5.Sonntag im Jahreskreis B
 

1.Lesung Ijob 7, 1 - 4.6 - 7

Nächte voller Mühsal teilte man mir zu

Lesung aus dem Buch Ijob
Ijob ergriff das Wort und sprach:
1 Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners?
2 Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet.
3 So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe, und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu.
4 Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert.
6 Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin.
7 Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück.
 
 
2.Lesung 1 Kor 9, 16 - 19.22 - 23

Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther
Brüder!
16 Wenn ich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!
17 Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Auftrag, der mir anvertraut wurde.
18 Was ist nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und so auf mein Recht verzichte.
19 Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen.
22 Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.
23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.
 
 
Evangelium Mk 1, 29 - 39

Er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit
29 ging Jesus zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas.
30 Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie,
31 und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie.
32 Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
33 Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt,
34 und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war.
35 In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
36 Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,
37 und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.
38 Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.


Gegen die Dämonen der Angst

Kranksein kann bitter sein. Es kann einen treffen plötzlich, unerwartet. Zuerst kleine Beschwerden. Nach der Untersuchung heißt es: Es sei eine Operation nötig. Und dann der kalte Schauder, die nackte Wahrheit! Kranksein bedeutet, aus dem ganz normalen Alltag herausgerissen zu werden, in ein Loch zu fallen, dessen Boden unbekannt ist.
Kranksein ist ein Schlag gegen das eigene Wertgefühl gerade bei Menschen, die ihre Freude daran hatten, für andere zu sorgen. „Wer bin ich noch?” so steigt es einem auf, „wenn ich nichts mehr für sie tun kann?”
Manchmal, wenn die Selbstzweifel übermächtig werden, kommt noch die Empfindung  hinzu, den Angehörigen zur Last zu fallen oder auch ohnmächtig ihrem oft schwankenden Mitleid ausgeliefert zu sein.

Solchen Menschen begegnet Jesus. Eine davon ist die Schwiegermutter des Petrus. Was Jesus ihr schenkt, ist mehr, als dass sie aufstehen kann. Indem er sie bei der Hand nimmt und aufrichtet, nimmt er von ihr auch die Bitterkeit. Er gibt ihr die Gewissheit, leben zu dürfen, die zu sein, die sie ist. Ihre Freude am Dasein kehrt zurück. Man kann sich vorstellen, wie leicht es ihr fällt, die Gäste zu bedienen und den Haushalt zu versorgen.

„Freude, Freude, Tränen der Freude!” Mit diesen Worten drückte der Philosoph Blaise Pascal seine überwältigende Gotteserfahrung aus. So könnten alle gesprochen haben, die Jesus begegnet sind und denen er seine Zeit, seine Aufmerksamkeit und Nähe schenkte. Von der Gestalt Jesu, von seinem Blick, von seiner Berührung ging - so dürfen wir annehmen - eine so beglückende Kraft und Atmosphäre aus, dass Menschen in seiner Nähe vor Freude geweint haben. So wird es an einer Stelle berichtet. Eine Frau, die als Sünderin galt, hat bei Jesus das gefunden, wonach sie sich immer gesehnt hatte und was sie nie mehr vergessen wird: das Gefühl, ganz und gar angenommen zu sein, ohne Ablehnung, Verachtung und ohne die Furcht, ausgestoßen zu werden, gleichgültig, wie verworren die eigene Geschichte auch gewesen sein mag.

Die Begegnung der Kranken mit Jesus endet mit der Heilung. Aber wie ist es, wenn wir uns nicht unter den Geheilten befinden, wenn uns ein ganz anderer Ausgang erwartet?
Dazu sollten wir den zweiten Teil des heutigen Textes näher betrachten. Jesus vollbringt eine Heilung anderer Art. Es geschieht an den Besessenen, an den von Dämonen Gequälten. In der aufgeklärten Gesellschaft überlassen wir das Thema „Teufel und Dämonen“ eher der Esoterik. Als Aufgeklärte, die vom Gebrauch ihrer Vernunft etwas halten, haben wir es nicht mehr nötig, an naive Vorstellungen einer archaischen Welt zu glauben, so meinen die meisten. In Wirklichkeit geht es nicht um irgendwelche abstruse Fantasien von jenseitigen, bösen Wesen, sondern um eine alltägliche Erfahrung, um  Mächte, die uns im Griff haben, die unser Zusammensein stören, die immer dazwischenfunken, wenn wir uns nach Harmonie sehnen; vor allem sind es Ängste, die unser Leben vergiften.
Zu diesen scheinbar unbezwingbaren Dämonen gehört die Wirkung, die eine medizinische Diagnose auslösen kann, nämlich die Wahrheit über Leben und Tod. Es ist der Augenblick, wo kein Arzt mehr weiterhelfen kann. Er kann einem die Angst nicht nehmen. Ihr gegenüber ist auch die Medizin machtlos. Das Mittel gegen das Unergründliche kommt nicht aus den messbaren Daten und chemischen Reaktionen. Stellen wir uns die Nacht vor einer schwierigen Operation vor. Die Angst vor der Narkose hat manchen schon total überwältigt trotz der oft gehörten Versicherung, dass man in besten Händen sei. Man wird ja in einen Zustand versetzt, in welchem man sich ganz und gar anderen ausliefert und nicht mehr über sich selbst verfügen kann.                                                                                                                           
Für manche Menschen hält das Leben andere schlimme Szenarien bereit. Es kann eine unerwartete Todesnachricht sein, die uns erschüttert und uns das klare Denken raubt. Da ist es, als ob uns der Boden unter den Füßen weggezogen würde. 
Wie froh wären wir, wenn jemand die niederdrückende Stimmung auflösen und diesen Dämon austreiben könnte.
Genau das hat Jesus getan. Er hat die Mächte, welche damals wie heute die Menschen unter ihrer Kontrolle halten, entwaffnet. Konkret heißt das: Er hatte die Kraft, die sogenannten Besessenen von der grausamen Erfahrung, unheimlichen Mächten ausgeliefert zu sein, zu befreien. Er gab ihnen den Sinn für ihre eigene Würde zurück und den Mut und die Zuversicht, ihr weiteres Leben zu bestehen. In der Nähe Jesu ist nichts mehr zu spüren von Angst, von quälenden und bedrängenden Gefühlen, von fremden Gewalten, die stärker sind als wir. Eine Krankheit kann unseren Körper überwältigen, sogar zerstören, nicht aber uns selbst. 
Voraussetzung ist allerdings, dass wir in seine Atmosphäre eintauchen, dass wir den Raum betreten, in dem Jesus lebte, seine Geschichten und Gleichnisse erfand und seine bewunderten Taten vollbrachte. Der Geist Jesu kann zu einer schützenden Hülle werden. Mit anderen Worten: Es gilt, wie Er den Wert der absoluten Stille zu entdecken, wie Er uns in das Gebet zu vertiefen, wie Er eins zu werden mit dem Urgrund in uns selbst, mit dem „Vater”, von dem alles kommt. Wir sind auf dem rechten Weg, wenn wir zu einer Einstellung finden, wie sie im Tagesgebet des heutigen Sonntags anklingt: wir sind dein Eigentum und setzen unsere Hoffnung allein auf deine Gnade. Wenn die Gnade das einzige ist, woran wir uns festhalten, sogar festklammern können, dann wächst in uns auch die Gewissheit, dass sich uns wie Jesus der Himmel öffnet.
Wenn uns die Nähe Gottes erfüllt, dann sind wir vor den Dämonen der Angst, der Bitterkeit und Verzweiflung geschützt.