Vortrag

VHS Augsburg Willy Brandt-Platz 3a

Dienstag 08.06.19.00

 

Verschwörungsmythen und Zen


Absurde Vorstellungen auf verschiedenen Ebenen.

Verschwörungstheoretiker wissen genau, wer schuld ist an der Corona-Pandemie, am Klimawandel, an den Flüchtlingsströmen. Zen-Meister sagen ihren Schülern: „Höre das Klatschen der linken Hand!". Beides erscheint logisch Denkenden absurd. Beide wollen die Rätsel der Welt lösen. Die einen, indem sie die „Schuldigen" bekämpfen, die andern, indem sie zum Sitzen in der absoluten Stille einladen, wo sich die Rätsel auf ganz andere Weise lösen.

I

                         Verschwörungsmythen: welche gibt es?

 

Die Protokolle  der Weisen von Zion Die Protokolle der Weisen von Zion (auch Geheimnisse der Weisen von Zion, Zionistische Protokolle, Protokolle Zions) geben vor, eine weltumspannende Verschwörung jüdisch-freimaurerischer Mächte zu belegen. 2 Es enthält eine  Rede, die ein anonymer jüdischer Sprecher vor einer nicht näher gekennzeichneten Zuhörerschaft an einem ungenannten Ort zu einem ungenannten Zeitpunkt gehalten hat. In dieser Rede werden -die geheimen Methoden und Ziele einer angeblich jahrhundertealten jüdisch-freimaurerischen Verschwörung gegen die gesamte nichtjüdische Welt dargelegt. Die Verschwörer unterwandern sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens, wobei sie sich der internationalen Gemeinschaft der Freimaurer bedienen. So sollen die Völker durch Parteienhader und Klassenkämpfe, Kriege und Revolutionen, Hungersnöte und Seuchen zermürbt, durch die „Macht des Goldes" und durch Spekulationsgeschäfte wirtschaftlich ruiniert, mit dem „tödlichen Gift" des Liberalismus infiziert sowie durch Rationalismus, Materialismus und Atheismus - genannt werden die Lehren von Darwin, Marx und Nietzsche - moralisch zersetzt werden. Auf diese Weise in Anarchie und Elend getrieben, würden die Nichtjuden aus Sehnsucht nach Sicherheit und Frieden „den Juden" schließlich die gesamte Macht anbieten.

Nach dem ersten Weltkrieg kam die Meinung auf:  Die Juden seien schuld an der Niederlage Deutschlands. Beleg dafür seien die Protokolle der Weisen von Zion. Darauf stützte Hitler seine Propaganda.  Er sagte wörtlich: „Wenn der Jud noch einmal versucht, uns zu vernichten, dann    !!!!.... Deshalb kann nur eines richtig sein: die Juden auszurotten, bevor sie uns ausrotten. Die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt dazu:

Die Nazis begannen mit ihrer ideologischen Fiktion einer Weltverschwörung und organisierten sich mehr oder weniger bewusst nach dem Modell der fiktiven Geheimgesellschaft der Weisen von Zion."[176]

Heute kann man hören: Die Juden sind an Corona schuld.

 

2.QAnon QAnon ([kjuːəˈnɒn]) oder kurz Q nennt sich eine mutmaßliche US-amerikanische Person oder Gruppe, die seit 2017 Verschwörungstheorien mit rechtsextremem Hintergrund im Internet verbreitet. Im Mittelpunkt steht die Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen. Der Ex-Präsident Donald J. Trump bekämpfe diese Elite und einen vorgeblichen „Deep State". In Zusammenhang damit steht die sogenannte „Pizzagate"-These, wonach hochrangige Politiker der Demokraten angeblich einen internationalen Kinderhändlerring zur Prostitution Minderjähriger betreiben. Sie werden mit vielen weiteren Verschwörungsthesen verknüpft. Daraus entwickelte sich eine Verschwörungsideologie mit Millionen Anhängern. Experten in den USA und Deutschland schätzen sie als schwere aktuelle Gefahr für die repräsentative Demokratie ein.

