Was ist Erleuchtung?

Gott ist innen: Erfahrung vor Belehrung

“Im Jahre des Herrn 1654, Montag, den 23. November, von ungefähr halb elf abends bis ungefähr halb eins in der Nacht: Feuer. Gott Abrahams, Gott Israels, Gott Jakobs, nicht der Gott der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Freude, Friede. Gott Jesu Christi. Er wird nur gefunden auf den Wegen, die im Evangelium gelehrt werden. Tränen der Freude.
Ich hatte mich von ihm getrennt. Ich bin vor ihm geflohen, ich habe ihn verleugnet, gekreuzigt. Dass ich nie mehr von ihm getrennt werde. Hingabe an Jesus Christus”. (1)
Bei diesen Worten handelt es sich um das so genannte Mémorial des Philosophen Blaise Pascal (+1663). Es war auf Pergament geschrieben und wurde nach seinem Tod in seine Kleider eingenäht gefunden. Es muss ihm anscheinend so viel bedeutet haben, dass er jeden Tag seines Lebens an dieses große Ereignis erinnert werden wollte.
Im Zentrum steht eine Erfahrung, die nur mit dem Begriff “Feuer” auszudrücken ist, für die meisten ist dies zunächst völlig unverständlich. Ich werde erinnert an den Bericht einer Frau über ein Jugenderlebnis. Es war nach dem Abitur. Als sie allein spazieren ging, hatte sie plötzlich die Empfindung zu brennen. Dieses Erlebnis war so überwältigend, dass sie beim Erzählen 20 Jahre später noch in Tränen ausbrach.
Sie konnte damit nichts anfangen, konnte es nicht einordnen, aber auch nicht vergessen. Sie wusste nicht, ob es Zeichen einer angehenden Psychose war oder ob es mit dem Religiösen zu tun hatte. Ihr geistlicher Onkel, den sie befragte, sah darin ein Zeichen, ins Kloster zu gehen. Das konnte sie aber nicht, was sie noch mehr unter Druck setzte. Den Bogen vom Feuer in sich zum brennenden Dornbusch und zum Gott Abrahams, Gott Israels und Gott Jakobs (Ex 3,1-6) fand sie nicht. Es gab keinen Priester oder geistlichen Begleiter, der ihr hätte aufzeigen können, dass durch dieses Ereignis Gott mit ihr eine bewusste Geschichte wie mit Moses beginnen wollte. Heute herrscht im Raum der Kirche die große Klage, dass Gott sich zurückzieht, dass man nur mit Mühe über ihn reden kann. Andererseits wird seine Erscheinung in unserer Zeit nicht wahrgenommen bzw. werden Menschen, denen sie zuteilwird, nicht ernst genommen.

Erleuchtung ist ein Erlebnis, wo man eher Zuschauer ist als Mitwirkender. Es geschieht etwas mit einem, ohne dass man es geplant oder absichtlich herbeigeführt hätte, völlig unerwartet ohne unser Zutun.
Ein Mann schildert sein Erleuchtungserlebnis mit folgenden Worten: "Es war als ob sich alles Leid und alle Ängste meines bisherigen Daseins zusammenballten, als ob mir der Boden unter Füßen weggezogen wäre und als ob sich mein Ich in nichts auflösen würde. Im weiteren Verlauf des Kurses öffnete sich ein innerer Raum, dessen Kräfte mich wie ein Erdbeben schüttelten, beängstigend und beglückend zugleich. Ich wurde aus dem Rahmen der bisher gültigen, aber nicht mehr tragenden Vorstellungen und Überzeugungen hinausgeschleudert, und doch wusste ich, dass es so richtig war. Ich begann zu begreifen, dass in mir eine alte Welt gestorben und eine neue im Werden war und dass sich in dieser Gewalt aus der Tiefe Gottes Nähe verbirgt".

Diese Erfahrungen und vieler anderer sagen: Es gibt einen Erlebnisgrund jenseits der Emotionen, von Sympathie und Antipathie, von Sexualität und Aggressivität. Dieser übersteigt an Intensität alles andere. Ausdruck dafür ist, dass als erstes dem Betroffenen das Wort “Feuer” kommt – es ist die höchste Energie, das nicht mehr zu überbietendes Erleben. Dies heißt aber: Gott ist innen. Er ist in der Tiefe der Existenz! Was die Menschen heute suchen ist Erfahrung, nicht Belehrung!

