Wer stützt die einfallende Kirche?

1.Franziskus, der Mann ohne Rang

Der Traum des Papstes
Als der heilige Franziskus von Papst Innozenz III. die Anerkennung seines Ordens erbat, hatte dieser in der vorausgehenden Nacht einen Traum: die große Lateranbasilika, die Hofkirche des Papstes droht einzustürzen. Da kommt ein Mann und stützt mit seinen bloßen Schultern die wankenden Mauern, er ganz allein. Als Franziskus vor dem Papst erscheint, erkennt ihn dieser als den Mann, der die Kirche vor dem Einfallen bewahrt hatte. Die Szene ist in der großen Franziskuskirche in Assisi dargestellt.
Warum aber träumt der Papst vom drohenden Einsturz, wo doch damals die schönsten Kathedralen unter großer Teilnahme der Bevölkerung gebaut wurden, wo religiöse Aufbruchbewegungen, Ordensgründer und Mystiker die Länder überschwemmten, wo das Wort des Papstes selbst einen Kaiser absetzen konnte?
Träume kommen aus dem Unbewussten, aus dem Bereich der Seele, die dem klaren Verstand verborgen ist. Sie decken eine Wahrheit auf, die im Gegensatz steht zu dem, was das Bewusstsein für gut und richtig erklärt und woran kaum einer denkt.

Damals hatte die Machtentfaltung der Kirche ihren Höhepunkt erreicht. Aber gerade darin liegen die große Schwäche und der Keim des Untergangs. Macht und Gewalt sind das Gegenteil von der bedingungslosen Liebe, welche Jesus den Menschen bringen will. Damit ist der Papst von der Sendung und Verheißung Jesu meilenweit entfernt. So ist denn auch die Kirche des Mittelalters, die solche Züge trug, nach 300 Jahren  eingestürzt. Der verbliebene Rest ist seit der Aufklärung des 17.Jahrhunderts weiter am Schwinden - zumindest in den Ländern, wo rationales Erwachen und modernes Denken weiter voranschreiten.
Soviel zum Hintergrund des Traumes.

Der Mann mit der Ausstrahlung
Der unbekannte Mann, der am nächsten Tag vor dem Papst erscheint, ist derselbe, der im Traum die Kirche stützt. Der Kleidung nach ist er kein Mönch, kein Kleriker, kein Edler, kein Bürger einer Stadt, kein Gelehrter, eher einer aus dem Armenviertel oder vom Land weit draußen, einer von denen, die nichts zählen, die man nicht beachten muss. Er ist ein Niemand, der Glück hatte, überhaupt eine Audienz zu bekommen.
Was aber selbst dem Papst auffällt, ist die Art seines Redens und Auftretens, die Atmosphäre, die er verbreitet, die Aufmerksamkeit, die er erregt. Da ist etwas Friedvolles und Gütiges und zugleich Aufrüttelndes. Er bringt sein Anliegen mit einer Sicherheit und Überzeugung vor, die aufhorchen lässt.
Der Papst ist anscheinend von diesem Auftreten berührt. Es  dürften ihm Zweifel im Hinblick auf seine Machtpolitik gekommen sein. Stattdessen wird ihm bewusst, dass dieser Mann die Kirche retten kann.
Franziskus löste einfach so, wie er war, eine gewaltige Wirkung aus. Seine Überzeugungskraft stützte sich nicht auf  Vollmachten, Rang, Namen, Titel oder auf gelehrtes Wissen. „Sein Wort war wie ein brennendes Feuer, das in die  Herzen der Zuhörer fiel“, so berichtet der Biograph Thomas von Celano. Es war ein Funke, der übersprang. Das Entscheidende war, dass es den Sitz der Gefühle und des Denkens erreichte und deren Ausrichtung umkehrte. Was man bisher für erstrebenswert gehalten hatte, wurde bedeutungslos. Es taten sich völlig neue Perspektiven auf. Es war eine innere Glut in ihm, die eine solche Ausstrahlung hervorbrachte.