3. Corona- Mythen

Das Coronavirus sei in einem Labor gezüchtet worden, die Krise sei von Politikern seit langem geplant, die Maßnahmen der Bundesregierung seien schlicht überzogene Panikmache: Solche und ähnliche Mythen, Falschinformationen und Halbwahrheiten werden derzeit in Videos und Texten massenhaft in sozialen Netzwerken verbreitet. 19 solcher fragwürdigen YouTube-Videos wurden in den letzten sechs Wochen rund zwölf Millionen Mal angesehen. Diese und weitere Texte und Videos wurden auf Facebook 300.000 Mal geteilt. Das bedeutet: Vermutlich Millionen Menschen haben auf der Plattform Halbwahrheiten und Falschinformationen zu Corona gesehen.

Dazu der Bericht einer Frau, die sich von diesen Mythen gelöst ha[1]t.„Ich war eine lange Zeit Verschwörungsgläubige. Ich glaubte die Welt wird von einer verborgenen Elite geleitet, die Medien werden gesteuert; Wer eine andere Meinung vertritt, wird dafür bezahlt. Corona ist nur eine Erfindung dieser geheimen Weltregierung, Die Maßnahmen sind nur dazu da, um Angst zu machen und die Leute in Schach zu halten. Insgeheim wird eine neue Weltordnung geplant.

II Begegnung mit dem Absurden

Mythen nehmen dann überhand, wenn eine kollektive, allgemein verbreitete Verunsicherung eintritt. und die festen Grundüberzeugungen nicht mehr tragen. Es sind Krisenzeiten, in denen die bisherige Sicht der Dinge in Frage gestellt wird, die Situation nicht mehr einzuordnen ist. Die deutsche Niederlage im ersten Weltkrieg konnte die meisten Deutschen nicht verkraften. 1914 war man überzeugt: wir Deutsche werden angegriffen, wir sind im Recht und wir werden siegen. Dann kamen die Niederlage und die Schuldzuschreibung...Das war für viele das absolut Absurde. Auf diesem Hintergrund griffen die Verschwörungsmythen und greifen heute im Hinblick auf die Coronakrise und auch im Hinblick auf die Institution Kirche. Sie geben Sicherheit, Überlegenheit und Wichtigkeit in der festen Überzeugung: Wir blicken hinter die Kulissen.

Stellen wir Zen- Praxis und fernöstliches Denken daneben mit folgenden irritierenden Sätzen:

Der Schüler fragt den Meister: wie komme ich zur Erleuchtung? Der Meister sagt:

„Höre das Klatschen der linken Hand!"

Ein anderer Meister sagt: „Mit leeren Händen gehe ich dahin, und, siehe, der Spaten ist in meinen Händen.

Ich wandere zu Fuß und reite dabei auf dem Rücken eines Ochsen.

Wenn ich über die Brücke schreite,

Siehe, so fließt nicht das Wasser, sondern die Brücke." [2]

Nichts erscheint unlogischer und widerspricht dem gesunden Menschenverstand mehr als diese vier Verse. Deshalb erscheint Zen verwirrend und jenseits des vernünftigen Denkens, einfach absurd!

Wer die Sätze liest ohne den Hintergrund zu kennen, wird sagen: Kompletter Unsinn! Eine absurde Weltanschauung, mit der man sich als denkender, aufgeklärter Mensch nicht abgeben muss. So kann man von einem Theologen hören, wenn er an Zen denkt:

„Soll ich über mein Schuhbändchen meditieren? Meinen Bauchnabel betrachten?" So wird diese Methode eingeschätzt,  im theologischen Diskurs gerade in der Zeit der Krise nicht einmal erwähnt.

Vergessen wird dabei, dass bei Zen-Kursen gerade Vertreter aus höchst rationalen Berufen- Mathematiker, Physiker, Manager anzutreffen sind. Sie setzen sich absichtlich dem Absurden aus und dies mit gutem Gewinn.

