Texte zur spirituellen Suche

Das Tal der Liebe

22.10.19.30 im Haus der Kirche Ingolstadt

 

Die sieben Täler stellen Situationen, Chancen und Gefahren dar, in die der Mensch auf seinem Lebensweg hineingerät. Eines davon ist die Liebe, das schönste und mächtigste, aber auch das gefährlichste Tal. Man kann dabei seinen Kopf verlieren! Damit die Liebe gelingt, braucht es auch die anderen Täler: das Tal der Erkenntnis, der Einsamkeit, des Nichts, des Todes und des Staunens.

„Dann erscheint das zweite Tal. Wer dorthin gelangt, versinkt im Feuer. In diesem Tal war nichts außer Feuer. Wer nicht Feuer ist, wird seines Lebens nicht froh!                      Verliebt ist, wer wie Feuer warm, brennend und hochmütig ist. Er denkt nicht einmal an das Ende und übersieht hundert Welten mit dem Feuer. Er kennt nicht einmal Unglauben und Glauben, kennt nicht ein bisschen Zweifel und Gewissheit. Gut und Schlecht sind auf seinem Wege eins. [1]

Im Feuer versinken meint einen Zustand der existentiellen Dichte, welche die Grenzen zwischen den Verliebten aufhebt. Eine Nähe ist möglich, wird sogar bewirkt, die im normalen Zustand unangenehm wäre.

Die Rede der Nachtigall

„Wie die Liebe meiner Seele Kraft verleiht, dementsprechend aufgewühlt ist das Meer meiner Seele. Wer meine Leidenschaft sieht, verliert sich. Selbst wenn er sehr vernünftig ist, wird er betrunken...

Während nicht jeder mein Geheimnis findet, kennt die Rose bestimmt das Geheimnis der Nachtigall... Wenn die Rose herzerweichend blüht, lacht sie mich so wunderbar an.

Der Wiedehopf sprach: „Du bist dem Anblick verhaftet. Kokettiere nicht mit der Liebe zur Schönheit. Die Liebe zur Rose hat für dich viele Dornen. Obgleich die Rose viele Schönheiten hat, sind sie innerhalb einer Woche vergangen. Wenn die Liebe zu etwas vergänglich ist, bringt sie den vollkommenen Verdruss. Auch wenn dich das Lachen der Rose so anzieht, hat es dein klagendes Weinen zur Folge. Lass ab von der Rose, die jeden Frühling blüht. Denn sie lacht dich schamvoll aus, aber lacht dich nicht an".[2]

Dazu erzählt der Wiedehopf die Geschichte von der Prinzessin und dem Derwisch.

Ein Herrscher hatte eine Tochter so schön wie der Mond. Sie hatte eine Welt voller Verehrer und Verirrter...Ihn sie verliebte sich auch ein Derwisch. Als sie an ihm vorbeiging und ihn anlächelte, war es für ihn wie Feuer, dass ihm sogar das Brot, das er hatte, aus der Hand fiel. Dies hat sein Leben total verändert. Er wollte nur noch eines. Die Nähe der Prinzessin. Er schlief mit den Hunden an der Schwelle ihrer Kammer. Als die Diener dies bemerkten, beschlossen sie, ihm den Kopf abzuschlagen. Schließlich sagte ihm die Prinzessin, er solle verschwinden.  „Aber, warum hast du mich angelacht", fragte der Derwisch. Sie sagte: „Weil ich dich so unbeholfen fand, lachte ich über dich, du Ahnungsloser. Über dich zu lachen ist üblich, dich anzulachen ein Fehler. Nachdem sie das gesagt hatte, ging sie wie ein Rauch vorbei. Alles, was es ursprünglich gab, hatte sich in nichts aufgelöst."[3]

Man kann bei der Liebe den Kopf verlieren, zumindest die Hälfte des Vermögens.