Die Vision von Kirche
Er war ein Mann, wie ihn unsere Zeit brauchen könnte. Es geht um die geistige Kraft, welche stärker ist als die Strömungen der Zeit mit ihrer Freizügigkeit, ihren hohen Ansprüchen und ihrem Suchen nach Lösungen. 
Die Anziehung neuer spiritueller Bewegungen und des Psychomarktes liegt darin, dass sie den Menschen Antworten zu geben versuchen auf die bedrängenden Fragen:
Wo finde ich einen Ausweg aus meiner verworrenen Lebenssituation, aus den misslungenen Beziehungen, aus Einsamkeit und verödetem Dasein, aus der Angst vor der Zukunft? 

Der sogenannte moderne Mensch hat sich von den Bindungen an Traditionen und Autoritäten gelöst. Ihn beeindruckt nicht, was Vertreter der Institution sagen oder einmal gesagt haben, sondern die Begegnung von Mensch zu Mensch, ein Wort, das aus der Echtheit und Tiefe des Herzens kommt.
Die Kirche müsste der Ort sein, wo solches geschieht. Das wäre die große Vision.
Dazu tragen alle bei, die eine Atmosphäre schaffen, wo man aufatmen und sich öffnen kann, wo Menschen mit ihrer Geschichte ernst genommen und verstanden, wo einem keine neuen Anstrengungen oder kluge Lehren vorgehalten werden. Titel und Rang als solche greifen nicht, wenn es um die innersten Belange geht, um Sinn und Ausrichtung des Lebens. Was auch bei Nichtkirchlichen ankommt, ist die Authentizität der Person, die getragen ist von einer unmittelbaren Gotteserfahrung, von einer inneren Glut, wie sie der heilige Franziskus hatte.
Dessen Originalität und Ausstrahlung lassen sich nicht herbeireden, wohl aber kann sich jeder der Dynamik einer Entwicklung öffnen. Er wird dem Heiligen aus Assisi nur dann ähnlich werden, wenn er seinen  ganz eigenen Weg so geht, wie  dieser den seinen gegangen ist.

Die Aufgabe besteht nicht in neuen Lasten, sondern jenen Kern in sich zu entdecken, der einen über sich selbst hinauswachsen lässt und der die höchste Energie enthält.
Der Tiefenpsychologe C.G.Jung nennt ihn den Archetyp des Gottesbildes. Wenn wir schon das Bild Gottes in uns tragen, dann ist jeder ganz er/sie selbst, wenn er/sie bei Gott angekommen ist. Oder Gott ist dort, wo ich ganz ich selbst bin. Das ist die gesuchte Authentizität, die überzeugt und die Kirche stützt.

2.Träume - die unbekannten Ressourcen

Der heilige Franziskus hat viele Bewunderer aber wenig Nachfolger. Selbst gut gemeinte Versuche, es so zu machen wie er, gewinnen nicht die überzeugende Kraft oder scheitern über kurz oder lang. Man kann den großen Mann nicht imitieren wohl aber sich von ihm inspirieren lassen. Es bleibt nichts anderes, als dort anzufangen, wo der Heilige angefangen hat, nämlich bei sich selbst.

Seine Geschichte beginnt mit Innenerfahrung und Träumen, in denen er nach und nach die Stimme Gottes erkennt. Er braucht einige Jahre des verborgenen Lebens, um die seelischen Einbrüche wie die neuen Impulse zu verarbeiten.

