) genannt wird. Ein anderes Wort für den Geist Jesu ist dynamis, was Kraft heißt. Auf diese beiden Wörter gehen die modernen Bezeichnungen Energie und Dynamik zurück, welche unter dem Namen „Franziskus“ wieder in den kirchlichen Räumen einziehen könnten.

III. Urbild Sonne

3.1 Sonne ist Feuer

Die Geschichte des Heiligen wäre, von außen betrachtet, ein totaler sozialer Abstieg wie die eines Obdachlosen, wäre da nicht seine Erscheinung in der Öffentlichkeit, welches alles verändert. „Er sprach in einfältiger Rede, aber sein Wort aus der Fülle des Herzens ergriff die Zuhörer. Es war wie loderndes Feuer, das in die Tiefe der Herzen drang und alle mit Bewunderung erfüllte.“ (2)

Beim Wort Feuer dürfen wir an die Betroffenheit denken, die bei der Liebe, bei Trennung und Tod in ein normales Leben einbricht und alle bisherigen Prioritäten in Frage stellt.
Das Feuer, welches von Franziskus ausgeht, übertrifft die großen Ereignisse des Lebens. Es sprengt den ganz gewöhnlichen Erfahrungsrahmen.
Er trifft die Zuhörer an einem Punkt, der stärker ist als alle alltäglichen Überlegungen und Interessen. Er löst einfach so, wie er ist, eine gewaltige Wirkung aus.
Seine Überzeugungskraft stützt sich nicht auf geschulte Rhetorik, auf gekonntes  Argumentieren, auf gelehrtes Wissen, auf Vollmachten, Rang, Namen und Titel, sondern auf die innere Sonne, den Gottesfunken in ihm selbst, der zum Feuer geworden ist.
Aus seiner Nähe zu diesem Element hat der Heilige die Sonne und das Feuer Geschwister des Lichts genannt.

Ein Funke hat gar nichts an sich, als dass er glüht und zündet. Ein treffendes Bild dessen, was Franziskus mit Armut meint. Auf diesem Hintergrund ist der fast fanatische Eifer des Mannes aus Assisi für den radikalen Verzicht nachvollziehbar.                                                           
Der große Mystiker Meister Eckhard (+ 1328) greift das Bild des Funkens wieder auf, um seine Erfahrung auszudrücken. Er spricht vom Seelenfünklein und meint damit den göttlichen Grund, der sich ihm durch die Nähe zu Christus öffnet. Er wird selbst zum „Funken“.

Man kann sich das Auftreten des Heiligen so vorstellen. Franziskus geht auf den Marktplatz, spricht Herumstehende an, verwickelt sie in ein Gespräch, das ganz anders ist als das übliche Geschwätz. Sie sind zutiefst berührt, reißen Mund, Augen und Ohren auf, stehen sprachlos da. An ihren Gesichtern sehen die Vorbeigehenden, dass hier etwas Besonderes los ist, bleiben ebenfalls stehen und schauen auf den Mann, von dem diese Wirkung ausgeht. Sie werden selbst davon ergriffen. Was er sagt, ist einfach, aber es trifft. Es kommt aus dem unmittelbaren Erleben, aus der Ergriffenheit, die sich von selbst überträgt. Es ist eine Dichte der Atmosphäre, die immer mehr Leute anzieht, die einfach gut tut, wo man sich angesprochen und aufgehoben fühlt. Am Anfang sind es nur zwei oder drei, nach zwei Stunden sind es fünfzig oder mehr. Sie gehen in die nächste Kirche und singen „Großer Gott, wir loben dich.“ Am nächsten Tag kommen sie wieder. Es hat sich inzwischen in der Stadt herumgesprochen. Es wird eine unüberschaubare Menge. Einer seiner Zuhörer berichtet später, er habe nach einem solchen Auftritt nicht mehr gewusst, was der Heilige im Einzelnen gesagt hat, er sei nur fasziniert von seiner Ausstrahlung gewesen.

