7.Sonntag der Osterzeit C

Liturgische Texte: www.erzabtei-beuron.de/schott

1.Lesung Apg 7, 55 - 60

2.Lesung  Offb 22,12 - 14.16 - 17.20

Evangelium Joh 17, 20 - 26


1 Dies sagte Jesus. Und er erhob seine Augen zum Himmel und sprach:
20 Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.
21 Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.
22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind,
23 ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.
24 Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt.
25 Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast.
26 Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin.


Die große Sehnsucht

Die Abschiedsrede Jesu nähert sich dem Ende. Darin spricht er noch einmal aus, was sein innerstes Anliegen ist: „Alle sollen eins sein! (Joh 17,21) In der Apostelgeschichte heißt es von den ersten Christen: „Sie waren ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,32). Was anscheinend nur für eine kleine, auserwählte Gruppe galt, ist das Grundanliegen der Menschen gerade unserer Zeit. Es geht um das Zusammensein, wo immer Menschen sind: in einem Land, wo Fremde auf uns stoßen, in den Familien, die bedroht sind, in religiösen Gemeinschaften oder in ganz persönlichen Beziehungen, die in der modernen Großstadtkultur immer weniger gelingen.

Man wird dem Problem gerechter, wenn man von einer Not und Unfähigkeit im Zusammenleben spricht als von einem verkommenen, moralischen Verhalten. Hinter allem dürfen wir die Sehnsucht nach Liebe sehen. Sie wird in Tausend Varianten uns ständig vor Augen geführt. In keinem Film und in keinem Theaterstück darf dieses Thema fehlen, ein Zeichen dafür, wie sehr es die Menschen bewegt. Bei vielen ist es ein beständiges Auf und Ab, zwischen Erfüllung und Enttäuschung, zwischen Nähe und Einsamkeit. Ob nun in ehelichen oder nichtehelichen Partnerschaften, oder kirchlichen Gruppen und Gemeinschaften, es tun sich zu oft unüberwindbare Barrieren auf, sich tiefer und umfassender zu verstehen. Weil das Thema so zentral ist und das Schicksal so vieler bestimmt, hat es Jesus zum Inhalt seiner Abschiedsrede und seines letzten Gebets gemacht. Damit hängst engstens zusammen, was wir gewöhnlich Heil und Erlösung nennen.

Ein Beispiel aus der Geschichte, wie es sein könnte, ist das Leben der ersten Brüder des heiligen Franziskus. Dazu lesen wir: 
„Von welcher Liebesglut waren die neuen Jünger Christi entflammt! …Voll Sehnsucht suchten sie zusammenzukommen, umso größer war ihre Freude, zusammen zu sein. schwer war dagegen die Trennung von einander, deshalb waren sie überall voll Zuversicht, von keiner Furcht befangen, , von keiner Sorge zerstreut, und ohne Besorgnis sahen sie dem morgigen Tag entgegen….Bei all dem trachteten sie nach Frieden und Verträglichkeit mit allen, handelten immer lauter und friedfertig und gaben sich die größte Mühe, alles Ärgernis zu vermeiden.…Kein Neid, keine Bosheit, kein Groll, kein Widerspruch, kein Argwohn, keine Bitterkeit hatte bei ihnen Platz, vielmehr wohnten große Eintracht, dauernder Friede, Danksagung und Lobgesang bei ihnen“.

Man könnte die Grundstimmung der ersten Gemeinschaft so zusammenfassen: Es ist ein neues Lebensgefühl. Es ist eine innere Gestimmtheit, die heute gesucht wird, die stärker, dichter, lebendiger und echter ist als der bisherige ausgehöhlte, langweilige, geistlose Alltag. Gemeint ist mehr als eine gute Laune. Das Zusammensein fällt leichter, ist anziehend und nicht mühsam. Es herrscht nicht mehr die Angst, entwertet, übergangen oder übervorteilt zu werden. Das Reden miteinander fällt leicht und ist angenehm. Man freut sich auf jede Begegnung. Man muss nicht jedes Wort abwägen. In der Schilderung des franziskanischen Ursprungs finden wir, wovon viele träumen: eine Atmosphäre, wo man einander versteht und verstanden wird, sich geborgen und aufgehoben fühlt, wo man in lebendigem, spontanen Austausch bereichert wird. Es braucht Gleichgesinnte, welche dieselbe Wellenlänge und dieselben mühsam erkämpften Wertvorstellungen und Ziele haben. Es kommt dem nahe, was Jesus mit dem einen Satz ausdrückt: „Sie sollen eins sein, wie du Vater in mir bist und ich in dir bin“ (Joh 17,21). Wenn Jesus mit einem Gebet seine Sorge um die Einheit aller zum Ausdruck bringt, heißt das als erstes: Man kann sie nicht nach Plan wie eine Ware herstellen, auch nicht mit geschickten psychologischen Anleitungen. Bei allem guten Willen, bei allem klugen Verhalten ist die Einheit, nach der man sich sehnt, ein Geschenk. Sie ereignet sich nur dann, wenn wir für innere Vorgänge achtsam und aufnahmebereit sind. Dann kann sich etwas Neues in uns und zwischen uns ereignen.

Wie das geschieht, hat Jesus aufgezeigt. Von ihm wird berichtet, dass sich während des Gebets sein Aussehen veränderte und sein Gesicht wie die Sonne leuchtete. Er hat einen Raum geöffnet, von dem die Jünger nur sagen konnten: Hier ist gut sein. Wir wollen Hütten bauen und hier bleiben! (Vgl. Mt 17,4) Es ist die Verbindung mit dem Punkt, den Jesus mit dem rätselhaften Wort „Vater“ ausdrückt. Gemeint sind der Grund seiner Seele und der Urgrund der Welt, an den er angeschlossen und mit dem er eins geworden ist.
Als die Jünger in die Atmosphäre Jesu eingetaucht werden, haben sie ähnlich wie ihr Meister den Anschluss an diesen Punkt, die Mitte der Welt erfahren. Es ist der Grund, der allen gemeinsam ist, der alle trägt und alle inspiriert. Wahrscheinlich hat Jesus diesen Vorgang im Auge, wenn er sagt: „Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien“ (Joh 17,22).

Menschen, die den Glauben an Jesus auf dieser Ebene entdeckt haben, empfinden seitdem ihr Leben als umfassender, tiefgründiger, sinnvoller und heller. Es ist ein Glanz, der von selbst leuchtet und auf andere anziehend wirkt. Sie beschreiben es als Stimmig sein mit sich selbst. Die Angst vor der Zukunft, vor Vereinsamung, vor dem Verschwinden des Lebens hat ihre bedrängende Macht verloren. Sie haben das Gefühl, an eine große Kraft angeschlossen zu sein, welche das für sie tut, was sie selbst nicht tun können.                                                                                                  
Der Weg zum andern geht über den Punkt in uns, wo jeder Bild Gottes und ganz er selbst ist. Dies bedeutet zugleich aus einer gemeinsamen Mitte heraus zu fühlen und zu denken. Damit öffnet sich das Feld des Vertrauens. Sobald wir einander in der Tiefe des  Herzens berühren, kommen wir der großen Vision von der Einheit aller näher.