„Alles, was es ursprünglich gab, hat sich in nichts aufgelöst"                                                          Ist die Geschichte vieler Paare, bei denen das Feuer, das einmal so hoffnungsvoll brannte, erloschen ist. Das Gefühl der Liebe, die Begeisterung für einander ist wie ein Rauch verflogen. „Ich empfinde nichts mehr für ihn" kann man hören. Seine Nähe ist mir schon zuwider!" Der Mensch, der einem einmal am wichtigsten war, kann mich am meisten verletzen. Dabei hatte alles  so hoffnungsvoll begonnen. Es sieht dann häufig so aus, dass man niur noch mit dem Rechtsanwalt miteinander spricht.. Es ist etwas vom Traurigsten, wenn das Jugendamt entscheidet, bei welchem Partner die Kinder bleiben, wieviel Prozent der Zeit für das Kind der Vater aufgrund seiner Tätigkeit haben darf. Ganz und gar stößt auf, dass bei dem, was am wichtigsten und kostbarsten ist, nämlich bei der bedingungslosen Liebe zum eigenen Kind mit Prozenten gerechnet wird, bzw. gerechnet werden muss. Wie muss es für ein Kind mit fünf Jahren sein,, wenn  es an der Tür dem anderen Elternteil übergeben wird und die  Eltern sich nicht einmal anschauen. Dies sind die Tragödien unserer Zeit, über die in den Medien kaum gesprochen wird. Es zeigt etwas von der Ratlosigkeit und Ohnmacht gegenüber der Macht des Emotionalen. Nicht nur die Kinder, auch die Eltern sind Opfer ihrer Gefühle und Vorstellungen.

Die wenigsten der Betroffenen sehen ein, dass es Hilfe gibt. Die meisten meinen, wenn die Ehe schon hinüber ist, brauche ich nicht mehr zur Eheberatung zu gehen. Der/die Psychologe/in kann mir auch nicht mehr helfen! Klügere dagegen haben die Einsicht, dass man an sich selbst eine Aufgabe hat und deshalb  gut ist, an sich selbst zu arbeiten.                                                                                                              Einmal steht das Wohl des Kindes im Vordergrund. Man tut ihm wesentlich Gutes, wenn die Eltern versöhnt sind, wenn trotz der Trennung mit Respekt vom Vater oder von der Mutter geredet und nicht hasserfüllt das Kind zum Verbündeten gegen den andern gemacht wird. Ein entscheidendes Ziel bei der Eheberatung ist deshalb: Versöhnt zusammenbleiben oder versöhnt auseinander gehen. Wichtig ist, dass sich die Emotionen beruhigen und Klarheit von dem je Eigenen herrscht. Der andere Grund, warum man sich einer Reflexion der eigenen Persönlichkeit unterziehen sollte, ist die eigene Zukunft. Wie werde ich mit der Situation fertig, ohne ständig zu heulen und zu jammern? Wie kann ich wieder Freude am Leben haben und dies den Kindern vermitteln? Wie kann ich mein Leben bewältigen?

Dazu kommt  die Frage nach einem neuen Partner bzw. Partnerin. Wer wird jetzt gewählt, wenn die alte Wahl verkehrt war? Die Liebe ist nicht etwas, was mit dem Kopf gemacht wird, sondern sie muss sich ereignen. Wer da ausgesucht wird, liegt gar nicht unmittelbar in der eigenen Überlegung.  Es ist eine eigene Instanz, die ohne unseren Willen aussucht. Auf sie kann man durchaus Einfluss nehmen. Dies  hat mit Selbsterfahrung zu tun nämlich, dass wir genauer unterscheiden: was zu einem passt, was nicht, vor allem Wer zu einem passt. Wer darüber mehr Eindeutigkeit und Sicherheit gewinnt, hat auch für eine bessere Zukunft gesorgt. „Beim nächsten Mann wird alles anders!" heißt ein Buch, das vor Jahrzehnten  von einer Psychologin geschrieben wurde.[4] Es kann besser werden, weil man älter und reifer geworden ist, wie man sagt, oder auch nicht. So viele tappen immer wieder in dieselbe Falle, weil die innere Struktur die entsprechende Wahl trifft. Erst wenn die sich verändert, hat ein neue Partnerschaft eine Chance.

