Träume – Hoffnung für das Leben

Die bedrohte Hoffnung

"Rätselhafte Verzweiflung" war die Überschrift zum Kommentar einer Fernsehreihe (1). Dahinter verbirgt sich die erschütternde, aber kaum beachtete Tatsache, daß die zweithöchste Todesursache von jüngeren Menschen die Selbsttötung und daß die Zahl derer, die sich das Leben nehmen, weitaus die der Verkehrstoten übersteigt. Jeden Tag bringt sich ein Kind oder Jugendlicher um, heißt es weiter in dem Artikel. In der ausgestrahlten Sendung sei es der Filmemacherin gelungen, diesem beängstigenden gesellschaftlichen Problem auf die Spur zu kommen. Aber trotz aller Antworten und Erklärungsversuche bleibe letztlich ein Rätsel, warum schon Kinder freiwillig aus dem Leben scheiden.

Selbst wenn wir die Hintergründe dieser erschreckenden Erscheinung nie ganz erhellen werden, dürfte doch eines feststehen: das Verhalten der Kinder ist im Wesentlich Reaktion auf das Klima, in dem sie leben. Finden junge Menschen einen Raum vor, in dem sie willkommen sind und wo ihnen Freude am Leben vermittelt wird, oder stoßen sie auf Ablehnung, Kälte, Interesselosigkeit an ihrem Schicksal und auf Erwachsene, die selbst das Leben als Last empfinden - an derlei Vorgaben entscheidet sich ihre Grundeinstellung zum Dasein: ob sie dem Leben, den Menschen und Gott trauen können oder ob sie Mißtrauen entwickeln gegen alles, was von außen und von anderen kommt.

Im Grunde geht es darum, ob in der Welt der Erwachsenen, in deren Handlungen und in jedem gesprochenen Wort die Hoffnung wie selbstverständlich mitschwingt oder ob eine bedrückende und lähmende Atmosphäre Hoffnungslosigkeit verbreitet, ähnlich einer ansteckenden Krankheit, der die Schwächeren als erste erliegen.

So ist die Vermutung durchaus begründet, daß die Verzweiflung der Kinder und Jugendlichen in der Hoffnungslosigkeit der Erwachsenen ihre Ursache hat. Wenn von jenen, die mitten im Leben stehen, - oft ohne Worte - vermittelt wird: es lohnt sich nicht zu leben, so wird verständlicherweise den Jüngeren der Mut genommen, das Eigene zu riskieren.

Um dem angesprochenen Problem nur annähernd gerecht zu werden, ist es also notwendig, die Welt der Erwachsenen auf Hoffnung bzw. Hoffnungslosigkeit hin anzuschauen, vor allem aber Ansätze zu finden, wodurch Hoffnung gegen alle Widerstände von außen geweckt werden kann, selbst in einer Umgebung, die von Verzweiflung geprägt ist.

Ohne Zweifel leidet die heranwachsende Generation am nichtgelungenen gemeinsamen Leben der Eltern. Es wäre aber falsch, hier große Anklagen zu erheben, Es gibt Ausweglosigkeiten, deren Bewältigung die Betroffenen überfordert. Die Lage hat sich oft so zugespitzt, daß weder erträgliches Zusammensein noch vernünftige Trennung möglich zu sein scheinen.

Eine Frau drückt diese Not so aus:

"Ich müßte meinen Mann verlassen; das Leben hier lähmt mich total, laugt mich aus; läßt alle schöpferischen Impulse ersticken; nimmt die Lebensfreude... Ich weiß, ich bin am falschen Platz... und trotzdem schaffe ich es nicht zu gehen... mich von meinem Mann zu trennen - weil er mir leid tut; und weil ich seine vorhersehbaren Reaktionen den Kindern ersparen möchte; meine Vorstellung, friedlich und fair auseinander zu gehen - mit Dankbarkeit und gegenseitigem Respekt trotz des Scheiterns ist vielleicht gar nicht zu erfüllen; so bin ich halt immer noch da; versuche immer wieder das Gespräch; ... manchmal versteht er sogar - aber immer nur im Moment. Dann ist wieder alles beim alten".

Es ist ein Hilferuf nach Einsicht und nach einer klaren Entscheidung. Niemand kann dieser Frau - die für Ungezählte steht - von außen sagen, was richtig ist. Was noch dazu kommt: die bloße Erkenntnis reicht nicht, es braucht dazu auch die Kraft, die Entscheidung auszuführen und durchzutragen.

Bei seelsorglichen Gesprächen zeigt sich aber häufig, daß das Problem gar nicht der oder die andere ist, sondern daß eine tiefgreifende Erschütterung Menschen aus ihrer moralischen Fassung geworfen hat; ein Zustand, wo sie so von Ängsten geplagt sind, als ob der Boden des bisherigen festen Gefüges ihrer Grundüberzeugungen durchgebrochen sei.