Im ersten Traum wird er in ein wunderbares Schloss geführt. Eine Stimme sagt ihm, dass es ihm gehört. Dies bestätigt zunächst sein Vorhaben, in den Krieg zu ziehen und Ritter zu werden. Auf dem Weg wird er erneut im Traum von einer Stimme angesprochen, er müsse den ersten Traum anders verstehen. Es kommen ihm totale Zweifel an seinem Vorhaben und er kehrt nach Hause zurück. Er nimmt die Stimme der ganz anderen Seite ernst. Dies ist die Wende seines Lebens. Die äußere Umkehr von Spoleto nach Assisi entspricht der inneren. Er ist ganz in sich gekehrt. Die Achtsamkeit für das, was wichtig ist, geht jetzt von außen nach innen. Sein Interesse hat sich verändert. Er ist offen und aufnahmebereit für das, was jetzt weiter mit ihm geschieht. Er setzt sich einem Prozess aus, in dem die Botschaften des Innern die Hauptrolle spielen. Er wird darin von einem überwallendem Glück und stillem Jubel begleitet.

Träume - die Spur zum großen Ziel
Es ist wichtig zu betonen, dass das neue Leben des Heiligen mit Träumen beginnt, nicht mit heroischen Taten und aszetischen Übungen. Hier trifft er sich mit der modernen Psychoanalyse, welche mit Träumen arbeitet, um einen Mensch von Grund auf zu verändern.

Träume steigen aus dem Teil unserer Seele auf, über den wir nicht verfügen, der aber unsere Stimmungen, unsere Interessen, unsere Freude, Angst, unsere Sympathien und Abneigungen, unsere Entscheidungen wesentlich bestimmt. Keine Frau kann sich absichtlich in einen Mann und kein Mann kann sich mit bloßem Willen in eine Frau  verlieben. Oder wie oft ist zwei Menschen die Liebe entschwunden, ohne dass sie es wollten. Ob die Liebe gelingt, ob Vertrauen sich bildet, ob neue Hoffnung in ein Menschenleben und in die Gemeinschaft der Kirche einkehrt, hängt von Faktoren ab, über die wir nicht unmittelbar verfügen können. Sie wirken von sich und fragen uns nicht nach unserer Zustimmung. Das Schwierige daran ist, dass wir um diese Elemente unserer Existenz kaum etwas wissen. Ihr Bereich wird deshalb in der Fachsprache das „Unbewusste“ genannt.

Nach Jung ist unser Bewusstsein nur eine Insel im Ozean des Unbewussten. So wie die Wesen auf dem Festland vom großen Meer leben, so ist unser Ich auf die Kräfte aus dem Unbewussten angewiesen. Man kann regelrecht ausdörren an Gefühlen, Lebensmut und Energie. Man nennt dies „burn out“. Es kann aber auch sein, dass man von inneren Strömungen, von Leidenschaften, von Gier, Hass, sogar von religiösen Ideen überschwemmt wird. Die gute Botschaft ist, dass in der Mitte dieses Ozeans eine Instanz ist, die das Ganze lenkt und ordnet und zu einem Ziel führen will. Es findet ein Prozess statt ähnlich dem körperlichen Wachstum oder dem Genesungsprozess. Die Seele ist auch bei Nacht am Werk. Wir merken es, wenn wir beim Erwachen feststellen, dass vieles, was am Tag vorher unlösbar schien, anders aussieht. Deshalb ist es auch berechtigt zu sagen: Darüber muss ich erst einmal schlafen. Die Träume sind  die Botschafter dieses Teils unserer Existenz, sie zeigen uns, was da passiert. Sie lassen uns in die Werkstatt der Seele blicken und zugleich sind sie Träger der Energie, welche den Prozess voranbringt.
Wenn wir nun auf unsere Träume achten, sie auf uns einwirken lassen, kommen wir an jenen Punkt in der Tiefe unserer Existenz, der für unsere Zukunft von Belang ist. Wenn wir uns sogar mit dieser obersten Instanz verbünden, gelangen wir zu einer dauerhaften und tiefgreifenden Wandlung unserer Motive, Interessen, der Gefühle sowohl wie des äußeren Verhaltens. In der Sprache der Heiligen Schrift heißt dies: Gott schenkt uns ein neues Herz. Es ist das ganze Herz, mit dem wir wie selbstverständlich, mit höchster Freude Gott und Menschen lieben. Das heißt wir können einander annehmen, verstehen, nahe sein, helfen ohne einander festzuhalten und die eigene Meinung und den eigenen Willen aufzuzwingen. Wir haben die Spontaneität, im Augenblick das Richtige zu sagen und zu tun. Wir haben die Kraft, die Herzen der Menschen anzusprechen und einen ähnlichen Prozess auszulösen. Es ist jene Instanz, die im Unterschied zum Ich als das Selbst bezeichnet wird. Ein anderer Name ist Archetyp der Ganzheit oder des Gottesbildes. Es ist das Gefäß der Gnade Gottes. Das bedeutet, dass hier die Stelle der Seele ist, wo Gott spricht, wo wir ergriffen sind und gewandelt werden.