 

III

 

Nicht die Argumente, die Emotionen!

Trotz allem brauchen wir eine Erklärung, warum die Mythen einen solchen Erfolg haben. Wir kommen dann weiter, wenn wir nicht nur auf Vernunftsgründe[GK1] [GK2] , d.h.auf äußere Fakten und logische Schlüsse schauen, sondern auf die emotionale und existenzielle Ebene, wo die letzte Motivation liegt.

In Krisensituationen sucht man als erstes nach der Schuld. Man findet sie bei denen, mit denen man im Konflikt steht oder die einem schon immer unsympathisch waren. Es ist ein Vorgang, den man gar nicht absichtlich macht, sondern der spontan eintritt, der r dann mit logischen Argumenten begründet wird. In der Tiefenpsychologie spricht man von Projektion des eigenen Schattens. Dies lässt sich bei persönlichen Krisen beobachten. Bei einer Ehekrise wird der Partner für die Ursache allen Übels gehalten, oft sogar fein säuberlich psychologisch analysiert, beim Scheitern im Beruf der Arbeitgeber, ebenso in der Politik. Es hat den Vorteil, dass das Individuum vor weiterer Verunsicherung geschützt ist.. Im Grund sind es meist auch nur Mythen über den andern. Nicht beachtet wird, dass es die eigenen Emotionen sind, welche den andern in einem bestimmten Licht sehen, sogar das Unheil mitverursacht haben und eine Lösung nur dann gelingt, wenn sie bearbeitet werden.

So dürfen wir uns auch die Wirkung einer kollektiven Verunsicherung vorstellen.

Hier sucht man auch die Schuld bei denen, die einem schon immer emotional quer lagen. Alte, tief eingesessene mit Affekten hoch aufgeladene Vorurteile bekommen in den Mythen ihren Ausdruck und ihre scheinbare Begründung.

Es gelingt ganz selten, jemand davon mit objektiven Argumenten abzubringen. Selbst noch so gut gesicherte Tatsachen greifen nicht, weil es um einen höchst existenziellen, emotionalen Vorgang geht.

 Im Grund sucht jeder Mensch gerade in schwierigen Situationen nach Bestätigung, nach Zuwendung, nach jemand, von dem man   ernst genommen und für wichtig gehalten wird. Nur wenn diese Ebene berücksichtigt wird, kann es einen Fortschritt im Denken und  in der äußeren Wahrnehmung geben, kann sich eine Weltanschauung -Anschauung der Welt- verändern.

Der Rahmen ist entscheidend

Dass Jede/r hat seinen eigenen Rahmen hat, womit er die Dinge wahrnimmt und verarbeitet, war schon den Philosophen des Mittelalters bekannt [3] und wurde von der modernen Psychologie bestätigt. Sie hat experimentell nachgewiesen, dass wir nach einem bestimmten Schema die Dinge auswählen, ihnen einen besonderen Akzent und bestimmte Struktur geben und sie in einen vorgegebenen Rahmen stellen[4]. Alles, was nicht in diesen passt, wird als bedrohlich empfunden oder als bedeutungslos oder sogar als nicht existent betrachtet.

Es besteht also die Notwendigkeit, an diesen heranzukommen und ihn zu verändern.

Hier helfen keine Argumente, eher schon ein Wechsel vom gedanklichen Vorgehen zur tatsächlichen Erfahrung. Nicht mehr das scheinbar sichere Wissen um die objektiven Tatsachen bringt weiter, sondern das Bemühen um Vertiefung der Existenz, zuerst der eigenen Existenz und dann kann die Wandlung des andern gelingen.

Die Rolle des Zen:  den Rahmen sprengen

Unter diesem Aspekt kann die Rolle des Zen, seine unverständlichen, verwirrenden Äußerungen aufgehen. Zen hat keine Theorie, sondern ist Anleitung um das Absurde des Lebens zu überwinden.