Gläubige Menschen beginnen in solchen Situationen zu beten. Es gibt viele Beispiele dafür, daß bedingungsloses Vertrauen in Gottes Führung nicht vorstellbare Lösungen gebracht hat. Aber was ist, wenn gerade diese Substanz des Glaubens, den sich andere bis in die Krise bewahrt haben, fehlt? Wenn auch im religiösen Bereich wie im zwischenmenschlichen nichts mehr fließt, nichts mehr zurück kommt, wenn man vor einem Gott steht, der genauso stumm ist wie der eigene Ehemann oder die Ehefrau? Auch treuen und eifrigen Christen erscheint oft alles ausgebrannt, die ganze Welt des Glaubens ist hohl und leer geworden. Für viele wäre es glatter Hohn, in solchen Momenten zum Gebet aufgefordert zu werden. Im Hinblick auf das Religiöse herrscht heute auf breiter Ebene tatsächlich lähmende Ratlosigkeit bei Kirchenfernen ebenso wie bei kirchlich Engagierten.

Es wäre falsch zu meinen, der moderne Mensch habe den Sinn für Religiöses verloren. Dagegen spricht das große Interesse an den Religionen anderer Kulturen, besonders Asiens und der Naturvölker Amerikas und Australiens. Esoterik heißt das Stichwort, unter dem alles, was mit irrationalen Erfahrungen zu tun hat, ob Meditation, Erleuchtungserlebnisse oder Horoskope und vieles andere Ungewohnte, zusammengefaßt ist. Eine bekannte Tatsache ist, daß Verlage und Buchhandlungen, die sich auf diesen Bereich spezialisiert haben, einen ungeahnten Aufschwung erleben, während die traditionellen katholischen Verlage schwer um ihre Existenz ringen oder schon längst schließen mußten. Man schätzt, daß sich etwa so viele Menschen mit "Esoterik" beschäftigen wie es noch praktizierende Christen gibt. Hier sei das Beispiel einer Frau erwähnt, die während eines Kurses gestand, die Sehnsucht nach Gott habe sie wie ein Schmerz überfallen; daß sie mit diesem Problem aber nirgends ankomme. Viele empfinden ähnlich. Ihnen sagen die kirchlichen Angebote, Gottesdienste, Predigten, am allerwenigsten die Beichte nichts mehr, lautet das einstimmige Urteil. Es fehlt nicht an gutem Willen, aber die Zugänge zu den Quellen des Religiösen sind verschüttet; sie werden auch gar nicht mehr in der Kirche gesucht. Nur so ist der gewaltige Zulauf zur Welt der Esoterik zu erklären.

Wer sich als Haupt- oder Ehrenamtlicher für die Kirche engagiert, muß häufig nach Jahren des Abmühens feststellen, daß er ständig wie gegen Windmühlen kämpft, daß der allgemeine Strom auch noch das Wenige, das er aufgebaut hat, wegzureißen droht.

Dazu das ständige Unbehagen, immer wieder hört man Stimmen von Unzufriedenen und Suchenden, die sich in dieser Kirche nicht wohl fühlen, denen ihr Rahmen zu eng geworden ist. Der Ruf nach Veränderung, nach Reform der Strukturen, nach Geschwisterlichkeit auf der Basis von Ebenbürtigkeit statt Hierarchie verstummt nicht. Außenstehende können den innerkirchlichen Streit nicht verstehen und erwarten zurecht, daß man sich mehr um die Probleme der Menschen von heute kümmert. Aber kann man einfach aus einem festgefahrenen Konflikt aussteigen und eigene Gefühle überspringen? Wenn man selbst zutiefst in ungelösten Schwierigkeiten mit Oberen, mit Kollegen, mit der eigenen Familie verwickelt ist, woher dann die Kraft nehmen zu neuer Motivation?

Der Aufruf zu noch größeren Anstrengungen klingt geradezu absurd angesichts der Tatsache, daß man kirchlich Engagierten begegnet, die nach jahrelangem selbstlosen Einsatz für Hilfsbedürftige, für Asylanten oder Notleidende der Dritten Welt einfach nicht mehr weiter können, denen Elan, Lust und Wille zum Dienst verloren gegangen sind. Darunter sind nicht wenige Priester und Seelsorger/innen, deren Freude an Beruf und Glauben erloschen ist, und die bisherige Askese mit ihren Idealen und Überzeugungen greift nicht mehr.

 

Der Sitz der Hoffnung - die unbewußte Seele

Die Grenze zur Hoffnung wird dann überschritten, wenn man in einer anscheinend ausweglosen Situation auf feste Grundüberzeugungen zurückgreifen kann, zum Beispiel auf das Vertrauen, daß das Gebet hilft - wie immer diese Hilfe aussehen mag. Aber wie ist es, wenn Glaube und religiöses Tun selbst schon längst zum Problem geworden sind?