So war es beim heiligen Franziskus. Der Traum vom Schloss ist eine Botschaft von dieser obersten Instanz. Auch die heilige Teresa von Avila spricht vom Schloss, um das Wohnen Gottes in der Seele zu beschreiben. Er wurde an die Stelle seines Wesens angeschlossen, die mit unbegrenzter  Energie aufgeladen ist. Dies zog seine volle Aufmerksamkeit und Hinwendung zu sich und erfüllte ihn mit überwallendem Glück. An anderer Stelle heißt es: Die Süße zog ihn weiter und weiter.

3.Der enge und der weite Kreis

Von der Kritik zum Gespräch
Das öffentliche Auftreten des heiligen Franziskus war nach kurzer Zeit auch in Rom bekannt geworden. Man hörte, dass er nicht nur Menschen sondern auch den Vögeln predige. Die zuständigen Stellen spitzten die Ohren. Das Misstrauen und die Angst vor Irrlehrern und Aufrührern gingen um. Man wollte wissen, wer der sei, von dem man so viel erzählt. So ging denn eine Einladung an den Mann aus Assisi, er solle vor dem Kardinalskollegium eine Probepredigt halten. Sein Freund, Kardinal Hugolino fürchtete, der Heilige könnte sich blamieren. So setzte er ihm eine wohl durchdachte und ausgefeilte Predigt auf, die er halten sollte. Franziskus versuchte, sie auswendig zu lernen. Als er jedoch am Ort seines Auftritts ankam, hatte er alles vergessen. Es war nicht das Seine. In dieser Situation ließ er sich vom Einfall des Augenblicks  oder - wie es die Erzähler ausdrücken -  vom Geist Gottes leiten. Als er sein Brevier aufschlug, stieß er auf den Psalm 43, wo von der Scham die Rede ist. Das war das rechte Stichwort, um Dinge zusagen, die man in kirchlichen Kreisen nicht gerne hört. Wörtlich heißt es: „Er hielt darüber eine ausgiebige Rede vom Hochmut der Prälaten, von ihrem schlechten Beispiel und was für eine Schmach darin für die ganze Kirche liege: sie seien ja das Antlitz der Kirche, das in ganzer Schönheit erstrahlen solle…. Und so gut und ausgiebig war die Rede, dass es für jene eine heilsame Beschämung und Erbauung war“ (1). Das heißt: Es hat sie getroffen. Die hohen Herren schämten sich, wurden nachdenklich und nahmen ernst, was der einfache, theologisch ungebildete Laie ihnen sagte.

Man muss sich das einmal vorstellen: Der demütige Franziskus, der allen untertan sein wollte, hat den höchsten Vertretern der Kirche die Wahrheit gesagt. Man konnte ihm nicht böse sein, weil er sie auf eine Weise vorbrachte, die bei aller Deutlichkeit nicht verletzte. Bei Thomas von Celano ist von der Glut des Geistes die Rede und dass man das Feuer der göttlichen Liebe spürte. Es waren nicht Zorn und Wut, die er seinen Zuhörern entgegen schleuderte, seine Worte kamen vielmehr aus der Tiefe seines Herzens, die frei war von getrübten Emotionen. Am Ende standen nicht triumphierende Genugtuung auf der einen und bittere Verletztheit auf der anderen Seite, sondern versöhnende Ergriffenheit. Franziskus schuf eine Atmosphäre, in welcher eine höhere Instanz jeden einzelnen erfasst. Es ist der Geist Jesu.