Es soll die logische Unmöglichkeit vor Augen gestellt werden. Die Probleme, die unlösbar scheinen, , werden nicht durch Nachdenken, neue Informationen gelöst, sondern indem sich der Horizont Wahrnehmens und Denkens verändert. Das

 Wir dürfen den Satz „Höre das Klatschen der linken Hand" verstehen als Aufforderung: Weg vom rationalen Kalkül, vom Denken in Ursache und Wirkung, hin zur Ebene des existentiellen Betroffen seins!

 Es sind gerade hochqualifizierte Männer und Frauen mit rationalen Berufen, die man bei Zen-Kursen antreffen kann. Es werden dabei keine philosophischen Gedankengänge gewälzt, ob es Gott gibt oder nicht, sondern es ist das absolute Nicht-Tun: nicht reden, sich nicht bewegen, nicht denken! Es wird die Ratlosigkeit und Ergebnislosigkeit überwunden, wozu meist heftige Diskussionen über Wahrheit und Unwahrheit führen. Damit auch die Enttäuschung, der Ärger und die Frustration vermieden, die immer dann auftreten, wenn sich der andere selbst durch stichhaltige Argumente, wie man meint, nicht überzeugen lässt.

Die Leere, das Absurde bewusst ausgehalten, wird zur Fülle, die Unsicherheit zur Gewissheit. Die Teilnehmer verlassen nach fünf Tagen das Meditationshaus mit entspannten, freudigen Gesichtern, etwas mehr gerüstet für die anstehenden Aufgaben und mit dem sicheren Gefühl, dem Sinn ihres Lebens näher gekommen zu sein. Gerade im absoluten Nicht-Tun vollzieht sich die Wandlung, die man selbst nicht herbeiführen kann. Was hindert, auf eine Instanz zu schließen, die das Ganze herbeiführt?

Das Denken wird nicht verboten, es wird klarer und immer deutlicher auf das Bedeutsame gerichtet, sodass andere Prioritäten gesetzt werden. Wie von selbst ändern sich die Bedürfnisse zu mehr Einfachheit im Lebensstil. Das Urlaubsziel ist  der Aufenthalt in einem Meditationshaus oder in einem Kloster in dieser Qualität, einfach deshalb, weil man mehr davon hat..

Der Weg der absoluten Stille führt, wenn er treu durchgehalten wird, zu einem Ziel, an das man vorher nicht gedacht hat. Das Absurde wird im Zen überwunden, indem es selbst zum Thema gemacht wird. Die so verwirrend klingenden Sätze konfrontieren den Zen-Übenden unmittelbar mit dem Undenkbaren, wollen das logische Denken relativieren, weil von ihm nicht die Lösung kommt. Dazu noch einige Bemerkungen von einem Zen-Kundigen, die gar nicht so unlogisch klingen.

„Zen bemüht sich, des Menschen Lebendigkeit, angeborene Freiheit und vor allem die Ganzheit seines Wesens zu erhalten Zen will das Leben von innen her leben Nicht an Regeln gebunden sein, sondern jedem einzelnen seine Regeln schaffen. Daher seine unlogischen oder überlogischen Aussprüche."[5]

 

 

 

 

 

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[1] Ingrid Brodning, Einspruch, Verschwörungsmythen und Fake News kontern in der Familie, im Freundeskreis und online, Wien 2021 S.8

[2] C.T.Suzuki,Die Große Befreiung, Einführung in den Zen-Buddhismus, Fischer-Taschenbuch 1978, S 57

[3]„Quidquid recipitur, admodum recipientis recipitur". Was immer wahrgenommen wird, wird nach Art des Wahrnehmenden wahrgenommen.

[4] D. Pfau und P. Jankowski: Social perception, in : Arnold und Pauli, Experimentelles Praktikum, Stuttgart 1972.

[5] C.T.Suzuki,Die Große Befreiung, Einführung in den Zen-Buddhismus, Fischer-Taschenbuch 1978, S.64

 


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