Ratlosigkeit und Resignation im Raum der Kirche haben - so darf man vermuten - ihren Grund im wesentlichen darin, daß der Fall des totalen Zweifels in der theologischen Ausbildung nicht vorgesehen ist. Das verstandesmäßige Durchdringen der von Gott geoffenbarten Wahrheiten und die Verkündigung unserer Hoffnung setzt den ungebrochenen Glauben der Verkünder voraus, der aber vielfach abhanden gekommen ist. Und selbst wenn die eigene Überzeugung noch nie in Frage gestellt war, kann sie noch lange nicht durch bloßes "Zeugnisgeben" oder Zureden einen anderen Menschen aus seiner existentiellen Not herausholen. Ist  keine seelische Verbindung vorhanden, bauen die vorgebrachten Argumente sogar Barrieren auf. Deshalb ist es die erste und wichtigste Aufgabe, entsprechend umgehen zu lernen mit der Gegebenheit, daß der Glaube an Gott und an die Menschen geschwunden und die Hoffnung erloschen ist.

Diese Frage hat C. G. Jung schon vor mehr als 60 Jahren angesprochen: "Was wird aber, wenn er (der Arzt) nur allzudeutlich sieht, woran sein Patient krankt, daß er nämlich keine Liebe hat, sonder bloß Sexualität, keinen Glauben, weil ihn die Blindheit schreckt, keine Hoffnung, weil ihn Welt und Leben desillusioniert haben, und keine Erkenntnis, weil er seinen eigenen Sinn nicht erkannt hat?" (2)

Jung stellt heraus, daß diese Grundhaltungen an das Erleben geknüpft sind, das man nicht willentlich herbeiführen, dem man sich aber nähern kann. Es gibt Wege, die in die Nachbarschaft des Erlebnisses führen, die aber ohne den unbedingten Einsatz der ganzen Persönlichkeit nicht wirksam werden können. Gerade die Krise Hochmotivierter und Engagierter zwingt dazu, die Problematik auf einer ganz anderen Ebene als die der moralischen Appelle und des gegenseitigen Anklagens zu lösen. Es geht vielmehr darum, an die Voraussetzungen, welche das Erleben und Verhalten eines Menschen bestimmen, heranzukommen und sie zu verändern.

Bei den angesprochenen Ratlosigkeiten zeigt sich, daß der Intellekt mit seinem eingeschliffenen Denkrahmen nicht mehr weiter weiß.

Die Tiefenpsychologie sagt auf Grund ihrer Forschung und ihrer Heilungserfolge, daß Verstand und Wille allein nicht den ganzen Menschen ausmachen und daß es Bereiche gibt, die dem rationalen Zugriff entzogen sind

 

Unsere Seele:  ist größer als wir selbst

Außerhalb unseres Alltagsbewußtseins gibt es Ressourcen in uns, die neue Ideen und neue Kräfte enthalten, Quellen des seelischen Lebens. Als Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme kann die verbreitete Erfahrung gelten, daß uns der Schlaf eine gewisse Klarheit bringt, daß am Morgen manche Dinge anders aussehen als am Vorabend. Vieles, was am Tage zuvor noch unlösbar schien, wirkt weniger bedrohlich und weniger bedrängend. Mancher Ärger und manche Angst ist geschwunden. Wir können die Dinge gelassener betrachten. In der Nacht geschieht etwas mit uns; es ist eine andere Instanz am Werk ähnlich wie beim körperlichen Wachstum und bei der körperlichen Genesung. Ein weiterer Hinweis auf die Existenz dieses Bereiches, den die Tiefenpsychologie das Unbewußte nennt, ist die Eigentätigkeit oder Autonomie unserer Gefühle. Es wird niemand gelingen, sich absichtlich in einen anderen Menschen zu verlieben; ebensowenig können wir Antipathien gegen andere mit dem bloßen Willen auslöschen, im besten Fall können wir sie für längere Zeit unterdrücken. Wenn die Energie der Beherrschung fehlt, brechen sie dann doch wieder hervor, 

Die Gefühle folgen wie das Wasser einem einmal eingegrabenen Flußbett. Um sie zu verändern, genügt es nicht, - um im Bild zu bleiben - den Fluß abzusperren, - in der willentlichen Beherrschung - sondern man muß dem Wasserlauf eine neue Rinne graben. Wie sehr die unbewußte Seele von sich aus Glück und Unglück bestimmt, erleben täglich Ungezählte, wenn sie hilflos und ratlos einer gescheiterten Ehe gegenüberstehen oder umgekehrt, wenn das Gelingen gemeinsamen Lebens als großes Geschenk empfunden wird.

Es sollte nachdenklich stimmen, daß wir nur sehr wenig über die Seele wissen, gerade über jenen Bereich, wo die Quellen und die Hindernisse für unsere Hoffnung liegen. Er ist wesentlich größer als wir meinen, prägt unsere Persönlichkeit und beeinflußt unsere Entscheidungen weit mehr, als wir mit unserem kleinen Ich vermögen; zu vergleichen mit einer Insel, welche in die endlose Fläche des Ozeans eingetaucht ist. Wir können nur dann Einfluß nehmen auf eine dauerhafte und tiefgreifende Wandlung unseres Schicksals und das vieler anderer, wenn wir uns mit den heilenden und ordnenden Kräften des Unbewußten verbünden. Diese sind es, die das Erleben und Denken eines Menschen erhellen oder verdunkeln, die über Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit entscheiden.