Hier beginnt, wenn man es verstanden hat, der Aufbruch zum Inneren Weg, Gerade der Einbruch in ein ganz normales Leben kann Anlass für ein neues Lebenskonzept sein. Dies ist mit dem inneren Weg gemeint. Die Erzählung und das Theater „die Konferenz der Vögel" wollen diese neue Lebensmöglichkeit aufzeigen. Es geht weiter auf einer neuen Ebene  mit einem neuen Ziel,  auch wenn die Ehe gescheitert ist oder ein anderes Unglück z.B. der Tod alles Bisherige zerstört hat. Die Fragen, die  sich  bei Trennung, Auflösung der Familie, bei Verlust der Position, der Arbeit, bei Behinderung, bei chronischer Krankheit stellenkann nicht der Psychologe  auch nicht der Theologe beantworten,  aber ein guter Seelsorger oder Therapeut kann einem auf dem Weg  helfen,  sie zu  finden. C.G.Jung spricht von Individuation und meint damit eine Entwicklung der Persönlichkeit  in der zweiten Lebenshälfte, wo die inneren Werte die entscheidende Rolle spielen                                                                                                                                   Im Märchen ist es der Simorg, der sich im Herzen zeigt und zum Aufbruch auffordert. Wenn dein Herz von allem rein ist, beginnt das Licht Seines Wesens (des Simorghs) zu leuchten. Erscheint dieses Licht über dem Herzen, dann wird ein Wunsch in deinem Herzen zu tausend. Und wenn ein Feuer in deinem Herzen zu ihm aufflammt, wirst du aus Liebe zu ihm wie wahnsinnig und fliegst schmetterlingsgleich zum Feuer".[5]                                                                                                                                      Von Feuer ist die Rede, von der großen Sehnsucht, und dass man aus Liebe wahnsinnig wird. Gemeint ist eine Liebe, die in einer Partnerschaft nicht erfüllt wird, oder auch die eine Partnerschaft auf eine ganz neue Ebene stellen kann. In unserem Verständnis ist es der Weg der Selbstfindung, aber nicht die einer Wiederanpassung an das Bisherige, sondern, dass man über den Rahmen seines Denkens und Fühlens hinauswächst.

Was Liebe in einem ganz außergewöhnlichen Rahmen sein kann, davon berichtet die Lehrerin für Altenpflege Rosmarie Maier in ihrem Buch „Ich will dich doch erreichen[6]"

Sie machte in ihrer Arbeit mit Demenzkranken ungewohnte, sogar erschütternd schöne spirituelle Erfahrungen. Indem sie jede Einzelheit ihres Vorgehens beschreibt, lässt sie den Leser an ihrem Erleben teilhaben.                                                                                        Sie betritt den Aufenthaltsraum einer beschützenden Anstalt (sie schreibt nicht eines Altersheimes) und grüßt zunächst allgemein und nimmt dabei mit Einzelnen Kontakt auf.

Dann begrüßt sie Herrn S. mit seinem vollständigen Namen und reicht ihm die Hand. Völlig verblüfft darüber, fängt er sofort an zu weinen und sagt: Das gibt es doch nicht. Das kann ich doch gar nicht glauben". Diese Worte wiederholt er mehrmals.

Dann sagt sie: „Gell,  Sie sind ganz überrascht, dass zu Ihnen jemand kommt."

Er:" Ja" und weint.

Sie fragt. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

Er: „Ja freilich, ja freilich" und hält dabei ihre Hand ganz fest............

Sie spricht sanft weiter: „Gell, Sie weinen, weil Sie so bewegt sind und sich freuen".

Er: „Ja, das ist es", schaut ihr in die Augen und wird erst einmal ganz still.

„Was sind das für Augen, die mich so anstrahlen, vor langer Zeit hab ich solche Augen gesehen."

Sie behutsam: "Ja"?

Er: „Was ist das für ein Leuchten, ja so etwas hab ich noch nie gesehen, das Leuchten in diesen Augen; ja das gibt es doch nicht, was ist denn das?"