Oberstes Ziel: Atmosphäre des Vertrauens

Der Heilige konnte rüberbringen, worum es bei aller Kritik, bei allen Reformvorschlägen und bei allen Bemühungen geht: nicht darum, wer Recht hat, sondern oberstes Ziel ist, dass es allen möglich wird, recht zu sein. Es sollte alles darauf hinauslaufen, dass ein Raum des Vertrauens entsteht, der frei ist von Druck, Enttäuschung, Bitterkeit, sondern erfüllt ist von gegenseitiger Achtung und Annahme, von der Absicht, jeden mit seiner Überzeugung und seiner Not ernst zu nehmen. Es gibt eigentlich keine bessere Vision von Kirche. Mit anderen Worten: Alle müssten sich vom   Geist Christi leiten lassen. Dies ist nicht Einschränkung, Niedergedrücktheit, enttäuschendes Nachgeben, sondern Freiheit, Erfülltheit und Jubel.

Das große Wort vom Dialog steht in der nächsten Zeit auf dem Programm. Wie es sich schon jetzt abzeichnet, stehen sich zwei Fronten gegenüber, die ihre entgegengesetzten Positionen vorbringen. Es sind die längst bekannten Themen: Zölibat, Diakonat der Frauen, Zulassung Wiederverheirateter zur Kommunion, Ökumene und noch viele andere Fragen. Aus Leserzuschriften und aus Gesprächen geht hervor, dass viele kein Nachgeben und Entgegenkommen von Seiten der amtlichen Stellen erkennen können. Sie fühlen sich nicht ernst genommen. Dies erhöht die Aufgeregtheit, die Unzufriedenheit, die Entrüstung bis zur Verbitterung. Das Verlassen der Kirche ist dann nicht mehr weit. Andererseits gibt es einen Teil des Kirchenvolkes, dem diese Fragen gar nicht auf den Nägeln brennen, der ganz und gar auf der Seite der Leitung steht und der sogar im noch dichteren Festhalten an den alten Strukturen die Lösung sieht.

Entgegenstehende Emotionen
In den Auseinandersetzungen stehen sich nicht nur Argumente gegenüber, vielmehr noch sind es Emotionen. Weil diese nicht durch Argumente von außen noch durch guten Willen von innen niedergerungen werden können, sondern ihre eigene Dynamik haben, werden Gespräche und gegenseitiges Verstehen so schwierig. Der Konflikt in der Kirche beißt sich wesentlich an diesem Punkt fest. Was für die einen Sicherheit und Geschlossenheit bedeutet, nämlich eindeutige Ausrichtung nach oben, feste Strukturen, ist für die anderen Einengung, Entmündigung und Unterdrückung des Geistes. Und umgekehrt: was für diese Befreiung, Entfaltung und Fortschritt ist, erscheint den anderen als Bedrohung.

Wer mit Emotionen nicht umgehen kann, als Leiter einer Gruppe, einer Gemeinde oder der großen Kirche, ist  geneigt, es nur mit denen zu halten, die immer auf der eigenen Seite stehen, die nie aufbegehren, die zu allem ja sagen und dienstbereit alles ausführen, während man in den Kritischen nur die Bedrohung sieht und deren berechtigtes Anliegen gar nicht wahrnimmt. Die Folge ist, dass sich diese aus der Gruppe, Gemeinde und Kirche zurückziehen. Damit wird der Kreis immer enger. Die Basis schmilzt immer mehr zusammen.