 

Träume - Briefe der Seele

Die Frage bleibt: Wie können wir Zugang finden zu jenem Raum unsere Seele, wo noch ein Funken Hoffnung verborgen ist und wie können wir ihn zum Feuer entfachen, das den ganzen Menschen durchglüht?

Bekannt ist, daß Sigmund Freud mit Hilfe der Träume begonnen hat, das Unbewußte zu erforschen. Die Arbeit mit Träumen legt am unmittelbarsten ein seelisches Problem offen und führt am fruchtbarsten zu einer Lösung. Was Freud und seine Nachfolger über die Bedeutung und die Funktion der Träume entdeckt haben, war zumindest in Ansätzen Allgemeingut der Weisen des Altertums. Aus dem Talmud, einer jüdischen Schrift des zweiten Jahrhunderts stammt der Satz: Träume sind Briefe der Seele an uns. Schade, daß sie nicht gelesen werden.

 

Wende der Aufmerksamkeit

Nun ist es tatsächlich so, daß nur die wenigsten Menschen sich Zeit und Mühe nehmen, auf ihre Träume zu achten und deren Botschaft zu verstehen versuchen. Dies nicht nur, weil das Innere der Seele im allgemeinen als unwichtig gilt und ohne Schaden, wie man meint, vergessen werden kann, sondern weil bloße Neugierde nicht ausreicht, um die Geheimsprache der Träume zu entschlüsseln. Es bedarf dazu fachkundiger Anleitung und des vollen und restlosen Einsatzes der Persönlichkeit. Solches Engagement bringen Menschen meist nur dann auf, wenn sie durch eine Notlage dazu gezwungen sind. Erst der Leidensdruck öffnet die Augen für Wirklichkeiten, die wir sonst nie beachten würden, für jene Vorgänge in der Tiefe unserer Seele, wo die entscheidenden Weichen für unser Glück oder Unglück gestellt werden.

Der schon erwähnte volle und restlose Einsatz der Persönlichkeit muß etwas erläutert werden. Um den Botschaften der Nachtseite in uns, wo die Selbstheilungskräfte am Werk sind, gerecht zu werden, ist eine Änderung der geistigen Einstellung unerläßlich. Der beklagte seelische Stillstand hat darin seinen Grund, daß man bisher alle Lösungen außen gesucht hat: die Verhältnisse wären schuld und die Menschen müßten sich ändern, vor allem der persönliche oder politische Gegner. Man macht Pläne, die fehlschlagen, bis man zu der niederschmetternden Einsicht kommt, daß es nicht mehr weiter geht in der Ehe oder im Beruf. Wenn man den Sinn der Träume wirklich ernst nimmt und Zugang zu ihrem schöpferischem Reichtum, zu den verborgenen Schätzen der Seele finden will, gelingt das am ehesten, wenn man die Aufmerksamkeit dem ganz Persönlichen zuwendet; es ist eine Einkehr und Umkehr erforderlich, die sich wie folgt beschreiben läßt: den Schwerpunkt, die Erwartungen und Anstrengungen von außen nach innen, von der Theorie zum Existentiellen, vom aktiven, angestrengten Planen und Machen zur Ebene des Erleidens und des Sichbetreffenlassens zu verlagern. Das hat nichts mit Selbstquälerei und Masochismus zu tun, ebensowenig ist der Vorwurf berechtigt, es handle sich hier um den Luxus der Selbstbeschau und Selbstverwirklichung, den man sich im Hinblick auf die Probleme der Zeit nicht leisten könne. Tatsächlich geht es um eine kritische Bestandsaufnahme der inneren Befindlichkeit, die ja als ständig geäußerte Unzufriedenheit z.B. oder als Zuversicht die allgemeine Stimmung beeinflußt. Gerade die Welle der Esoterik zeigt auf, wie sehr das Innere der Seele zu faszinieren vermag und wie wichtig ein gangbarer Weg dorthin in Verantwortung und kritischer Selbstreflexion ist. Wer sich für eine durchgreifende Wende im persönlichen Leben wie in der Öffentlichkeit einsetzen will, muß zunächst in der Tiefe der eigenen Seele beginnen. Im Traum steigen wir tatsächlich in unterirdische Gebäude und Höhlen, um diese zu erkunden und Schätze zu finden.

Gerade bei Entscheidungen für ein ganzes Leben sollte man den seelischen Hintergrund genauer anschauen und der inneren Entwicklung Raum geben. Bei entsprechender Wachheit für das Richtige werden sich Dinge von selbst ordnen. Diese alte Weisheit hatte bei den Naturvölkern Geltung; der Häuptling erfuhr über die Träume, was für die Jagd, den Anbau, für Krieg und Frieden wichtig war.

Beispiele für die Notwendigkeit des zeitweiligen Rückzugs und des Innenwegs geben die Stifter der Weltreligionen, sowohl des Christen- und Judentums, als auch des Buddhismus und Hinduismus.

