10.Sonntag im Jahreskreis B


1.Lesung Gen 3, 9 - 15

Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und den Nachwuchs der Frau

Lesung aus dem Buch Genesis
9 Nachdem Adam von der Frucht des Baumes gegessen hatte, rief Gott, der Herr, ihm zu und sprach: Wo bist du?
10 Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.
11 Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?
12 Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen.
13 Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt, und so habe ich gegessen.
14 Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
15 Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse.


2.Lesung 2 Kor 4, 13 - 5, 1

Wir glauben, darum reden wir

Lesung aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther
Brüder!
13 Wir haben den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet. Auch wir glauben, und darum reden wir.
14 Denn wir wissen, dass der, welcher Jesus, den Herrn, auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und uns zusammen mit euch vor sein Angesicht stellen wird.
15 Alles tun wir euretwegen, damit immer mehr Menschen aufgrund der überreich gewordenen Gnade den Dank vervielfachen, Gott zur Ehre.
16 Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert.
17 Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit,
18 uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.
1 Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel.


Evangelium Mk 3, 20 - 35

Das Reich des Satans hat keinen Bestand

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
In jener Zeit
20 ging Jesus in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten.
21 Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.
22 Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebub besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.
23 Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben?
24 Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben.
25 Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben.
26 Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst im Streit liegt, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen.
27 Es kann aber auch keiner in das Haus eines starken Mannes einbrechen und ihm den Hausrat rauben, wenn er den Mann nicht vorher fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern.
28 Amen, das sage ich euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen;
29 wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften.
30 Sie hatten nämlich gesagt: Er ist von einem unreinen Geist besessen.
31 Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen.
32 Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir.
33 Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?
34 Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder.
35 Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.