Die Geschichte vom heiligen Franziskus kann uns sagen, dass ein einzelner in der Kirche durchaus etwas bewegen kann. Entscheidend ist sein Umgang mit den Emotionen. Aufgrund seines inneren Weges und seiner Verwurzelung in der Tiefe war er stärker als Entrüstung, Zorn und  Erbitterung. In seiner fast ekstatischen Rede öffnete er einen Raum, in dem Ängste, Misstrauen, Unverständnis keine Rolle mehr spielten. Das heißt aber: In der heutigen so schwierigen Situation geht es dann weiter,  wenn die Emotionen mit in den Prozess einbezogen und so bearbeitet werden, dass sie ihren trennenden und zerstörerischen Anteil verlieren. Der Heilige aus Assisi und viele andere spirituell Erfahrene auch unserer Zeit sagen, dass es eine Kraft gibt, die von innen her die Emotionen wandelt und dazu befähigt, einen weiten Kreis zu ziehen.

1 Franz von Assisi, Legenden und Laude, Bruder Leo und Gefährten erzählen, herausgegeben von Otto Karrer, Zürich 1986 S.195

4.Ohne Opferung keine Wandlung - Ohne Wandlung keine Communio

Von den Brüdern, die sich von Franziskus anstecken ließen, berichtet der Biograph Thomas von Celano. 

„Von welcher Liebesglut waren die neuen Jünger Christi entflammt!...Wenn sie nämlich irgendwo trafen oder sich auf dem Weg gelegentlich begegneten, sprang ein Pfeil geistiger Liebe über…Voll Sehnsucht suchten sie zusammenzukommen, umso größer war ihre Freude, zusammen zu sein, schwer war dagegen die Trennung von einander, bitter das Scheiden, hart das Geschieden sein……deshalb waren sie überall voll Zuversicht, von keiner Furcht befangen, , von keiner Sorge zerstreut, und ohne Besorgnis sahen sie dem morgigen Tag entgegen. Kein Neid, keine Bosheit, kein Groll, kein Widerspruch, kein Argwohn, keine Bitterkeit hatte bei ihnen Platz, vielmehr wohnten große Eintracht, dauernder Friede, Danksagung.

Eine Gemeinschaft dieser Art würden wir uns heute für die Kirche insbesondere für den Orden des Heiligen wünschen. Alle Ratlosigkeit, Verbitterung und Angst wären verschwunden. Stattdessen würden die Lebensfreude, die Spontanität, die Herzlichkeit der Brüder und Schwestern Außenstehende anziehen. Die Sorge um Nachwuchs wäre aufgehoben.

Vor dieser Vision stehen einige Barrikaden. Die bisherigen Versuche greifen offensichtlich nicht. Der Aufruf zu einem Mehr an Gebeten, an Selbstdisziplin, an selbstlosem Einsatz, zu noch größeren Anstrengungen kann es deshalb nicht schaffen, weil in dem Bericht von spontanen Äußerungen die Rede ist, die sich von selbst ereignen und nicht gemacht werden können. Es ist die Liebesglut, so heißt es, die sie anzieht, nicht verbissene Anstrengungen. Es war  Franziskus, von dem das Feuer ausging. Aber wie kam er dazu? Hier gilt es noch einmal auf die einzelnen Schritte seiner Umkehr zu schauen. Die Dreigefährtenlegende erzählt folgendes:

Als er eines Nachts nach einem üppigen Mahl mit seinen Freunden nach Hause ging, blieb er plötzlich stehen und kein Mensch hätte ihn von der Stelle bewegen können, selbst wenn man ihn in Stücke geschnitten hätte. Der Grund war: Gott hatte ihn berührt. Und eine solche Süße erfüllte sein Herz, dass er weder reden noch sich bewegen konnte. Nur jene Süße fühlte er und konnte nichts anderes wahrnehmen.“ Als seine Freunde zurückkommen und ihn fragen, ob er wohl an eine Frau gedacht habe, sagt er: Ja, an eine Frau. Sie ist edler, reicher und schöner, als ihr je eine gesehen habt.“ Seine Braut war die wahre Gottesverehrung (vera religio), so lautet die Erklärung des Schreibers.