Der Biograph Thomas von Celano erzählt, der Heilige habe sich wie im Gespräch gegeben. Er ist unmittelbar an den Zuhörern, achtet auf ihre Reaktionen, spürt ihre unausgesprochenen Probleme und Fragen und versucht darauf einzugehen. Nicht einmal sein Gesicht konnte man als schön bezeichnen. Aber seine Erscheinung war in allem authentisch und dies schlug ein. Männer und Frauen drängen sich in Massen um ihn, einfach weil sie zutiefst bewegt sind. Selbst viele aus der Aristokratie, die sich über die normalen Regeln des Umgangs erhaben dünken und in gnadenlose  Feindschaften verstrickt sind, fühlen sich angesprochen und finden zum Frieden miteinander.
Wörtlich heißt es bei demselben Schriftsteller:
„Besonders aber geht es uns darum, von dem Orden zu sprechen, dessen Vater
und Erhalter er ebenso in Liebe, wie in Bekennermut war…Von welcher Liebesglut waren die neuen Jünger Christi entflammt! Welche Liebe zu frommer Gemeinschaft war in ihnen lebendig!
Was ist damit gemeint?
Züchtige Umarmungen, zarte Hinneigung, heiliger Kuss, traute Gespräche,
bescheidenes Lächeln, frohe Mienen, unverdorbenes Auge, demütige Aufmerksamkeit, gewinnende Sprache, freundliche Antwort, dasselbe Ziel, pünktlicher Gehorsam, unermüdliche Dienstfertigkeit…Voll Sehnsucht suchten sie zusammenzukommen, umso größer war ihre Freude, zusammen zu sein, schwer war dagegen die Trennung von einander, bitter das Scheiden, hart das Geschieden sein…Kein Neid, keine Bosheit, kein Groll, kein Widerspruch, kein Argwohn, keine Bitterkeit hatte bei ihnen Platz, vielmehr wohnten große Eintracht, dauernder Friede, Danksagung und Lobgesang bei ihnen
(3). Wir dürfen an die spontane Herzlichkeit denken, mit der die ersten Brüder einander begegnen, an die Freude und Heiterkeit im Umgang mit einander, die Sympathie, die einander angezogen hat, an die „Fröhlichkeit des Geistes“, welche der Heilige als das sicherste Mittel gegen das Böse sieht.

3.2 Sonne ist Erleuchtung

Wenn von Ausstrahlung, von einer inneren Sonne die Rede ist, liegt es nahe, den in spirituellen Kreisen neu entdeckten Begriff der Erleuchtung näher zu betrachten.
Es ist Erkenntnis in der ersten Person, und deshalb nur von jemand voll und ganz verstehbar, dem eine solche Erfahrung zuteil geworden ist. Es ist ein Ereignis, das sich nach Jahren mühevollen Übens - das heißt des Sitzens im Schweigen - einstellt. Es ist mit dem Willen nicht unmittelbar machbar und lenkbar, vielmehr ein Geschehen, das einem plötzlich widerfährt. Es wird die Quelle der Impulse aus dem Transzendenten geöffnet, die nun mehr gereinigt und ohne große Überlegungen auf das Gute bezogen sind und die Situation des Augenblicks treffen. Hier dürfen wir an manche Episoden des hl. Franziskus denken.

Der Jesuitenpater Hugo Enomya Lassalle, der ostasiatische und christliche Mystik in sich vereinigte, beschreibt Erleuchtete als Personen, in denen sich unerschütterliche Ruhe, innere Sicherheit, Furchtlosigkeit und Dankbarkeit mit sprühender Vitalität verbinden. Es ist das Ende aller Entfremdung und damit aller Angst, Not und Zerrissenheit. Alle Zweifel und alle Unsicherheiten sind einer beglückenden Gewissheit gewichen
Die Große Erfahrung - gleichbedeutend mit Erleuchtung und „durch sein“ - ist nach Karlfried Graf Dürckheim die Antwort auf die quälenden Lebensfragen, die er als Angst vor Vernichtung, Angst vor Sinnlosigkeit, Angst vor Isolierung und Einsamkeit bezeichnet.
Dementsprechend sieht Dürckheim die drei Kennzeichen eines Menschen, der „durch“ ist: keine Angst vor dem Tod, Sinn im Unsinn und universale Liebe.
Der mühsame Weg der Wandlung führt zur Gewissheit, dass Leben und Tod gleichwertig und nur zwei Seiten der einen Sache sind; es ergibt sich ein Zustand, in dem man in der äußersten Einsamkeit von Liebe geradezu überflutet wird. 
Die Art dieser Liebe ist aber nicht jene, die wesentlich von Sympathie und Antipathie bestimmt ist, die wieder neue Abhängigkeit schafft und sich und dem andern die Freiheit nimmt. Sie übersteigt die Grenzen der Familie, des Volkes und der Rasse, der politischen und sozialen Zugehörigkeit, hebt das Gefühl der Verlassenheit auf und verleiht das Empfinden, jedem Wesen nahe zu sein. 