Der durchschlagendste Beweis, daß die Hinwendung zum Innern, zur Stille, zu Gebet und Selbstreflexion politisch nicht wirkungslos bleibt, ist Mahatma Gandhi, der einen ganzen Subkontinent von kolonialer Herrschaft befreite. Allerdings war sein Weg nicht die Arbeit mit Träumen, sondern das Fasten.

Er wehrte sich dagegen, sein Fasten als Hungerstreik zu bezeichnen, vielmehr war es für ihn etwas Heiliges, etwas zwischen Gott und Mensch. Er fastete nicht gegen jemand, "Gegen Tyrannen kann man nicht fasten",  sondern um den Funken der Hoffnung und des Mutes in sich zu wecken und zu einer neuen Sicht der Dinge zu gelangen. Auf diese Weise überwand er verhärtete Positionen und konnte gewaltlos seine Ziele erreichen. Wie kaum an einem Großen der Weltgeschichte wird hier eine Dynamik spürbar, die sich dem rationalen Kalkül, aber auch den politischen Ideologien entzieht.

Dasselbe meint Jung, wenn er davon überzeugt ist, daß alle großen Wandlungen zuerst im einzelnen stattfinden und daß wir in unserem privatesten und subjektivsten Leben nicht nur die Erleider, sondern auch die Macher einer Zeit sind. Es gibt einen Punkt in uns selbst, wo wir Weltgeschichte machen, ohne es zu merken. Er ist zugleich das Allersubjektivste, die Quelle unserer Existenz und unseres Daseins.

Nicht umsonst bringen Träume das Motiv der Wandlung; z. B. wir bringen (im Traum) Gegenstände in die Kirche, die dort gewandelt werden sollen. Häufig steht auch der Ablauf der Messe, deren Höhepunkt im katholischen Verständnis die Wesensverwandlung  (Transsubstantiation) ist, für den Wandlungsprozeß des(r) Träumers(in). Wandlung ist etwas anderes als Veränderung, welche auf eigenen Vorstellungen und Plänen beruht, - und wo wir dann oft nicht mehr weiter wissen.

Erschwerend kommt dazu, daß wir immer andere Menschen oder die Umstände verbessern wollen, nur nicht uns selbst. Wandlung hingegen ist ein Prozeß,  in dem wir selbst anders werden, die Dinge anders sehen, anders denken und handeln lernen.

Das Klima der emotionalen und spirituellen Leere und der existentiellen Verunsicherung läßt sich nur dann überwinden, wenn jeweils die eigene Not erkannt und die ganz persönliche Krise ausgetragen wird. Die Lösung hängt wirklich am "Eigenen", weil hier der Wendepunkt sitzt. Es ist auch eine Wahrheit, die viel zu wenig beachtet wird: Wer immer den Durchgang bei sich geschafft hat, für den öffnen sich auch die Kanäle nach außen, wo die neugewonnene Lebendigkeit und Hoffnung fließen kann.

Um noch einmal auf die großen Gestalten der christlichen Geschichte zurückzukommen: Niemand wird leugnen, welche Ausstrahlung der hl. Franziskus für die Welt des Mittelalters hatte, und sogar in unserer Zeit noch hat; Kritiker und Verfechter des Christentums anerkennen gleichermaßen seine Einstellung zur Schöpfung und seine mystisch - spirituelle Kraft als echte Alternative für die bestehenden beklagten Verhältnisse. Es sollte aber nicht vergessen werden, daß der Weg dorthin nicht über Lobreden und willentliche  Nachahmung geht, sondern einen ähnlichen Prozeß braucht, wie ihn Franziskus vollzogen hat. Seine Geschichte begann mit Innenerfahrung und Träumen, in denen er nach und nach die Stimme Gottes erkannte. Auch Franziskus brauchte einige Jahre des verborgenen Lebens, um die seelischen Einbrüche wie die hoffnungstiftenden Impulse zu verarbeiten. Die Dreigefährtenlegende berichtet, daß er sich in eine Höhle zurückzog -  ein äußerer Ausdruck seines inneren Zustandes; daß ihn bei aller Finsternis eine unsagbare Freude überflutete und ein wunderbares Licht erhellte (3).

Der Aufenthalt in einer Höhle wird auch vom hl. Benedikt erwähnt: Wie unsicher die historischen Quellen auch sein mögen, die Tatsache des Berichtes darüber zeugt vom Wissen, daß es für das Werden großer Persönlichkeiten den Rückzug braucht und die Höhle das entsprechende Symbol ist; denn die Höhle entspricht dem seelischen Mutterleib, aus dem der neue größere Mensch geboren wird.

Das Thema der Wiedergeburt erinnert an die Aussagen über die Taufe ("Wiedergeboren aus Wasser und Geist" Vgl. Joh. 3, 3). Es ist tatsächlich so, daß sich Wirkungen des Taufprozesses der christlichen Frühzeit, - sie geschah an Erwachsenen - mit den tiefenpsychologischen Erkenntnissen über Wandlungen in der Lebensmitte berühren. Eine Überwindung der Krise der Kirche und der Gesellschaft ist nicht von äußeren Maßnahmen zu erwarten, sondern vom Nachvollzug der Taufe, welcher den Glaubenden in der Tiefe seiner Seele mit allen Gefühlen und Antrieben wandelt.