Franziskus hatte erfahren, was es heißt von Gott berührt zu werden. Die Süße dürfen wir, gerade weil die Braut erwähnt wird, mit der angesprochenen Liebesglut gleichsetzen. Sie war in ihm geweckt worden und damit begann die einschneidende Wandlung seines Lebens. „Von dieser Stunde an begann er gering von sich zu denken und das zu verachten, was zuvor seine Neigung besessen“. An dieser Stelle seines Lebens vollzieht nun Franziskus das, was von außen als Opfer gesehen werden kann: er zieht sich von seinen Freunden und deren ausgiebigen Vergnügungen zurück, sucht zum Gebet einsame Plätze auf, bis er schließlich unter dem Spott der Leute und zum Schmerz des Vaters in der Stadt als Bettler auftritt. Seine Geschichte in Assisi endet vorläufig damit, dass er seine Beliebtheit bei seinen Freunden, sein Erbe und Ansehen als Sohn eines reichen Bürgers aufgibt. Er bringt diese Opfer nicht, weil sie Gott wie ein Despot von ihm verlangt hätte, sondern weil er spürt, dass mit jedem Schritt sein innerer Reichtum wächst und die Glut in seinem Herzen neu entfacht wird. Seine Wandlung geht soweit, dass er „aus dem, was ihn vorher erschauern machte, tiefes Glück und unermesslichen Frieden schöpft.“ Die Umkehr ist anders als ein ausgeführter Vorsatz, sie erfasst den Sitz und die Ausrichtung der Gefühle, worüber wir nicht unmittelbar verfügen können.

Umkehr und Perspektivenwechsel 

Was wir von Franziskus übernehmen können, ist das eine: Ganz tief in uns selbst hinein horchen und hineinschauen. Dort ist ein Punkt, der mit höchster Energie aufgeladen uns von innen her wandeln, wie ein Feuer brennen, ausstrahlen und wie ein Funke überspringen kann. Es ist die Stelle, wo wir von Gott berührt werden und zugleich  einander aufs Innigste nahe kommen.

Der Weg dahin ist nicht die noch größere Anstrengung, viel mehr, dass wir uns in Stille hinsetzen, schauen, was ist,  und uns für die Dynamik unseres Innern öffnen. Meist ist es sogar so, dass wir von einer höheren Macht dazu gezwungen werden. Unser Leben wird durchkreuzt, unsere Vorstellungen, Ideale, Pläne, Wünsche nehmen eine andere Richtung. Diese Konfrontation taucht uns in eine tiefere Dimension. Der innere Mensch hat die Chance zu wachsen. 

Was müssen wir opfern? 

Dann ist auch unsere bewusste Entscheidung gefragt, dass wir dem Raum geben, was sich im Innersten bewegt und uns bedrängt. Wir werden einiges aufgeben: Die Unverbindlichkeit gegen die Betroffenheit, die Belanglosigkeit gegen alles, was unserem Leben Bedeutung gibt, die scheinbar so klugen Erklärungen gegen die überwältigende  Erfahrung, die leeren Theorien gegen das wirkliche Erleben, das Recht haben gegen das recht sein. Wir werden erleben, dass sich dann alles umdreht: aus Einsamkeit wird Nähe, aus Missachtung Wertschätzung und Verstehen, aus Enge Freiheit, aus Erstarrung Lebendigkeit. Uns  ist eine Kraft zugesprochen, die stärker ist als die Angst vor  Veränderung und Verlust, Machtgier und  Leidenschaft, als die Strömung der Zeit.  Es ist die Kraft dessen, der gesagt hat: "Ich habe die Welt überwunden“ (Joh,16, 33).