Dies ist nichts anderes als die Grundstruktur des Sonnengesangs. Das bedeutet: Der Verfasser dieses Liedes, hatte die Erleuchtung, die große Erfahrung, „war durch“ im Sinne Dürckheims.

3.3 Der Sonnengesang ist Vision

Vision ist heute ein viel gebrauchtes Wort für die Fantasie einer heilen Zukunft. Wir dürfen den Sonnengesang als eine solche betrachten als die Vorstellung vom neuen Menschen. So müsste er sein, wenn die Probleme unserer Zeit gelöst werden sollten: friedliches Zusammenleben aller in Würde und Freiheit; Bewahrung der Schöpfung.

Im Gegensatz zu den Visionen im Großen ist das Lied von der Sonne keine bloße Fantasie, sondern beschreibt eine schon da gewesene Wirklichkeit. Es hat ihn schon gegeben diesen neuen Menschen. Einer davon ist der Heilige aus Assisi. Als Zweites kommt hinzu: Es braucht nicht den großen Knall oder die große Revolution, jeder kann sofort damit anfangen, ein solcher Mensch zu werden.

Gehen wir noch einmal auf den Grundtenor des viel gerühmten Liedes ein.
Am Anfang steht die Freude, die Dankbarkeit, die Ehrfurcht vor der Güte und Größe Gottes. Diese Einstellung prägt die weiteren Strophen. Ohne sie sind die anderen Aussagen nicht zu verstehen und auch nicht zu verwirklichen. Dies bedeutet ein Leben, das bis zum Rand gefüllt ist, eine Dichte der Existenz, bei der alle anderen begehrenswerten Ziele zu Bagatellen werden, sogar verschwinden, eine Schöpferkraft, welche stärker ist als der Geist der Zeit.
Der Verfasser ist an einem Punkt, wo er Gott, der Schöpfung und den Menschen nahe ist und wo ihn selbst die Angst vor dem Tod nicht mehr überwältigen kann.
Er spürt die Nähe aller Wesen, ob dies ein Kaninchen ist, das sich verlaufen hat, ein Lamm, das zum Metzger gebracht werden soll oder eine wunderbare Blumenwiese, ein Fels, der im Schutz gibt oder die wachsenden Saatfelder. Er fühlt sich bei allen Geschöpfen zuhause. Er lässt sich von ihrer Schönheit und Kostbarkeit, von ihrem Licht, von ihrer Sanftheit und Strenge, von ihrer Reinheit, Wildheit und von ihrem Reichtum und Großzügigkeit anstecken. Noch mehr spürt er die Nähe der Menschen besonders der Armen und tritt für die Versöhnung aller ein.
Für ihn verbreitet der Tod keinen Schrecken, sondern ist der Bruder, den er willkommen heißt.
Franziskus ist in der Mitte seiner Existenz in der Mitte der Welt. 

Anmerkungen:

(1) Franziskusquellen hgg. von Dieter Berg und Leonhard Lehmann, Kevelaer 2009 Gef VII, 20
(2) Thomas von Celano in: Gef X, 23
(3) Franziskusquellen hgg. von Dieter Berg und Leonhard Lehmann, Kevelaer 2009 C.1, 38