 

Träume-  ein Blick in die Werkstatt der Seele

Erschreckende Szenen

Daß Träume Weltgeschichte machen, klingt in den Ohren der Menschen unserer Zeit absurd. Selbst wenn wir unsere Träume zu beobachten, stoßen wir als allererstes auf Unverständliches, sehr häufig auch auf Banalitäten, denen wir keine Beachtung zu schenken brauchen. Nicht alles muß gedeutet werden. Manches dürfen wir als Nachwirkung der Tagesereignisse oder einer Fernsehsendung sehen; wo es darum geht, daß die Seele sich noch damit befaßt und mit den Aufregungen erst fertig werden muß.

Anders ist es, wenn Szenen im Traum uns so erschrecken, daß wir sogar davon aufwachen und Angst oder Trauer zurückbleiben. Beispiele von Angstträumen sind: Wir fallen von einem hohen Gebäude oder einer Brücke; wir werden von jemand verfolgt oder bedroht; wir werden hingerichtet; wir selbst sind gestorben oder jemand aus der Familie oder sonst ein für uns wichtiger Mensch; wir sind in einen Mord verwickelt, entweder daß wir darum wissen und damit in Gefahr sind, oder daß wir selbst ihn ausführen sollen oder schon begangen haben.

Solche Träume können wir nicht so leicht vergessen; sie belasten uns und es fällt schwer, sie als Boten der Seele anzuerkennen oder sogar Spuren einer Lebenshoffnung zu entdecken. Man sollte aber beachten: Träume sind zunächst die Bestandsaufnahme der unbewußten Seele, eine in Bildern dargestellte Spiegelung der inneren Prozesse, ein Blick in die Werkstatt der Seele. Ob diese für uns zum Guten werden hängt wesentlich davon ab, wie wir uns zu ihnen verhalten, ob wir sie vernachlässigen und verdrängen oder ob wir sie ernst nehmen und uns auf sie einlassen.

Angstträume sind gewiß nicht erfreulich und enthalten als solche noch keine tröstenden Bilder, aber sie sind insofern hilfreich als sie vor übereilten Entschlüssen warnen und zunächst einmal zum Stehenbleiben und Überlegen auffordern, z.B. wenn wir vor einem schmalen ungesicherten Übergang über einen Fluß oder Abgrund stehen. Die Szene will dem(r) Träumer(in) sagen, daß er/sie noch nicht so weit ist, eine endgültige Entscheidung zu treffen z.B. eine Heirat einzugehen; daß er/sie noch Zeit braucht für eine innere Entwicklung. Man darf durchaus davon ausgehen, daß die Angst eine Warnung ist und vor gefährlichen und schädlichen Schritten warnen will.

 

Erwachen aus dem Wesensschlaf

Wir dürfen das Aufwachen durch einen Angsttraum im Zusammenhang mit dem Erwachen aus dem Wesensschlaf betrachten, d.h. daß wir hellhörig werden dafür, wie es mit uns im Innersten steht und daß wir wie beim Aufstehen am Morgen neue belebende Impulse spüren. Mit Wesensschlaf ist eine Einstellung gemeint, wo man tieferen Lebensfragen ausweicht durch ständige Ablenkungen in der Freizeit oder durch eine ungezügelte Arbeitswut, wo man am Schluß nicht mehr weiß, wofür man arbeitet. Man will nicht wahrhaben, daß Krankheit, Alter, Abschied und Tod genau so zum Leben gehören und daß sie nicht Mißlingen des Lebens bedeuten; daß deren Bewältigung von Faktoren abhängt, die in der Mitte unseres Wesens ihren Sitz haben. Daß dieses erwacht und eigenständig wirkt, merken wir an neuen beglückenden Erfahrungen; daß die Angst schwindet; daß wir lebendiger werden und wieder Freude am Leben haben, wie dies ein junger Mann nach jahrelanger seelischer Krankheit berichtet. Es ist ein Prozeß der Heilung und des Wachstums der Persönlichkeit. Wir werden ausgeglichener, echter, persönlicher und weniger schablonenhaft, vor allem aber gütiger und verständnisvoller gegenüber den Menschen, mit denen wir es zu tun haben. Es werden Kräfte frei, die unserem eben eine erlösende Wende geben gerade im Hinblick auf dessen dunkle Seiten.

Ganz allgemein läßt sich sagen: Unser Wesen ist dann erwacht, wenn unsere Seele anfängt, uns zu interessieren; wenn wir unsere Träume aufschreiben eventuell sogar malen, wenn wir uns eine(n) kompetente(n) Traumbegleiter(in) suchen und dafür Zeit und Geld aufwenden; wenn uns der Fortschritt unserer Seele mehr wert ist als äußerer Erfolg oder die Anschaffungen von mehr Komfort oder eine teure Urlaubsreise.

Unter diesem Aspekt machen Träume noch keine Weltgeschichte, haben aber sehr viel mit unserer eigenen Lebensgeschichte zu tun.