Er ist wie gebannt.

Plötzlich ist es ganz still am Tisch.

Immer wieder ruft er: „Was ist das für ein Leuchten, ja so etwas hab ich noch nie gesehen."

Sie fühlt, wie die Liebe durch sie hindurchfließt und sagt ganz erfüllt davon:

„Das ist ein Geheimnis."

Er: „Ja das ist wahr. Das ist ein Geheimnis."

Sie: „Das weiß nur einer."

Er: „Ja, das weiß nur einer"

Sie: „Der Herrgott."

Er: „Der weiß es".

Zärtlich berührt er mit beiden Händen ihre Hand, die er noch seit der Begrüßung hält.

Sie antwortet auf seine Berührung, indem sie sanft ihre zweite Hand auf seine Hände legt. Sie sitzen ganz innig da, er weint immer etwas lauter dabei.........

Dazwischen hört man die Bemerkung einer anderen Frau, er soll nicht so weinen...

Sie(Autorin) sagt: „Sie weinen vor Dankbarkeit und Freude."

 

Er:  „Ja, das ist es."

Sie sagt ihm, dass sie auch sehr dankbar sei und sich freue, und fragt ihn, ob sie zusammen „Großer Gott wir loben dich" singen wollten.

Er sagt weinend:  „Ja."

Sie stimmt das Lied an und sie singen: „Großer Gott wir loben dich" und halten sich gegenseitig an den Händen.

Alle andern am Tisch singen nach den ersten Worten von sich aus mit, viele mit strahlenden Gesichtern und leuchtenden Augen. Der Aufenthaltsraum ist erfüllt von einer heiligen Stimmung.

Nach dem Singen verabschiedet sie sich von Herrn S., der sie mit einem warmen Blick ansieht und dabei anerkennend sagt: „Das ist ein richtiger bayerischer Händedruck."

Sie wünscht ihm alles Gute und dankt ihm von Herzen für diese Begegnung. 

Die Autorin bemerkt dann, dass sie voller Dankbarkeit, Ehrfurcht und Demut von Herrn S. weg ging, so sehr bewegt, dass sie unmittelbar danach zu Boden sinken wollte, um Gott zu danken.

Die Worte des alten Mannes „Was ist das für ein Leuchten in deinen Augen" hatten sie zutiefst berührt. Sie fühlte sich innerlich so bewegt, dass sie selbst nicht verstand, was gerade geschehen war. Sie sagt wörtlich:

 

„Ich war in die Liebe eingetaucht, wie in ein umhüllendes Licht-wir beide waren eingetaucht. Diese göttliche Kraft floss zwischen uns hin und her, das spürte ich deutlich. Ich ließ zu, was da war: meine Sprachlosigkeit und eine tiefe, innere Nähe und gleichzeitig die Wahrnehmung, dass ich vor Dankbarkeit und Freude hätte weinen können. Ich merkte, wie stimmig und stärkend auch für mich selbst das Singen des Liedes „Großer Gott wir loben dich" war.

In diesem Augenblick ist die Energie zusammengeflossen spürbar durch die Verbundenheit mit allen in diesem Raum. Für mich eine heilige Messe." [7]

Der Bericht sagt, was man kaum hört, dass es eine Liebe gibt jenseits von Erotik und Sex, sogar im Alter und in der Demenz. Dass Liebe gelingen kann über die Täler der Erkenntnis, der Einsamkeit, des Nichts und des Todes hinaus..Sie das Ergebnis des  inneren Weges, den die engagierte Frau  gegangen ist.

 

 


[1]Farid du-Din  Attar, Die Konferenz der VögelWiesbaden 2008  S.142

[2] Ebenda ,44

[3] Attar,44

[4] Eva Heller, Beim nächsten Mann wird alles anders, thaliaVerlag 1987

[5] Attar, 138

[6] Rosmarie Maier, Ich will dich doch erreichen" Begegnungen mit demenzkranken Menschen ermöglichen München 2009

[7] Rosmarie Maier, 80-86