Die Frage bleibt: Wie war das in den Ursprüngen des Christentums?
Ohne Zweifel hatte Jesus Erleuchtungserlebnisse. Jesus sah nach seiner Taufe "den Himmel sich öffnen” (Mk 1,10). Der Geist treibt ihn sofort in die Wüste. Dies bedeutet, dass das Erlebnis so stark war, dass er nicht mehr zu seinem Dorf und zu seiner Verwandtschaft zurückkehren konnte. Es öffnete sich der Himmel, aber auch die Hölle – er wurde vom Satan versucht und war bei den wilden Tieren – ein Bild dafür, dass er sich mit den dunklen Anteilen seines Menschseins auseinander setzen musste.
Erleuchtungserlebnisse sind der Beginn von Wandlungsprozessen. Neue Kräfte der Seele tauchen auf, müssen erst geordnet werden, aber füllen das Bewusstsein eines Menschen mit neuen Inhalten.
Nach einem Spruch im Zen sieht einer, der Satori- Erleuchtung hat, in einer Mauerblume die Schönheit der ganzen Welt. Es wurde auch gesagt, dass ein Erleuchteter einen Standpunkt einnimmt, der über den Emotionen aber nicht ohne sie ist, der die totale Fülle und Intensität des Erlebens einschließt. Auf diesem Hintergrund dürfen wir die Bergpredigt Jesu betrachten. Er sieht in einer einzigen Wiesenblume mehr Schönheit als in einem orientalischen Märchenschloss, in der Pracht Salomons. Aus der absoluten Fülle kann er auch noch das letzte Hemd hergeben, sogar dem, der ihm den Rock nimmt; aus einem Standpunkt jenseits von Sympathie und Antipathie, kann er auch den Feind lieben.
Ein anderes Beispiel für Erleuchtung und Wandlung ist der Apostel Paulus. Er hatte ein Erlebnis, das ihn umwarf, jenes Ereignis von Damaskus, wo er ein Licht sah und eine Stimme hörte.
Seine Briefe werden etwas verständlicher, wenn wir das Erleuchtungserlebnis und den anschließenden Wandlungsweg mit berücksichtigen. Er nennt es Rechtfertigung, sein in Christus, Neue Schöpfung, Tod und Auferstehung, was er in der Zeit seiner Wandlung durchgemacht hat. Es lässt sich nachweisen, dass alle Eigenschaften, die Dürckheim der Erleuchtung zuschreibt, nämlich Überwindung der Angst, die innere Fülle, die universale Liebe und die überweltliche Ordnung in seinen Schriften zu finden sind. Ein Beispiel: “ Seinetwegen (um Christus Willen) habe ich alles aufgegeben. Ich erachte alles als Verlust, als Mist, um Christus zu gewinnen und mich in ihm zu befinden!” (Phil.3,8-9). Der japanische Zenmeister Yamada Koun würde sagen: Hinter diesen Worten steht ein großes Satori!
Das Bewusstsein des Mittelalters war bei aller Dunkelheit an den schöpferischen Sinngrund angeschlossen und die heutigen Hochreligionen des Fernen Ostens sind dem mittelalterlichen Stand des Christentums vergleichbar. Es lohnt sich, die Berührungspunkte von Ost und West aufzuspüren. Wer selbst von Gott berührt wurde und die intuitive Schau der Wesen kennt, entdeckt sehr bald Verwandtes in der fremden Kultur. Es fällt auf, dass bei großen japanischen Zen-Meistern der hl. Franziskus sehr bekannt ist und als einer gilt, der das große "Satori" - die Erleuchtung gefunden hat. Leicht lassen sich Parallelen finden zwischen dem Geist des Sonnengesangs” und östlicher Weiser. Suzuki zitiert Bankai, einen großen, japanischen Zen­meister mit seiner Sicht vom ”Ungeborenen”. Dieser lehrt, dass die Erfahrung, einen Vogel singen zu hören, eine Blume blühen zu sehen, auf das Vorhandensein des "Ungeborenen” in uns zurückzuführen sei. Es ist aufs engste mit der Erfahrung des Satori, der Erleuchtung, der "unio mystica” verbunden. Die Nähe zum Ungeborenen würde jenem inneren Erleben entsprechen, das Franziskus mit den Worten ausdrückt: "Höchster, erhabenster, gütiger Herr!” Wir dürfen vermuten, dass der buddhistische Weise mit dem Hören eines Vogels und dem Sehen einer Blume ein ähnliches Empfinden meint, wie es der Heilige von Assisi bei der Abfassung des Sonnenliedes hatte. Erleuchtete sagen, dass sie in einem Vogelruf die schönste Symphonie hörten und in einer einzigen Mauerblume alle Schönheit dieser Welt sähen.

Es ist die Berührung mit der Wurzel aller Dinge. Es ist durchgängig bei allen Sinnerfahrungen Erleuchteter. Deshalb kann Franziskus zu den Elementen, die der Mensch sonst nur zu beherrschen versucht, Bruder und Schwester sagen. Ein Hinweis dafür ist jener Satz bei Thomas von Celano, wo es heißt: „Auf wundersame, anderen verschlossenen Weise fand er Zugang in das Geheimnis der Dinge - ein Mensch, dem die herrliche Freiheit der Kinder Gottes“ (Röm 8, 21) gegeben war ” (2).

Mit dem Sonnengesang des hl. Franziskus dürfte auch ein kurzes Gedicht des japanischen Dichters Basho (1644—1694) zu vergleichen sein, das Suzuki ebenfalls anführt und seine Interpretation anfügt:

Wenn ich aufmerksam schaue,
Sehe  ich die Nazuna
An der Hecke blühen!” (3)

Das Gedicht drückt Bewunderung und Freude über eine ganz unscheinbare Blume aus. Der Dichter kann aus jedem Blütenblatt das Geheimnis des Seins und des Lebens lesen. Für Daisetz Suzuki ist sicher, dass sich damals im Herzen des Dichters ein Gefühl regte, in etwa mit dem verwandt, das Christen göttliche Liebe nennen und das bis in die Tiefe des kosmischen Lebens reicht. Sehr nahe liegt es, hier an die Lilien des Feldes zu denken und ihre Schönheit und Pracht, wie sie nicht einmal Salomo besaß ( Mt 6,28—30).


Anmerkungen
1)zit. nach Huub Oosterhuis, Im Vorübergehen, Wien 1969, 18.

2) Thomas von Celano, Lebensbeschreibung, 29.Kapitel, 15, zit. nach O. Karrer, Legenden und Laude, Zürich 1986  (S.102 )

3)Erich Fromm/Daisetz Suzuki/ Richard de Martino, Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, Frankfurt/M 1979,31.