Angstträume sagen uns, wie fadenscheinig und hohl das Getue um noch mehr Abwechslung, Sensation, Vergnügen und noch mehr Genuß ist, aber ebenso wie brüchig eine scheinbar sichere Position sein kann, und vor allem auch, was hinter den Fassaden einer scheinbar gesitteten und christlichen Gesellschaft vor sich geht. Eine Lehrerin, die von ihren Kollegen angefeindet wurde, erlebte im Traum, daß sie von einem Rudel Wölfe umzingelt ist und gerade noch das rettende Haus erreicht. Die Wirklichkeit ist, daß sie von ihren Kollegen angefeindet wird, daß sie unter einer Art von Mobbing leidet.

Erschreckend sind Träume besonders dann, wenn sie von Mord und Tod handeln, wenn Angehörige sterben oder wenn wir sie tot auffinden.

Zum Beispiel sieht eine Frau im Traum ihren Sohn auf sich zukommen. Sein Gesicht strahlt wie die Sonne. Aber eine Stimme sagt: Dein Sohn wird sterben! Diese Botschaft hat verständlicherweise Angst in ihr ausgelöst, sie hat den Traum nach mehr als 10 Jahren noch nicht vergessen, aber sie hatte den letzten Anstoß bekommen, sich mit ihrer Lebenssituation auseinanderzusetzen, ihre Depressionen zu bearbeiten und sie zu überwinden.

Zunächst zum Thema „Bearbeitung“, ein Wort, das man häufig hört und das doch meist fremd bleibt. Eines sollte von Anfang hervorgehoben werden: Die Figuren im Traum bedeuten Gefühle und die Szenen, in denen sie auftauchen, sind deren Schicksal und Verlauf.

Träume von Mord oder Tod eines Angehörigen sollten uns nicht in Panik stürzen; man sollte immer beachten, daß Träume überzeichnen, um so die Aufmerksamkeit auf ein Problem zu lenken. Die Aussage ist, daß beim Thema Tod etwas in uns tot ist; daß wir uns oft wie tot vorkommen ohne Elan, ohne Antrieb, ohne den Impuls, von uns etwas mitzuteilen und ins Gespräch zu kommen.

Die Teilnehmerin eines Kurses erzählte, sie habe im Traum ihre Nichte, ein Kind mit sechs Monaten, tot mit aufgerissenen Augen in der Badewanne gesehen. Nach zehn Jahren lebt das Kind immer noch – es ging gar nicht um dieses, sondern um das innere Kind der Träumerin, d.h. um Gefühle, die man einem menschlichen Wesen in diesem Alter zuwendet; um Zärtlichkeit, Nähe und Geborgenheit. Die Frau sprach aber auch noch von einer tieferen Sehnsucht nach Lebendigkeit, nach Erfüllung, nach religiöser Erfahrung. Offensichtlich stellt das Kind einen wichtigen Lebensimpuls dar, der ihr abhanden gekommen war.

Ebenso wenig ist der im Traum angekündigte Tod des jungen Mannes ein Hinweis, daß dieser bald sterben wird, sondern Ausdruck der Angst der Mutter, die unabhängig von ihrem Sohn das seelische Fundament der Frau erschüttert. Aber selbst wenn ein(e) Fachmann/frau ihr versichern würde, daß keineswegs der nahe Tod des Sohnes gemeint ist, würde sie diese Befürchtung nicht los werden. Entscheidend ist, ob sich auf der Basis der Gefühle etwas verändert, d.h. ob sich ihre Angst reduziert. Dazu bedarf es des vertrauensvollen Gegenübers anderer. Sobald ein Traum oder ein Stück einer Lebensgeschichte in einer beruhigenden, vertrauensvollen Atmosphäre bei einem Therapeuten(in) oder in einer Runde von mitfühlenden und verständnisvollen Teilnehmern eines Seminars erzählt wird, verliert das Ereignis (ob im Traum oder in der Wirklichkeit) von seinem faszinierenden, bedrängenden und angstmachenden Charakter. Der  die Träumer / in fühlt sich erleichtert, befreit und gestärkt. Er / sie hat die Erfahrung gemach, daß es auch anders sein kann und daß der Umgang mit Träumen in dieser Form etwas bringt.

Weiter hat sich das Malen eines Traumes als sehr hilfreich erwiesen. Es geht hier nicht um die kunstfertige und gelungene Darstellung, sondern um die Weiterführung des Prozesses, den der Traum beinhaltet. Gerade was im Bild unabsichtlich entstanden ist, gibt am meisten Aufschluß über den augenblicklichen Zustand des Malers, der sich durch die Beschäftigung mit dem Traumbild schon ein Stück verändert hat. Um auf die Frau mit den Wölfen zurück zu kommen: auf dem Bild, das sie von dieser Szene anfertigte, waren statt der Wölfe nun Schafe zu sehen. Es würde darauf hinweisen, daß sie die Angst vor den wilden Tieren, d.h. überhaupt ein Stück der Angst verloren hat. Es könnte aber auch sein, daß sie in ihrer wirklichen Aggression nicht stehen kann; daß ihr die Kraft fehlt, sich zu wehren und sich durchzusetzen. Was nun zutrifft, muß die Malerin bzw. Träumerin selbst entscheiden. Die Frau, die vom Tod ihres Sohnes träumte, konzentrierte sich auf dessen leuchtendes Gesicht und malte als Symbol einen strahlenden Stern mit spitzen Zacken. Sie erklärte, daß sie im Laufe der Jahre mit Hilfe einer Therapie die dunklen Seiten ihres Lebens überwunden habe, daß sie in sich eine Liebe spüre, durch die sie die Zukunft, wie immer sie kommen mag, annehmen könne.