Die neue Familie - die stärkere Kraft

Was ist es, das einen Menschen so anziehend macht, dass Massen zu ihm strömen? Das Geheimnis eines erfolgreichen Redners besteht darin, dass er in den Zuhörern etwas in Bewegung setzt. Das kleine Ich eines Menschen findet für eine kurze Zeit Anschluss an ein größeres Ganzes und ist damit seiner Einsamkeit, seiner Anstrengungen und seiner Lasten enthoben. Der Verdacht besteht: Es ist nur ein aufwallendes Gefühl für den Augenblick; nachher wird die Einsamkeit umso schmerzlicher empfunden. Es handelt sich nur um eine Welle der Begeisterung mit unkalkulierbaren Entscheidungen, die man später bereut.
Als immer mehr Menschen zu Jesus kommen, ist gewiss etwas von diesen Wirkungen eingetreten. So wie er spricht, in seiner bejahenden und klaren Art liegen Festigkeit und Kraft. Und das suchen Menschen, auch heute noch. In der Nähe Jesu empfinden sie sich aufgehoben, frei, sicher. „Es ist gut, dass wir hier sind" (Lk 9,33), sagte Petrus bei der Verklärung Jesu, es könnten auch die vielen, die ihn hörten, gesagt haben. Da ist ein größeres Ganzes, das einen trägt; ein Fluidum, eine Atmosphäre, die man nicht vergessen kann und nicht mehr verlieren möchte. Bei denen, die sich ganz darauf einlassen, wird etwas Bleibendes geweckt, das Entscheidungen fordert, diese aber auch möglich macht.
Das größere Ganze, auf das sie sich einlassen sollten, nennt Jesus Reich Gottes, seinen und ihren Vater. Sie begreifen: das Leben wird dadurch reicher, erfüllter, obwohl es hart genug ist. Man braucht sich nicht mehr ohnmächtig zu fühlen gegen alles, was das Glück  beeinträchtigt. Da ist eine Kraft, die stärker ist als alle Mächte, welche dem kleinen Ich zusetzen, es ängstigen und mürbe machen. Es tut sich ein Erfahrungsfeld auf, das man bisher nicht kannte.
Fast erschrecken muss es uns, wie die Angehörigen Jesu auf dieses Geschehen reagieren. Sie halten ihn für verrückt. Was ist mit der Mutter Jesu, von der gesagt wird, sie habe ihr Kind auf Grund einer Verheißung empfangen, sie habe um den Willen Gottes gewusst?
Es spricht für die Echtheit dieser Stelle, dass nichts beschönigt und im Nachhinein verklärt wird, was zwischen Jesus und seiner Familie vorging. Jesus hatte zu diesem Zeitpunkt einen Weg hinter sich, den seine Angehörigen nicht mitvollzogen hatten. Für ihn hatte sich der „Himmel aufgetan" (Mk 1,10). Wie immer man diese Stelle interpretieren mag, es war ein Erlebnis, wodurch Jesus in eine neue Welt eintrat, der Einbruch des ganz Anderen, der ihn seiner bisherigen Umgebung entriss.
Er hatte den Rahmen, in den Familie und religiöse Tradition einen Heranwachsenden hineinstellen, verlassen. Es war ihm einfach zu eng geworden: die Art, wie man denkt, was man tut, was man für heilig und verehrenswert hält, wie man miteinander umgeht, wie man über Gott und seine Gebote spricht. Alles war anders geworden. Nicht ein Mehr an Eifer im Bisherigen, sondern der Eifer zeigte in eine ganz neue Richtung. Jesus ist nicht mehr einzuordnen. Er passt nicht mehr zu der Vorstellung, welche die Familie von ihm hat. Die Schriftgelehrten, Theologen der damaligen Zeit, kommen nach reiflicher Überlegung aufgrund strengster Logik zu dem Ergebnis: die Kraft, die in ihm wirkt, kann nicht von Gott sein.
Hier wird eine Tragik offenbar, in die sich jeder, der auf der Suche nach seinem eigenen Lebensweg ist, hineingezogen weiß. Die Familie, aus der wir stammen und die unsere erste Heimat in dieser Welt ist, gibt uns auch ihre belastende Geschichte mit und wird häufig zum Hindernis für das Gelingen unsres Weges. Es gibt kaum jemand, der so perfekte Eltern hatte, als dass er nicht auch an deren Schwächen litte. Die Prägung unserer Kindheit enthält nicht nur Positives. Wir erben nicht nur das Guthaben der Eltern, sondern auch die Schulden. Viele werden bis zum Ende ihres Lebens die Schäden nicht los, die ihnen durch eine übergroße Strenge, durch Kälte und mangelnde Zuwendung zugefügt wurden. Sie sind mitverantwortlich für falsche, schicksalsschwere Entscheidungen, dafür dass hoffnungsvoll Begonnenes scheitert. Meist haben sich die Hüter der Ordnung mit der Härte und nicht mit der Güte verbündet. Das Tragische ist, dass Eltern falsche Grundhaltungen, den Mangel an Lebensfreude und Lebensmut an ihre Kinder weitergeben, ohne dass sie es wollen und wissen. Es müsste denn Hilfe von außen kommen. Denn aus diesem Teufelskreis kann sich niemand selbst befreien.
Dem  heutigen Evangelium können wir entnehmen, dass Jesus der Stärkere ist gegen alle Mächte, die unser Leben einengen und eintrüben und uns immer wieder in die alten Gleise zurückstoßen. Damals hat man sie „Dämonen“ genannt, unsichtbare, geistige Kräfte, die von Menschen Besitz ergreifen. Die Namen haben sich geändert, aber die Tatsachen sind geblieben.
Wer den Anschluss gefunden hat an das größere Ganze, das mit dem Namen Jesu zuinnerst verbunden ist, darf darauf hoffen, allen Teufelskreisen seines Lebens entrissen zu werden, auch denen, die durch Herkunft und geheiligte Traditionen fast unüberwindbar erscheinen. Er wird wie Jesus ein Stück seines Lebens unverstanden sein und manchen wird er als verrückt oder sogar als gefährlich erscheinen. Wenn wir jedoch den Punkt in uns finden, wo wir uns ganz in der Nähe Gottes spüren, wo jeder ganz er selbst ist, wo wir schöpferisch und lebendig sind, beginnen wir, auch die anderen wahrzunehmen, die auf demselben Weg sind.
In diesem Punkt, auf dem Goldgrund unserer Seele, kommen wir uns alle nahe wie Eltern ihren Kindern, wie Brüder und Schwestern, die von klein auf miteinander gespielt haben. So war es damals, als Jesus, die ihn verstanden, Mutter, Brüder oder Schwestern nannte, und als es üblich wurde, sich gegenseitig Brüder und Schwestern zu nennen. Dahinter steht die Erfahrung: Wo immer die Kraft Christi als das größere Ganze die Herrschaft übernimmt, erhellt er die Dunkelheiten und heilt das Zerrissene. Dann gelangt der einsame Weg des inneren Aufbruchs an sein Ziel.