Es läßt sich einsehen, daß das leuchtende Gesicht ihres Sohnes Ausdruck ihrer Lebensenergie und Lebenshoffnung ist. Entscheidend daran ist, daß sie an diesen Strom vom Erleben her angeschlossen wird und dazu ist sowohl das Erzählen, wie das Malen des Traumes sowie die Besprechung des Bildes hilfreich. In den spitzen Zacken erkannte sie noch den Rest ihrer Angst und ihres Schmerzes. Es sei noch einmal gesagt, daß die Deutung eines Traumsymbols, die wir in einem Traumbuch finden oder die uns vielleicht sogar ein(e) Fachmann/frau sagt, uns noch lange nicht das Verstehen des Traumes bringt, sondern bestenfalls der Beginnsein kann; denn hier geht es um einen Prozeß, bei dem die Gefühle mitwirken müssen, bis die Spannung sich löst, wir auf einer tieferen Ebene des Empfindens ankommen und die Dinge von einer anderen Perspektive sehen. Erst auf diese Weise geschieht wirkliche Veränderung von innen her und ist echte Versöhnung möglich.

In derselben Richtung der symbolische Aussagen sind Traumszenen, die mit Mord zu tun haben. Das Thema „Mord“ läßt aufhorchen. Es geht um etwas Unbekanntes, Unheimliches, Schwerwiegendes, weswegen das Unbewußte dieses Bild wählt. Die Teilnehmerin eines Kurses erzählte, daß sie im Traum einen Mord begangen habe und daß dieses Geheimnis gelüftet werde. Ausgeschlossen ist, daß es sich hier um einen realen Mordfall handelt. Die Wirklichkeit ist aber, daß sie als Kind von ihrem eigenen Vater mißbraucht wurde. Es war tatsächlich ein Seelenmord. Es ist ein psychischer Mechanismus, daß die Opfer in solchen Fällen die Schuld des Täters auf sich nehmen. Sie fühlen sich entehrt und „geschändet“ und schweigen aus Scham darüber, obwohl objektiv kein Grund dafür besteht. Wie soll ein Kind die Wut auf den Vater, von dem es in allem abhängig ist und den es liebt, zulassen und ihn beschuldigen? (4). So richtet sich ihre „Mords“wut gegen sich selbst. Im Traum sieht das so aus, daß sie eine Frau ersticht, die sie als sie selbst erkennt, d.h. ihr eigenes Frausein, ihre Identität, ihre echten Gefühle wurden umgebracht. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es für sie sein muß, eine Beziehung einzugehen und Nähe als beglückend zu erleben.

Nichts macht deutlicher, wie sehr die junge Frau den Zugang zum eigenen Gefühl verloren hat, daß sie sich im Traum als Täterin empfindet, während sie das Opfer ist. Wenn es in einer so leidvollen Lebensgeschichte wie dieser um Auffindung des Eigenen geht, dann ist das Zulassen des Schmerzes und der Trauer der erste Schritt. Im Empfinden des Leids sind keine Rollen mehr vertauscht, dort ist jede(r) ganz sie / er selbst; es ist immer das eigene Leid. Deshalb ist ein wirkungsvolles Durcharbeiten eines belastenden Traumes immer mit Tränen verbunden. Sie sind es, die Spannung lösen und in eine befreite und wohltuende Tiefe führen.

Gewiß ist nicht jedes Weinen heilsam. Es ist ein Unterschied, ob jemand für sich allein weint und dabei von belastenden Vorstellungen und Impulsen immer noch mehr in eine negative Stimmung hineingezogen wird, ob man sich wie im Kreise dreht, oder ob die mitfühlende Nähe eines(r) Therapeuten / in oder einer Gruppe das bedrängte Ich des unglücklichen Menschen auffängt und ihm auf diese Weise sein Selbstwertgefühl zurückgibt.

 

 

Anmerkungen

1. TV - Kritik, Augsburger Allgemeine Zeitung vom 1.4.1999 Nr. 76

2. C. G. Jung, GW XI 359

3. VGL. Otto Karrer, Legenden und Laude, Zürich 1975 / 42

4. Vgl. Ursula Witz, Seelenmord, Inzest und Therapie, Zürich 1989 / 211

Aus: Guido Kreppold, Träume – Hoffnung für das Leben, Münsterschwarzach 1999